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Coming-out:"Ich kannte Homosexuelle nur aus dem Fernsehen"

Ein Mutter-Tochter-Gespräch in der Küche, Getuschel auf dem Tennisplatz: Die 19-jährige Lisa erzählt zum "Coming Out Day", wie ihr Umfeld auf die Nachricht reagiert hat, dass sie lesbisch ist.

Seit 1988 wird am 11. Oktober der Coming-Out-Day begangen. Der Tag soll Homo- und Bisexuelle sowie Transgender-Personen ermutigen - und ihnen ihr Coming-out erleichtern. Viele von ihnen kämpfen mit Mobbing, Gewalt und dem Gefühl, allein zu sein. In Deutschland weist der Verein Coming Out Day auf die Schwierigkeiten hin, denen sich viele junge Homosexuelle zu stellen haben. Lisa M. ist 19 Jahre alt und hat gerade ihr Abitur in München gemacht - und sie ist lesbisch. Auf sueddeutsche.de erzählt die junge Frau, wie sie mit anderen darüber gesprochen hat - und wie Mitschüler und Eltern reagiert haben.

Eisbach im Englischen Garten, 2010

Jüngeren Frauen würde Lisa gerne Mut machen. Ihr Tipps fürs Coming-out: "Locker angehen". Im Bild: Zwei junge Frauen am Eisbach im Englischen Garten in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ich habe schon mit zwölf Jahren gemerkt, dass ich anders bin. Mädchen haben mir immer besser gefallen, ich fand sie interessanter. Aber viele halten Frauen schließlich für das attraktivere Geschlecht, und so habe ich mir nichts weiter gedacht. Trotzdem hat es nie aufgehört: Ich konnte nicht für Jungs schwärmen wie die meisten Mädchen in meiner Klasse, und Johnny Depp fand ich zwar ganz hübsch, mehr aber nicht. Mit 14 war ich mir sicher: Ich bin lesbisch.

"Das ist das Einzige, was jetzt kompliziert ist", dachte ich damals. In der Schule, mit Familie und Freunden, überall lief es super. Nur in dem Punkt hatte ich jetzt ein Problem. Wobei - als Problem habe ich es nicht empfunden, eher als interessant. Zuerst habe ich mir Bücher über Homosexualität aus der Stadtbibliothek ausgeliehen. Und ich habe "lesbisch" gegoogelt. Ich bin schnell bei lesarion gelandet, einer Art Lesbennetzwerk mit Forenfunktion und einem Team, dem man Fragen stellen kann. Die Seite hat mir sehr geholfen, denn so habe ich gemerkt, dass es viele Lesben gibt. Davor kannte ich homosexuelle Frauen nur aus dem Fernsehen.

"Bei dir wird das erste Mal mit einer Frau sein, oder?"

Meine Freundinnen haben wohl geahnt, dass ich nicht hetero bin. Sie haben ja mitbekommen, dass ich mich bei Jungs nicht so reinsteigern konnte. Mit 14 waren wir für eine Übernachtungsparty bei einer Freundin eingeladen, und die Sprache kam aufs erste Mal. "Bei dir wird das eher eine Frau sein, oder?", hat mich eine Freundin plötzlich gefragt. Zuerst habe ich alles abgestritten, aber dann habe ich gesagt: "Vielleicht...." Meine Freundinnen haben das damals nicht richtig realisiert, das kam später. Sie haben es super aufgenommen. Zuerst hatte ich ein bisschen Angst, dass sie es in der Schule erzählen, aber sie haben dichtgehalten.

In meiner Familie hat es zuerst meine Mutter erfahren. Ich habe immer Andeutungen gemacht und öfter mal Romane mit lesbischen Hauptpersonen im Haus herumliegen lassen. Eines Nachmittags, ich war 15, saßen meine Mutter und ich in der Küche. Sie zeigte mir ein Bild von einem Schauspieler und fragte, ob ich den nicht auch süß fände. "Nee, nicht unbedingt", habe ich geantwortet. - "Weil du dich generell nicht für Männer interessierst?", hat sie gefragt. Und ich habe einfach "ja" gesagt.

Ihre Reaktion war ziemlich typisch: Zuerst hat sie erklärt, dass es vollkommen in Ordnung ist - aber dann kam das "vielleicht ändert es sich ja noch". Dabei war ich schon total sicher, dass sich da gar nichts mehr ändert. Aber meine Mutter hat es bald akzeptiert und auch meinem Vater erzählt. Es war dann für beide kein Problem.

Bei meinem kleinen Bruder war das ein bisschen anders, der war damals erst elf Jahre alt. Ich dachte, dass er Bescheid weiß, aber da lag ich vollkommen falsch. Als ich von einer Veranstaltung für Lesben erzählte, guckte er mich mit großen Augen und fragte, warum ich da hingehe. "Na, weil ich lesbisch bin", habe ich gesagt. Das war zuerst komisch für ihn, aber er hat sich schnell wieder eingekriegt. Heute verstehen wir uns super.

"Ich würde es trotzdem niemandem auf die Nase binden"

Meine erste Freundin hatte ich mit 17. Ich hab' sie über das Diversity-Jugendzentrum in München kennen gelernt, wo sich junge Lesben und Schwule regelmäßig treffen. Wir sind sogar am selben Tag geboren und waren ein Jahr zusammen. Am Anfang wollte sie in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten, weil sie vermeiden wollte, dass es gleich alle Mitschüler wissen. Schließlich trafen wir uns immer in der Münchner Innenstadt, wo sie zur Schule ging. Eines Tages hat sie aber beschlossen, dass es ihr jetzt egal ist.

An meiner Schule hat es sich irgendwann auch herumgesprochen. Sogar einige meiner Lehrer wussten Bescheid. Zum Glück hatte niemand Probleme damit - ich war einfach an einem sehr toleranten Gymnasium. In der Öffentlichkeit habe ich ebenfalls keine negativen Erfahrungen gemacht. Manche gucken zwar ein bisschen komisch, wenn zwei Frauen Händchen halten, aber es ist noch nie jemand aggressiv geworden.

Frauen haben es aber einfacher als Männer. Mädels sind sowieso immer enger beisammen, da sind die Grenzen zwischen Freundschaft und Beziehung vom Verhalten her fließend. Bei Jungs wird es schneller klar. Und Jungs sind dem eigenen Geschlecht gegenüber weniger tolerant. Ich glaube, die haben einfach Angst davor, dass ein Schwuler auf sie stehen könnte.

"Dann haben die Kleinen eben zwei Mamas, warum nicht?"

Als letztes haben die Mädels in meinem Tennisclub von meiner Homosexualität erfahren. Ich wollte am Anfang mit denen nicht drüber reden. Erstens sind sie keine engen Freunde, und zweitens haben sie manchmal Bemerkungen gemacht wie "Die sieht aus wie 'ne Lesbe". Das hat mir nicht gepasst. Eines Tages, da war ich 18, haben sie dann über ihre Freunde geredet und mich gefragt, ob ich auch einen habe. "Ich hab' ne Freundin", habe ich gesagt. Da war die Antwort erst mal nur "Aha." Dann haben sie ein bisschen getuschelt und später nochmal nachgefragt. Aber zum Glück haben sie sich nicht dran gestört.

Ich würde trotzdem niemandem einfach so auf die Nase binden, dass ich lesbisch bin. Sobald man enger befreundet ist, kommt das Thema sowieso zur Sprache. Heute gehe ich immer noch zu den Diversity-Treffen und bin inzwischen sogar im Leitungsteam der lesbischen Jugendgruppe. Dort bekomme ich natürlich mit, wie bei anderen das Coming-out abläuft. Bei vielen gibt es ähnlich wenig Probleme wie bei mir, aber es kommt sehr darauf an, in welche Schule man geht und mit wem man zu tun hat. Für Migranten ist es sicherlich besonders schwierig.

Generell finde ich aber, dass die Akzeptanz für Homosexuelle in der Gesellschaft so groß ist wie noch nie. Mit dem Internet ist es außerdem einfacher, sich zu informieren und andere Homosexuelle kennenzulernen. Ich selbst hatte zum Beispiel eine lesbische Brieffreundin. Auch zu den Treffen der Vereine traut man sich eher, wenn man gemeinsam mit einer Internetbekanntschaft hingeht.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Lesben und Schwule den Heterosexuellen vollkommen gleichgestellt werden. Ich finde die eingetragene Lebenspartnerschaft super, aber warum können Homosexuelle nicht heiraten wie jeder andere auch? Außerdem sollten Homosexuelle Kinder adoptieren können. Ich selbst will später auf jeden Fall Kinder. Dann haben die Kleinen eben zwei Mamas, warum nicht?

Wenn heute ein zwölfjähriges Mädchen meinen Rat suchen würde, weil sie glaubt, lesbisch zu sein, dann würde ich ihr Mut machen und ihr sagen, sie soll es locker angehen. Vieles beim Coming-out ergibt sich einfach, zumindest war das bei mir so. Trotzdem glaube ich, dass es Coming-outs noch lange geben wird. Bis jemand fragt: "Hast du eigentlich einen Freund oder eine Freundin?" wird es noch eine Weile dauern.