Chronik eines Desasters Alles in Fetzen

Vor neun Jahren stürzte in Köln das Stadtarchiv ein. Seitdem geht ein Riss durch die Stadt. Direktorin Bettina Schmidt-Czaia verwaltet die Folgen - für manche ist sie Teil des Problems.

Von Jan Stremmel

Sie weiß noch, sie stand hinter dem Haus und war wütend. Was sollte das? Weshalb holte man sie mitten am Tag aus ihrem Büro und brüllte sie an, sie solle den Hinterausgang nehmen? "Gerade will ich den Haustechniker fragen, was denn hier los ist. Da seh ich, wie der Turm einstürzt." Man sehe in so einem Fall seltsamerweise nur den obersten Teil eines Gebäudes, sagt sie, der Rest verschwinde in einer braunen Staubwolke. "Das war ein Schmerz, als hätte mich einer erstochen."

Bettina Schmidt-Czaia sitzt zurückgelehnt hinter ihrem Besprechungstisch, die Arme vor dem Seidenschal verschränkt. Sie atmet hörbar. Noch immer ringt sie um Fassung, wenn sie sich an den schlimmsten Arbeitstag ihres Lebens erinnert. Jener Tag im März ist fast neun Jahre her, der Haustechniker hat ihr und ihren Mitarbeitern das Leben gerettet. Zwei Männer aus dem Nachbarhaus starben.

Auch sie selbst sieht sich als Opfer der Tragödie. Wenn auch als eines mit sehr kühlem Kopf

Die Archivdirektorin hat vor sich auf der Tischplatte Akten und ausgedruckte Mails aufgefächert wie ein gutes Blatt beim Kartenspiel. Ihr Büro liegt jetzt ein paar Straßen entfernt vom alten, nah am Rhein, man hat ein Stockwerk unter dem Finanzdezernat angemietet. Schmidt-Czaia verwaltet von hier aus die Reste eines Super-GAUs: 25 Kilometer Regale, darunter einige der wertvollsten Urkunden, Manuskripte und Nachlässe, die sich in Deutschland seit dem Mittelalter erhalten haben. Sie liegen nun zerfetzt, eingeweicht, mit Betonschlamm verbacken und gefriergetrocknet in einem ehemaligen Möbellager auf einem Feld im Kölner Umland. In knapp zehn Jahren haben Restauratoren gerade mal 13 Prozent gereinigt.

Wobei sie gleich widerspricht, das Bild vom permanenten Ausnahmezustand gefällt ihr nicht. Schon drei Monate nach dem Einsturz habe man wieder neues Material angenommen, "Akten der Stadtverwaltung, die sonst geschreddert worden wären". Für Gejammer und Unentschlossenheit, soll das wohl heißen, habe man keine Zeit gehabt. Die ersten freien Tage nahm sie sich im Oktober, sieben Monate nach der Katastrophe. Auch sie sieht sich als Opfer in dieser großen, sinnlosen Tragödie. Wenn auch vielleicht eines mit sehr kühlem Kopf.

Und das ist sie zweifellos. Aber für viele Leute in Köln ist nicht nur der Einsturz des berühmten Stadtarchivs ein Skandal - sondern auch die Tatsache, dass die Direktorin, die ihn hätte kommen sehen müssen, hier immer noch sitzt.

Der Schock mag nach all den Jahren überwunden sein, aber ein Riss geht noch immer durch die Kulturstadt Köln. Und in dieser Woche des Prozessauftakts wegen fahrlässiger Tötung gegen fünf Mitarbeiter der Baufirma und der Kölner Verkehrsbetriebe wird er sichtbar wie lange nicht.

Ein Krater in Köln: Das eingestürzte Stadtarchiv.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

"Völlig unfähig" sei die Direktorin, sagen Menschen, die Jahre mit ihr zusammengearbeitet haben. Eine ehemalige Führungskraft im Stadtarchiv sagt, Schmidt-Czaia ziehe "eine Spur der Verwüstung nach sich". Nachkommen prominenter Persönlichkeiten, deren Nachlass im Archiv lagerte, finden es "einen unfassbaren Skandal", dass sie noch immer ihren Posten hat.

Sie kenne die Vorwürfe der Nachlassgeber, sagt Schmidt-Czaia und richtet sich auf. "Aber besser ist es, ich halte meinen Verstand zusammen und sorge dafür, dass hier alles wieder aufgearbeitet wird."

Die Baugrube der U-Bahn, in der das Archiv verschwand, ist immer noch offen, kein Beweis darf zerstört werden. Als an jenem Tag das Fundament ins Rutschen kam, riss es noch einen anderen Graben auf, der ebenfalls bis heute offen liegt: zwischen der Stadtverwaltung, den Verkehrsbetrieben und dem Büro der Bürgermeisterin auf der einen Seite - und einem Teil der Kulturelite auf der anderen, der sein Lebenswerk oder das seiner Eltern beim Einsturz verloren hat. Der Zorn richtet sich deshalb so scharf gegen Bettina Schmidt-Czaia, weil das Unglück für viele der Höhepunkt einer jahrzehntelangen Reihe von Schlampereien war. Der Bürgerverein "Köln kann auch anders", der sich in den Tagen nach dem Einsturz aus Protest gründete, spricht von einer "systematischen verwaltungstechnischen Verwahrlosung".

Eine Gruppe von Nachlassgebern hat die Stadt verklagt. "Von dreihundert Familien haben drei geklagt", sagt Schmidt-Czaia mit dem Anflug eines Lächelns, und dass sie durchaus Verständnis für deren Schmerz habe. "Der muss so wie bei mir gewesen sein."

Drei von dreihundert. Ist es dann überhaupt so schlimm? "Die anderen sind inzwischen zermürbt oder verstorben", sagt einer der drei. "Man hält diese Entrüstung nicht über zehn Jahre aus. Wäre ja auch nicht gesund." Oliver König hat sich ein Mineralwasser geholt. Er setzt sich zurück auf die Couch in seinem Kölner Wohnzimmer, links vor der Bücherwand stehen zwei Gitarren, auf dem Couchtisch liegt ein Manufactum-Katalog. Er sei inzwischen Mitte 60, eigentlich versuche er, sich nicht mehr zu ärgern. Aber das Mitgefühl der Direktorin macht ihn auch nach Jahren noch wütend, er hält es für geheuchelt. "Alle sehen sich hier als Opfer, niemand hat Verantwortung für irgendwas."

Er ist der Sohn von René König, einem der bedeutendsten Soziologen der Nachkriegszeit. Der Vater war vor den Nazis geflohen und später als Professor nach Köln gegangen, seine beiden Söhne haben den gesamten Briefwechsel, acht Meter Erstausgaben und Hunderte Kladden handschriftlicher Notizen dem Stadtarchiv überlassen. "Das Zeug lagerte im sechsten Stock des Magazins, dem obersten, der am tiefsten fiel." Die Strudelbewegung, in der das Gebäude einstürzte, wirkte besonders verheerend, wie eine Art Pfeffermühle, Fachleute haben das nachträglich berechnet. Alles weg. Als Oliver König die Aufnahmen des Kraters sah, sei sein erster Gedanke gewesen: Jetzt hat der Krieg den Alten doch noch erwischt.

Erst 13 Prozent der Unterlagen wurden seit dem Einsturz gereinigt. Hätte Bettina Schmidt-Czaia alles verhindern können?

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Archive sind immer wieder zerbombt worden und ausgebrannt. Wobei das vielleicht sogar erträglicher gewesen wäre. Das Gutachten der Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Schlamperei auf der Baustelle dazu führte, dass der Boden unter dem Fundament weggespült wurde. "Das wertvollste kommunale Archiv Deutschlands, das hat den Dreißigjährigen Krieg, die napoleonische Besatzung, zwei Weltkriege, Dutzende Feuerstürme und Bombardements überstanden", sagt ein pensionierter Archivleiter, der früher selbst in Köln arbeitete. "Und das kracht in Friedenszeiten in eine Baugrube? An Banalität ist das nicht zu übertreffen."

Die Chefin war damals seit drei Jahren im Amt. In den Tagen danach, erinnert man sich in der Stadtverwaltung, habe sie "gekämpft wie eine Löwin", damit die Helfer bei der Suche nach Verschütteten auch schon Kisten mit Archivgut bergen durften. Sie mache den Job aus Liebe, sagt sie selbst. "Man wird Archivar, weil man sich leidenschaftlich vor diese Quellen schmeißt."

Nur stellen andere Archivare seit damals die Frage, weshalb das Magazin nicht längst geräumt war. Wegen des Baus der sogenannten Nord-Süd-Strecke hatten sich schon seit Jahren in der Nachbarschaft Gebäude abgesenkt. Eberhard Illner, langjähriger Abteilungsleiter im Archiv, nennt die Katastrophe einen "Einsturz mit Ansage". Er hatte schon Monate vorher bemerkt, dass die Rollwagen im Magazin von alleine fuhren. Er meldete Schmidt-Czaia Risse an der Wand. Ein Gutachter kam daraufhin zu dem Urteil, das Gebäude sei leicht gekippt, aber nicht akut einsturzgefährdet. Er empfahl ein Bodengutachten. Das wurde nie gemacht.

Schmidt-Czaia erklärt, sie habe dem ersten Gutachten vertraut. Juristisch ist sie damit sicher. Aber müsste die Chefin eines so bedeutenden Archivs ihre Schätze nicht beim kleinsten Hauch der Unsicherheit evakuieren? Andererseits: Schmidt-Czaia ist Historikerin, keine Bauingenieurin.

René König hatte seine Notizen vor den Nazis gerettet. Dann fielen sie in Köln in den Krater

Ihr Vorgänger, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter, habe den Keller des Archivs zweimal vorsorglich räumen lassen, als ein Rhein-Hochwasser drohte. Die Bombardierung Kölns durch die Alliierten im Jahr 1942 habe der Bestand nur überlebt, weil der Leiter ihn rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, sogar gegen den Willen der Nazis. Wieso reichte der Direktorin ein einzelnes Gutachten, obwohl das Gebäude schon abgesackt war? Und wie vertrauenswürdig ist so jemand dann noch?

In den Monaten nach dem Einsturz gingen viele erfahrene Mitarbeiter, das gibt auch Schmidt-Czaia zu. Sie legt die Stirn in Falten, es sieht verständnisvoll aus. "Viele standen vor den Scherben ihrer Arbeit. Für Mitarbeiter, die hier zwanzig Jahre gearbeitet hatten, war das sicherlich noch schwerer zu verkraften als für mich." Hat sie selbst nie überlegt hinzuwerfen, woanders weiterzumachen? "Wenn man sich solchen Problemen nicht stellt, ist man sein ganzes restliches Leben weggelaufen. Ich wusste, dass ich jetzt stehen muss."

Der größte Teil des Bestandes liegt zerfetzt, eingeweicht und gefriergetrocknet in einer Lagerhalle in Köln.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Sicher, die Emotionen kochen bei diesem Thema besonders hoch. Es geht um Lebenswerke, Vermächtnisse, Familienstolz. Die Frage wäre also auch: Welche Art Charakter braucht es, um dieses Chaos friedlich zu regeln und die Gemüter zu kühlen?

Schmidt-Czaia hat promoviert über das Beziehungsgeflecht an einem mittelalterlichen Kollegiatstift im Emsland. Die Sätze sprudeln, wenn sie davon spricht. Das Studium finanzierte sie selbst, erzählt sie noch, 20 Stunden Arbeit in der Woche, um davon die Reisen zu Archiven zu bezahlen. Die Direktorin gefällt sich in der Rolle der Durchkämpferin. Und wer mit frustrierten Nachlassgebern und Ex-Mitarbeitern gesprochen hat, versteht: Vielleicht ist das ein großer Teil des Problems. Denn ein anderer Vorwurf aus den Jahren nach der Katastrophe lautet: Sie lasse sich kaum helfen. Statt die Kenner der Nachlässe um Unterstützung zu bitten, Experten zu engagieren, vergraule sie altgediente Archivare und vertraue auf technische Lösungen, deren Nutzen höchst zweifelhaft sei.

Im ehemaligen Möbellager benutzt man nun ein elektronisches Puzzle-Programm, um die Schnipsel zusammenzufügen. Es wurde für die Rekonstruktion der Stasi-Akten entwickelt. Die ist auch ins Stocken geraten, wie Anfang Januar bekannt wurde: weil das händische Scannen Jahrhunderte dauern würde. In Köln guckt man einem Mitarbeiter fünf Minuten dabei zu, wie er Schnipsel einzeln mit einer Pinzette auf den Scanner legt. In den fünf Minuten scannt er drei Stück.

Bettina Schmidt-Czaia lächelt etwas gequält. Sie wisse nicht, was die Nachlassgeber erwarteten. "Wir laden sie jährlich zu einem Treffen ein, informieren sie über laufende Projekte und schicken einmal im Jahr einen Bericht, was von ihren Sachen gefunden wurde." Mehr könne doch wirklich keiner erwarten, sie sei hier schließlich die Fachfrau und könne nicht bei jedem Fund einzeln anrufen. Sie wünsche sich nur eines: Vertrauen.