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Christine Finke:Wie "Mama arbeitet" zu einem der erfolgreichsten Elternblogs wurde

Bis vor ein paar Jahren war die promovierte Anglistin Vollzeit für einen Schweizer Verlag tätig, baute für diesen eine Elternwebsite auf und war viel auf Reisen. Mutter war sie auch, ja, aber um die Kinder kümmerte sich hauptsächlich ihr Mann, der sich gerade selbständig machte, und ein Au-pair-Mädchen. Dann kam die Trennung, der Mann zog aus. Die für sie größere Erschütterung folgte zwei Jahre später, 2011: Der Verlag schloss ihre Abteilung.

Plötzlich war sie arbeitslos und alleinerziehend, überqualifiziert und unflexibel, 45 Jahre alt und ihr jüngstes Kind gerade mal zwei. "Da schlägt man auf dem Arbeitsmarkt ein wie eine Bombe", sagt sie. Eine neue Festanstellung fand sie auch nach 160 Bewerbungen nicht. Um nicht Hartz IV beantragen zu müssen, machte sie sich selbständig und arbeitet seitdem von zu Hause aus. Anstatt mit Kolleginnen durch Europa zu fliegen, saß sie nun den ganzen Tag in ihrem Wohnzimmer, das gleichzeitig Spielzimmer, Esszimmer und Arbeitszimmer war. "Ohne das Internet wäre mir die Decke auf den Kopf gefallen", sagt Finke. In dieser Zeit beginnt sie zu bloggen.

100 000: Besuche

hat "Mama arbeitet", der Blog von Christine Finke, im Monat. Er gehört damit zu den wichtigsten Elternblogs in Deutschland. Mehr Reichweite haben "Hauptstadtmutti", "meinesvenja" und "kleinstyle", dort geht es viel um Reisen, Kochen und Do-it-yourself. Susanne Mierau von "Geborgen wachsen" und das Team hinter "Gewünschtestes Wunschkind" geben pädagogischen Rat. Nicht ganz so quotenstark, aber lesenswert schreibt "Juramama" über Elternsein und Recht, Jochen König über Regenbogenfamilien und "Glücklich scheitern" über feministische Mutterschaft.

Auch an diesem Montagnachmittag sitzt sie in ihrer Sozialwohnung zwischen knallroter Einbauküche und Yucca-Palmen und wartet auf ihre Kinder. Dass Mama anwesend ist, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen, ist vor allem dem elfjährigen Sohn und der achtjährigen Tochter wichtig. Es gibt ein kurzes "Hallo" und "Kann ich den Kindle haben?", mehr wollen sie dann aber gar nicht von ihr, und die 17-Jährige geht sowieso direkt in ihr Zimmer und macht die Tür zu.

Was Finke niemals machen würde: #Werbung

So hat Finke Zeit, noch schnell die Papiere für die Fraktionssitzung durchzugehen, die um 18 Uhr beginnt. Nebenbei checkt sie am Laptop ihren Blog und macht Nudeln warm, damit die Kinder nicht nur Schokolade essen, während sie unterwegs ist. Dann noch schnell das Schulessen für die Jüngste übers Internet bestellen, und als die Achtjährige nicht weiß, was Reibekuchen sind, hilft die Google-Bildersuche.

In diesem Alltag fehlen ihr Menschen, mit denen sie auf einer Wellenlänge liegt. Die Kontakte im Netz ersetzen ihr das, die Anerkennung von Lesern bedeutet ihr viel, der Blog wächst. Inzwischen ist "Mama arbeitet" einer der einflussreichsten Elternblogs in Deutschland und zählt monatlich mehr als 100 000 Visits. Das wäre genug, um damit Geld zu verdienen, die meisten großen Elternblogs machen das. Da steht dann #Werbung in der Überschrift, und die Autorinnen empfehlen im Text Stoffwindeln, Schulranzen oder eine Waschmaschine.

Christine Finke würde das nie tun. Sie will keine Rücksicht darauf nehmen müssen, was Anzeigenkunden gefällt. Ihre Lieblingsthemen sind Erziehung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die besondere Situation von Alleinerziehenden. Für die will sie Sprachrohr sein und spätestens, seitdem sie im vergangenen Jahr das Buch "Allein, alleiner, alleinerziehend" veröffentlicht hat, ist sie es auch.

Es ist ihr ganzer Stolz, wenn sie mit ihren Inhalten einflussreiche Menschen wie Familienministerin Schwesig, deren Vorgängerin Kristina Schröder und "Heute-Journal"-Moderator Claus Kleber erreicht. Erst vergangene Woche durfte die Bloggerin in der Sendung "Maybritt Illner" mit Arbeitsministerin Andrea Nahles und dem CDU-Politiker Jens Spahn diskutieren. "Das gibt mir das Gefühl: Ich bin gesellschaftlich relevant." Sie sagt das in genau diesen Worten.

Ich blogge, also bin ich? Ich twittere, damit mich jemand sieht? Auf dem Weg zur Fraktionssitzung macht Christine Finke im Nieselregen auf der Rheinbrücke halt, um ein Foto zu schießen. "Konstanz, jetzt", schreibt sie dazu, wenig später hat der Tweet 31 Herzen. Nebenbei entdeckt sie versehentlich die Diktierfunktion ihres Smartphones, denn, nein, ein Digital Native ist die 50-Jährige nicht. Mobiles Internet benutzt sie nur für Twitter, alles andere macht sie zu Hause am Laptop.

Die meisten alleinerziehenden Mütter sind völlig damit bedient, sich um ihre Kinder kümmern zu müssen. Wenn sie arbeiten, dann meist in schlecht bezahlten Teilzeitjobs. Karriere machen diese Frauen selten, für gesellschaftliches Engagement bleibt keine Zeit. Und das wiederum führt dazu, dass meistens keine einzige Alleinerziehende mit am Tisch sitzt, wenn wichtige Entscheidungen gefällt werden - obwohl Ein-Eltern-Familien inzwischen fast ein Fünftel aller Familien mit minderjährigen Kindern ausmachen. Stadträtin Finke plädiert deswegen für eine Alleinerziehenden-Quote für Politik und Wirtschaft.

Frauenhasser beleidigen sie immer wieder

Eine Shitstorm-verdächtige Idee. Radikale Väterrechtler haben die Bloggerin längst zu einem ihrer Lieblingsopfer auserkoren. In diffamierenden Texten und Videos räsonieren sie über Finkes Fickbarkeit, weswegen diese Strafanzeige wegen schwerer Beleidigung gestellt hat. Just an dem Tag, als der Autor des umstrittenen Textes zur Polizei musste, wurde ihr Blog gehackt. Sie musste alles neu aufsetzen, alle Passwörter ändern und stellte eine weitere Strafanzeige. Gibt es da einen Zusammenhang? "Keine Ahnung", sagt die Autorin, aber zeitlich lägen die beiden Ereignisse nah beieinander. Rudelweise habe sie derzeit Frauenhasser auf dem Blog, deren erklärtes Ziel es ist, @mama_arbeitet zum Schweigen zu bringen. Niemals werde ihnen das gelingen, sagt Christine Finke. Hassattacken haben schon häufiger Frauen mit feministischer Haltung aus dem Netz vertrieben. Doch mit ihr haben sie sich die Falsche ausgesucht, glaubt sie. "Wo viel Gegenwind ist, kann man besser segeln", sagt die Bloggerin vom Bodensee. Durch Wind entstehen auch Wellen. Und damit kennt sie sich aus.

© SZ vom 6.5.2017/bavo
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