Eigentlich sollte es lächeln. Das kleine Plüschpferd ist nur zwanzig Zentimeter groß. Es hat ein rotes Fell, große Augen und um den Hals ein goldenes Band mit einem Glöckchen. Auf seinem Bauch sind goldene chinesische Schriftzeichen aufgestickt, ein Wunsch für das neue Jahr: „Möge das Geld schnell kommen.“ Rot steht in China für Glück. Alles an diesem Spielzeug ist auf Neubeginn und gute Laune ausgelegt. Nur der Mund nicht.
Denn eine Fabrik in China hat ihn aus Versehen falsch herum aufgenäht. Statt eines fröhlichen Lächelns zeigen die Mundwinkel nach unten. Jetzt sieht das Pferd aus, als wäre es ziemlich schlecht gelaunt. Oder als hätte es gerade schlechte Nachrichten bekommen.
Das Plüschtier ist ein Feuerpferd. Dieses mythische Tier ist Teil der chinesischen Tierkreiszeichen. In China beginnt das neue Jahr nicht wie bei uns am 1. Januar, sondern etwas später, meist Mitte Februar. Und jedes dieser chinesischen Jahre wird einem von zwölf Tieren zugeordnet. Es gibt zum Beispiel das Jahr des Drachen, des Tigers oder der Schlange. Die Reihenfolge wiederholt sich immer wieder. Nach zwölf Jahren beginnt sie von vorn. Und dieses Jahr ist das Pferd an der Reihe, sogar das Feuerpferd. Das kommt nur alle 60 Jahre vor. Es steht für hohes Tempo, Energie und für Chancen – aber eben auch für radikale Veränderungen und Druck.
Zuerst galt der falsch aufgenähte Mund des Plüschtiers als Fehler. Happy new year? Naja. Die Verkäufer hatten Kunden angeboten, das traurig schauende Plüschtier umzutauschen und ihnen eines mit einem Lächeln zu geben. Doch Fotos von dem glücksroten Miese-Laune-Pferd landeten im Internet. Und dann geschah etwas Unerwartetes: Eine Menge Menschen in China fanden gerade dieses traurige Gesicht besonders.
Denn das traurige Pferd trifft in China gerade einen Nerv. Den Menschen geht es nicht so gut wie früher. „Viele von uns fühlen sich genauso wie das traurige Pferd“, fasst eine junge Chinesin die Gemütslage zusammen. Chinas Wirtschaft ist nicht mehr so stark. Manche Menschen sorgen sich um ihre Arbeit oder ihr Einkommen. Ein anderer schreibt im Internet unter das Bild des Plüschtiers: „Genau diesen Gesichtsausdruck habe ich momentan bei der Arbeit!“
Und weil so viele Leute das traurige Pferd so toll fanden, wurde das Pferd in China plötzlich zum Verkaufserfolg. Das Pferd kostet rund 25 Yuan, also nur wenige Euro. Die Nachfrage stieg schnell. Das Pferd verkaufte sich so gut, dass die chinesischen Fabriken heute den Mund sogar absichtlich falsch aufnähen, damit jeder eines der traurigen Pferde bekommt. Es gibt sie inzwischen in allen möglichen Größen.
Solche Dinge passieren übrigens öfter. Vor fast hundert Jahren vergaß ein Forscher, sein Labor aufzuräumen. Als er aus dem Urlaub zurückkam, hatte sich in einer nicht sauber gemachten Glasschale ein Stoff gebildet, der später Millionen Menschen das Leben rettete. Das Medikament heißt Penicillin. Auch dort begann alles mit einem Versehen.
Haben Fehler wirklich eine besondere Kraft? Etwas, was man vielleicht der Mathelehrerin verraten sollte, bevor sie den nächsten Test korrigiert? Das traurige Feuerpferd und das vergessene Labor jedenfalls beginnen beide mit einem kleinen Fehler. Niemand hatte es so geplant. Und doch entstand daraus etwas, das heute viele Menschen bewegt. Manchmal braucht es eben kein perfektes Lächeln. Manchmal reicht auch ein schiefer Mundwinkel, wenn er Menschen berührt.
