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Cannabis auf Rezept:Marihuana, made in Germany

Hendrik Knopp leitet die deutsche Dependance des Cannabis-Herstellers Aphria.

(Foto: Aphria)

In Deutschland bekommen Kranke Cannabis auf Rezept. Noch muss die Pflanze dazu importiert werden. Nun entsteht in Neumünster eine Hochsicherheitsplantage.

So, sagt Thorsten Kolisch, "jetzt kommt unser Prunkstück. Der Tresor. Und in dem Tresor ist noch einmal ein Tresor." Seine Worte hallen im Rohbau.

Wenn die Blüten für Deutschland geerntet, getrocknet und verpackt sind, dann sollen sie zwischen diesen doppelten Wänden lagern, bis der Staat sie in die Apotheken schickt. "Wie in einer Bank", sagt Hendrik Knopp, er steht im nackten Türrahmen, da werde noch eine Panzertür eingebaut, wie aus alten Filmen. "Die Dresdner wären da nicht reingekommen." Er meint die Juwelenräuber, die das Grüne Gewölbe geplündert haben. Wobei hier im deutschen Norden keine Geschmeide und Edelsteine liegen werden, auch keine Goldbarren oder Geldbündel, sondern Pflanzen. Cannabis. In den Blüten der Pflanze ist der Gehalt der psychoaktiven Substanzen am höchsten.

Neumünster-Süd, eine Fahrstunde nördlich von Hamburg. Im Industriegebiet haben sich hauptsächlich Logistiker mit ihren Hallen angesiedelt, doch gegenüber vom Milchtrockenwerk wächst ein Hochsicherheitstrakt.

Panzerglas, Stahlbeton und Nato-Stacheldraht - sicher ist sicher

Hendrik Knopp und Thorsten Kolisch haben ihren SUV im Schlamm geparkt, nun führen sie durch diesen zweistöckigen Neubau von der Größe zweier Fußballfelder. Aus der Distanz betrachtet ist dies eine stinknormale Baustelle mit Planierraupen, Bagger, Lieferwagen, Krach. Sofern einem nicht gleich die Rundumvideoüberwachung auffällt - und am Eingang die Scheibe, auf der an diesem grauen Vormittag noch ein roter Aufkleber des Herstellers pappt: "Angriffsseite. Attack Side. Face Attaque". Panzerglas.

Bauherr ist die kanadische Firma Aphria, die Anbau und Produktion "von sicherem, sauberem und reinem Cannabis in pharmazeutischer Qualität vorantreibt", wie es auf der deutschen Homepage heißt. Knopp ist Geschäftsführer und Kolisch General Manager der deutschen Filiale. Sie wollen das Kraut in staatlicher Mission bald auch hierzulande so gedeihen lassen, dass es Kranken helfen kann, denn das ist jetzt unter Auflagen erlaubt. Da sind ein paar Details zu beachten, die im Gartenbau sonst eher nicht vorkommen.

Für Gewächshäuser genügen in der Regel Schlösser. Und ja, Cannabis wächst auch ungezwungen in Blumentöpfen oder Hinterhöfen, zuweilen schaut dort allerdings die Polizei vorbei. Hier dagegen entsteht ein Bunker für die ganz legale Variante im Auftrag der Nation. Mit 400 Kameras, Nato-Stacheldraht, Wärmebild- und Bodendetektoren sowie einem Kontrollsystem namens Indoor Geofencing Technology. Hendrik Knopp klopft auf eine Wand. "Stahlbeton. 24 Zentimeter."

Seit bald drei Jahren dürfen Deutschlands Ärzte ihren Patienten bei schweren Erkrankungen außer verarbeiteten Cannabisarzneimitteln auch getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte verschreiben. "In kontrollierter Qualität", wie das Bundesgesundheitsministerium erläutert, "in Apotheken" und "ohne dass dabei die Sicherheit und Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs gefährdet wird". Cannabis kann dazu beitragen, Schmerzen zu lindern oder Symptome wie Übelkeit und Appetitlosigkeit bei Krebskrankheiten, auch in der Palliativmedizin. Gemahlen oder als Öl, als Tee oder inhaliert.

Hendrik Knopp, Geschäftsführer der Firma Aphria.

(Foto: Aphria)

Als Droge gilt Cannabis in Deutschland aber noch immer. Deshalb sollen die Fenster dieser Großplantage schusssicher sein. Deshalb wird man Sicherheitsschleusen passieren müssen, wenn es so weit ist - noch in diesem Jahr soll der Betrieb starten. Vorläufig bohren und sägen Handwerker, während diese beiden Männer durchs Gebäude laufen und erzählen. "Wir sind ja Pioniere", sagt Thorsten Kolisch.

"Einer musste ja anfangen." Mit dem Kraut hatten die zwei früher wenig am Hut, man stellt sie sich auch nicht zwingend mit Joint vor. Um Marihuana, Hasch und Kiffen geht es in diesem Fall sowieso nicht, es geht um Cannabis als Medikament. Hendrik Knopp: Ende vierzig, sanfte Stimme, feiner Humor, er war früher Anwalt. Knopp war auch mal bei RTL und bei einem Anbieter von Sportwetten und erfand eine Pokershow mit Stefan Raab. Außerdem singt er und spielt Gitarre, Künstlername Heinrich von Handzahm, zu seinem Repertoire gehören Lieder wie "Psychogarten" und "Indianer". Mitstreiter Thorsten Kolisch, 50, ist Ingenieur und verdiente sein Geld mit Computerspielen, ehe er das Fach wechselte. Denn es kam der Januar 2017: Der Bundestag beschloss, Cannabis als Medizin zuzulassen.

Cannabis auf Rezept, bezahlt von der Krankenkasse. Neue Regeln, neues Spiel. Hendrik Knopp, der ehemalige Pokermann, griff zu. "Da kommt was Großes auf Europa zu", hätten ihm Freunde prophezeit. Er begann zu planen, allein mit Notebook, im Keller. Thorsten Kolisch stieg ein in das Start-up für Cannabis.

Knopp flog nach Kanada und stand drüben mit weißem Kittel in einem Gewächshaus, in dem Cannabis für medizinische Zwecke angebaut wird. Die Verantwortlichen dort hatten von seinen Ideen gehört und ihn eingeladen. Er wurde Leiter der deutschen Niederlassung dieser Firma, inzwischen übernommen von einem Marktführer aus Kanada: Aphria, sieben Jahre alt, hat an der Börse einen Milliardenwert. In Kanada brach ein Cannabishype aus wie ein Goldrausch, als Premier Justin Trudeau die Legalisierung durchsetzte. Seit 2018 dürfen erwachsene Kanadier Hanf in kleineren Mengen kaufen, besitzen und konsumieren. Vorher hatten bereits Uruguay und einige US-Bundesstaaten ähnlich entschieden.

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