Deutscher Alltag:Der Mensch als Tourist

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Aufbrausend: Im Münchner Süden muss man ständig mit Cabrios rechnen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wo der Reisende zu Hause ist, mag er keine anderen Reisenden. Daheimzubleiben allerdings ist auch nur beschränkt gut. Immerhin kann man auf dem Balkon interessante Dinge lernen.

Von Kurt Kister

Spätfrühlingsabende auf dem Balkon sind angenehm. Es ist warm genug, um draußen zu sitzen. Man kann eine Leselampe einschalten und wird, anders als noch im 20. Jahrhundert, kaum mehr von Motten und nocturnalen Insekten umschwirrt, weil die, zumindest in der ländlichen Peripherie der Stadt, von den Menschen nahezu ausgerottet worden sind. Von der Straße her klingt aus den Cabrios - der Süden Münchens weist die größte Cabriodichte Deutschlands auf - Musik oder jedenfalls Geräusche, welche die Insassen der Autos als Musik empfinden. Wenn ein Mini-Cabrio vorbeifährt, hört man Taylor Swift, die, wie mir neulich meine Lieblingszeitung erklärt hat, tolle Musik macht, was nur alte und halb alte Säcke nicht verstehen. Aus BMWs mit heruntergelassenen Scheiben tönt Deutsch-Rap oder jene Art von gurgelhälsischem Krach, der bei Spotify unter Playlists mit Namen wie me right now angeboten wird ("ich trink nur Alk mit 69 Prozent, zur Party, zur Party, zur Party ..."). Das Martinshorn der zu Raserunfällen auf der A 95 strebenden Rettungswagen unterbricht gelegentlich die Cabriomusik.

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