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Bürgerkrieg:Die tödliche Rückreise

Nur kurz zurück nach Damaskus, die Freundin holen: Diesen Plan bezahlte Abdul Rahman A. mit seinem Leben.

Ein junger Syrer lebt sicher mit seiner Familie in Deutschland - bis er sich in eine Frau in der alten Heimat verliebt und sie nach Europa holen will.

Von Moritz Baumstieger

Am Abend des 21. Januar ersetzte der 17-jährige Abdullah A. sein Profilbild auf Facebook durch einen schwarzen Kreis, sein Zeichen der Trauer. Die Gerüchte, von denen ihm ein in Syrien lebender Onkel am Telefon berichtet hatte, waren wahr - das wurde A. nun am östlichen Rand Brandenburgs klar: Eine al-Qaida-nahe Miliz aus der Rebellenregion Idlib hatte Fotos von einem Ausweis veröffentlicht, den sie bei einem getöteten Soldaten des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad gefunden hatte. Ausgestellt am 16. Juli 2017 in Cottbus, Bundesrepublik Deutschland.

Der Inhaber des Aufenthaltstitels - "Größe: 1,70 Meter, Augenfarbe: braun, Erwerbstätigkeit: gestattet" - ist bereits der zweite Bruder, den Abdullah verloren hat, seit die Menschen in Syrien 2011 Assads Macht infrage zu stellen wagten und das Land in einen Bürgerkrieg glitt. Abdul Rahman, so heißt der Bruder, wurde nur 22 Jahre alt. Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, der eine verhängnisvolle Entscheidung traf, weil seine große Liebe an strengen Asylregeln zu scheitern drohte. Gleichzeitig zeigt sein Schicksal, dass Syrien noch immer das Gegenteil eines sicheren Herkunftslandes ist. Auch wenn das jene gern behaupten, die am liebsten alle Flüchtlinge loswerden würden.

Berjas, der älteste Sohn der Familie, war schon 2011 verschwunden. Die Polizei nahm ihn wohl mit, zu Hause in Darayya, wo die Familie damals wohnte. Der Vorort von Damaskus wurde früh eine Hochburg der Opposition. Und von 2012 an probten Assads Truppen hier die Taktik, mit der sie später auch Städte wie Aleppo einnahmen: belagern, aushungern, bombardieren.

Abdul Rahman, der zweitälteste Sohn der Familie, starb Anfang vergangener Woche, das genaue Datum kennt Abdullah nicht. Dabei war die Familie eigentlich seit Jahren in Sicherheit. "Nach Berjas Verschwinden hat meine Mutter entschieden, dass wir abhauen", erzählt Abdullah. "Sie hat sich um mich und Abdul Rahman gesorgt." Erst floh die Familie in die Türkei, dann übers Mittelmeer. Am Silvesterabend 2015 kam sie in München an.

Die Rückkehrer verschwinden oft im Gefängnis, oder werden an die Front geschickt

Über Umwege landete die Familie in Brandenburg, erhielt subsidiären Schutz, also Aufenthaltstitel mit enger Befristung. Und obwohl die Ehe der Eltern bald zerbrach, sah die Zukunft für die Brüder nicht schlecht aus: Anstatt in Syrien an die Front geschickt zu werden, gingen sie hier zur Schule, sie lernten Deutsch und fanden Freunde.

Abdul Rahman A. aber, der Ältere, war dennoch irgendwann unglücklich: "Er hat im Internet diese junge Frau kennengelernt, auf Facebook oder so", erzählt Abdullah A. Die beiden chatteten, verliebten sich, Abdul Rahman sprach bald von Heirat. Doch die Frau wohnte nicht wie er in Cottbus, sondern in Syrien, eine entfernte Verwandte der Familie. "Er hat oft gefragt, ob er sie holen kann", erinnert sich Abdullah A. Doch das ist unmöglich: Im Januar 2016 hat die Bundesregierung den Familiennachzug für Menschen mit subsidiären Schutz vorübergehend ausgesetzt, nur wenige Monate nachdem sie ihn eingeführt hatte. Keine Chance also - weshalb Abdul Rahman einen tollkühnen Plan fasste.

"Dann hole ich sie eben selbst aus Syrien heraus", sagte er - und stritt deswegen furchtbar mit dem Vater. Der Vater fuhr Ende 2017 dennoch mit, als sein Sohn in Richtung Libanon aufbrach. Von dort wollte er sich von Schleusern nach Syrien schmuggeln lassen, die Verlobte treffen und anschließend ein zweites Mal den gefährlichen Weg nach Deutschland antreten. Der Plan funktionierte zunächst auch - bis A. in Damaskus einen Unfall mit dem Motorrad hatte, die Verlobte auf dem Rücksitz. "Im Krankenhaus haben sie ihn verhaftet", erzählt Abdullah A. "Natürlich ist ihnen sofort aufgefallen, dass er im Register der Fahnenflüchtigen steht."

Anstatt mit der Braut nach Cottbus zurückzukehren, musste Abdul Rahman A. an die Front. Er wurde Liwa al-Quds zugewiesen, der "Jerusalem-Brigade". Sie ist eine von vielen Milizen, die für das Regime kämpfen. Nicht wenige wurden von Unternehmern gegründet, die ihr Geschäftsmodell den Kriegszeiten angepasst haben und nun Söldner verleihen oder auf Schmiergelder spekulieren, die sich an Checkpoints kassieren lassen.

In Deutschland betont die AfD gerne, das Land sei "weitestgehend befriedet". Weshalb es keinen Grund mehr gebe, "vor allem junge Männer aus Syrien noch immer in Deutschland aufzunehmen", wie etwa der Vorsitzende der Berliner AfD-Fraktion Georg Pazderski schreibt. Oft weist die Partei auch auf Generalamnestien hin, mit denen Assad Flüchtlingen eine sichere Rückkehr garantiere. Dass Zurückgekehrte trotzdem oft in Gefängnissen verschwinden, ist eine Sache. Dass diese Amnestien nicht für junge Männer gelten, die vor dem Wehrdienst geflohen sind, eine andere. Vor allem aber ist der Krieg noch lange nicht vorbei - trotz einer angekündigten Waffenruhe tobt die Schlacht um Idlib gerade heftig: Russische und syrische Jets bombardieren täglich, die Armee rückt vor. Mehr als Hunderttausend Menschen sind allein in der vergangenen Woche geflohen. Die Flüchtlingslager an der türkischen Grenze sind überfüllt, der Winter ist in der Region so hart wie lange nicht.

Jeden Tag sterben Zivilisten - und natürlich auch Soldaten. Die Einheit von Abdul Rahman A. lief in einen Hinterhalt, als sie den Weiler Tal Mustayin im Osten Idlibs erobern sollte. Liwa al-Quds meldete am 22. Januar den Verlust von fünf Männern, unter ihnen der Flüchtling aus Deutschland. AfD-Politiker Pazderski sagt auf Anfrage, es sei für ihn nichts Ungewöhnliches, wenn ein junger Mann von seinem Land zum Wehrdienst eingezogen werde, "auch wenn es natürlich tragisch ist, im Dienst sein Leben zu lassen". Einen Flucht- oder Asylgrund könne er "hier aber beim besten Willen nicht erkennen".

Zumindest der Vater, erzählt Abdullah A., wolle nun in Syrien bleiben. Seit Abdul Rahman an die Front geschickt wurde, wohnt er dort allein, bei schlechter Gesundheit, vor allem die Augen machten ihm zu schaffen. Abdullah würde ihn gerne rausholen, irgendwie. "Aber er mag nicht." Der Vater habe gesagt, er wolle nun in der Heimat sterben, die ihm zwei Söhne genommen hat.

© SZ vom 01.02.2020
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