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Basisdemokratie:Bloß "Ja" zu klicken reicht nicht

Drei der vergangenen bzw. noch laufenden Bürgerbegehren: Für Artenvielfalt, fürs frühe Schwimmen, für bessere Radverkehrspolitik

(Foto: Rumpf/Haas/Rumpf)

Petitionen liegen voll im Trend und sind auch schnell unterschrieben. Für die Bienen und die Radfahrer - oder das Frühschwimmen im Freibad. Was aber, wenn dann das Erwünschte tatsächlich eintritt? Über die Tücken der direkten Demokratie.

Seit 24 Tagen erwacht es jeden Morgen mit mir: das schlechte Gewissen. Dabei habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich habe keine Steuern hinterzogen, bin nicht fremdgegangen, habe nichts geklaut, nicht mal gelogen. Nur unterschrieben.

Wobei: Habe ich überhaupt unterschrieben? Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sogar nur auf "ja" oder "unterzeichnen" oder "mitmachen" geklickt.

Es muss irgendwann vergangenen Herbst gewesen sein, der lange heiße Sommer hatte sich gerade verabschiedet, als die Petition den Weg zu mir fand. "Früher schwimmen im Schyrenbad!" lautete der Titel. Für alle Nicht-Münchner: Das Schyrenbad ist nicht nur das älteste, sondern auch eines der beliebtesten Freibäder der Stadt, eines der wenigen, das mit einer 50-Meter-Bahn im Freien aufwarten kann. Das Tolle ist: Mit dem Fahrrad sind es von uns gerade mal fünf Minuten dorthin. Das Blöde: Vor zehn Uhr konnte man dort im vergangenen Jahr nicht schwimmen. Nur am Wochenende, da öffnete das Bad tatsächlich schon um neun. Vor der Arbeit ein paar Bahnen ziehen? War unmöglich.

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Bis vor drei Wochen. Seit dem 1. Mai kann man nun schon morgens um sieben Uhr ins Wasser springen, und zwar nicht nur einmal in der Woche zum "Frühschwimmertag", nicht zweimal, nein, jeden Tag von Montag bis Freitag! Die Freude über die neuen Öffnungszeiten war groß. Ich teilte sie sofort in diversen Whatsapp-Gruppen. Ein Triumph. Meine Unterschrift, mein Klick hatte tatsächlich etwas bewirkt.

Zuletzt hatte ich dieses befriedigende Gefühl als Grundschülerin gehabt, als ich für einen Mülleimer auf dem Schulweg gekämpft hatte (warum, weiß ich nicht mehr) und ein paar Wochen später tatsächlich einen Mülleimer dort vorgefunden habe. Ansonsten hatte sich Demokratie für mich bislang eher angefühlt, wie das Wasser im Schyrenbad: Beides umgab mich ganz selbstverständlich und war doch schwer zu fassen. Egal, ob ich gegen Chiracs Atomversuche protestierte, gegen Fremdenhass oder gegen zu hohe Mieten - greifbare Folgen blieben aus.