bedeckt München 23°
vgwortpixel

Buchkritik:Angst vor den Konsequenzen

Eine der Kuckucksmütter, die 75-jährige Magdalena, schreibt ihren Töchtern einen längst überfälligen Brief. Darin erfahren die heute erwachsenen Frauen, dass ihre kleine Schwester Angela eigentlich ihre Cousine ist. In der damaligen Zeit kein Einzelfall, meint Autorin Schmollack: "In der Kriegs- und Nachkriegszeit konnte man über Kuckuckskinder nicht reden. Damals wurden Mütter ganz anders erzogen." Dennoch hat Magdalenas Schicksal sie von allen am meisten bewegt, da sie bei dem Treffen mit Schmollack bereits "so alt und krank" gewesen sei und ihr ganzes Leben lang gelitten habe.

Aus Angst vor den Konsequenzen schweigen Mütter wie Magdalena auch heute noch. Ein harmloser Seitensprung soll nicht auf einmal die Familienbande zerstören. Dabei fürchteten sie, den Partner zu verlieren, der plötzlich kein Vater mehr ist. Und dass sich das Kind abwendet, wenn es von der Wahrheit weiß. Verurteilen will Schmollack die Mütter nicht für ihren Seitensprung, sondern dafür, "dass sie hinterher lügen" und ihren Kindern das Wissen von den eigenen Wurzeln vorenthalten.

Auch wenn es bei Kuckuckskindern vor allem um Verrat am eigenen Partner geht, sind es letztendlich die Kinder, die am meisten unter der Familienlüge leiden. Ihnen wurde verschwiegen, wer der leibliche Vater ist.

Auf dem Anrufbeantworter von Emma, einem "Kinderschicksal" aus Schmollacks Buch, blinkt eine Nachricht ihres leiblichen Vaters. Emma lässt es blinken, sie will nicht mit ihm sprechen. Dass es den überhaupt gibt, hat Emma durch einen Zufall erfahren - als sie für ihr eigenes Kind eine Geburtsurkunde braucht. Im Namensfeld für "Vater" steht plötzlich der Name eines Fremden.

Oft kommen die Kuckucks-Geheimnisse durch solche Zufälle heraus. Manchmal jedoch spielen auch wachsende Zweifel eine Rolle (wie bei Friedemann) oder das schlechte Gewissen der Mütter (wie bei Magdalena). Entscheidend ist dann, welchen Weg die Familie geht und wie die Väter ihr Leben weiterleben.

Auch das steht in "Kuckuckskinder, Kuckuckseltern". Manche vermeintlichen Vaterschaften enden als Schadensersatzklage vor Gericht, in anderen Familien bricht der Kontakt zwischen Vater und Kind ab. Die ergreifenden Schicksale der Kuckucksfamilien ergänzt ein Serviceteil am Ende des Buches mit wichtigen Informationen zur aktuellen Rechtslage und einer psychologischen Einschätzung.

Das Phänomen der Kuckuckskinder wird es wohl immer geben. Aber durch die geänderte Gesetzeslage ist es nun möglich, bereits bestehende Familienstrukturen nicht unnötig aufbrechen zu müssen, sondern zu erhalten. Wie bei Friedemann: Er zieht jetzt Adrian weiterhin als einen seiner Söhne auf - ganz offiziell.

Liebe User,

im vorliegenden Artikel wurde fälschlicherweise angegeben, dass 2008 zwischen 25.000 und 40.000 Kinder in Deutschland Kuckuckskinder waren. Die Angaben wurden auf 67.500 bis 135.000 korrigiert. Wir bitten um Ihr Verständnis.