Buch zum Thema Jugendsex Zwischen Sodom und Hellersdorf

Pastor Siggelkows Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" rüttelt auf. Ein Gespräch über den Trend zur Verrohung.

Interview: Renate Meinhof

Bernd Siggelkow, 44, gründete 1995 in Berlin-Hellersdorf das Christliche Kinder- und Jugendwerk "Die Arche". Pastor Siggelkows Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" rüttelt auf. Bernd Siggelkow ist in Hamburg geboren und Vater von sechs Kindern.

SZ: Sex mit elf, Mütter, die mit den Freunden ihrer Töchter schlafen, Pornos beim Abendessen - Herr Siggelkow, wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, Sodom und Gomorrha waren nichts gegen Berlin-Hellersdorf. Überzeichnen Sie nicht ein wenig?

Siggelkow: Nein, ich sehe diese Kinder ja jeden Tag, die sich selbst überlassen sind, die nie in den Arm genommen wurden, die mit den Bildern aus Pornofilmen groß werden und dabei verrohen. Man ist ja wer, wenn man mit vielen Partnern Sex hat, und das möglichst früh. Das ist aber ein Problem vieler Ballungszentren.

SZ: Der Trend zur Verrohung lässt sich wissenschaftlich aber nicht belegen.

Siggelkow: Deshalb ja das Buch. Wir wollen sensibilisieren. Wir brauchen dringend wissenschaftliche Studien, damit wir uns in der Gesellschaft mit dem Thema auseinandersetzen können. Wie kann es zum Beispiel sein, dass ich im Internet auf einen Klick gehe und sage, ich bin 18, obwohl ich elf bin. Seitdem die Flatrate in jeden Haushalt eingezogen ist, können sich Kinder alles herunterladen, ohne dass es zusätzlich Geld kostet. Oft mit Wissen der Eltern. Aber die Kinder bleiben mit den Bildern dann allein. Sie spielen das nach, und plötzlich gibt es ein Verbrechen: Der Bruder vergewaltigt seine kleine Schwester, weil irgendein Pornorapper das beschreibt.

SZ: Dann brauchen wir aber auch so etwas wie Elternerziehung?

Siggelkow: Ja, schon, nur sind die Eltern ja selbst oft noch Kinder. Es muss auch über die biologische Aufklärung in den Schulen gesprochen werden. Es kann ja nicht sein, dass es reichen soll, ein bisschen mit den Kids zu reden und am Ende jedem Mädchen ein Kondom in die Hand zu drücken.

SZ: Meine Tochter hatte schon in der dritten Klasse an einer städtischen Schule einen sehr guten Sexualunterricht.

Siggelkow: Da können sie aber froh sein, die Regel ist das nicht. Je offener die Gesellschaft wird, alles zulässt, desto weniger reden wir mit unseren Kindern.

SZ: Findet man die "sexuelle Tragödie" quer durch alle Schichten?

Siggelkow: Wir finden sie überall, wo Kinder emotional verarmen, besonders in der sogenannten Unterschicht, aber auch bei den Wohlstandsverwahrlosten. Sie haben Geld, aber die Zuwendung fehlt. Ich will keine Kampfhunddiskussion, nur für mich sind solche Kinder auch immer potentielle Opfer von Pädophilen. Wenn ein Verbrechen passiert, und das Kind ist womöglich freiwillig mitgegangen, dann frage ich mich manchmal, ob es vielleicht einem Täter begegnet ist, der ihm gegenüber Interesse gezeigt hat, und so was kannte das Kind gar nicht.