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Buch über Erinnerungen:"Ich habe es so empfunden, dass sie auf uns gewartet haben"

Bis in den intimsten Bereich sind die beiden Alltagsarchäologen ins Leben der Cousinen vorgedrungen, doch als Eindringlinge haben sie sich dabei nie gefühlt. "Dieses ganze System der Ordnung können die beiden doch nicht für sich allein angelegt haben", meint Leitner. "Ich habe es so empfunden, dass sie auf uns gewartet haben", folgert Coeln.

Ein Indiz für diese These haben sie auch gefunden. Unter den 134 Paar Schuhen, die im Haus gestapelt waren, gab es exakt zwei Paar Herrenschuhe, ungetragen, und sie haben Leitner und Coeln gepasst wie angegossen. Beim Herumstöbern haben die beiden später noch die Mäntel von Hilde und Gretl getragen, sie haben ihre übrig gebliebenen Zigarren geraucht, sind so hineingeschlüpft in diese Lebenswelt und haben sie inhaliert.

Am Ende hat Leitner aus dem Leben dieser beiden Frauen eine Lehre formuliert, frei nach Tschechow: "Es ist der Alltag, der uns fertigmacht." Nicht als niederschmetternde Diagnose ist das gemeint, sondern als "beruhigende Erkenntnis". Wer Hilde und Gretls Leben nachspürt, so sagt er, der sieht "den ganz normalen Wahnsinn". Eben das, womit jeder zu kämpfen hat, der das tägliche Chaos zu zähmen versucht.

Ein "Plädoyer, nicht radikal alles wegzuwerfen"

So sind die beiden in einem fremden Haus den Dingen auf den Grund gegangen. Coeln sieht ihr Sichtungswerk als "Plädoyer, nicht radikal alles wegzuwerfen". Leitner sinniert über die bisweilen "zu große Fetischisierung", die auch er im eigenen Leben zu erkennen vermochte. Es kam ihnen nicht auf eine letztgültige Klärung an, sondern auf eine Reflexion über den Wert der Dinge in Zeiten von Massenkonsum und Wegwerf-Mentalität.

Gleichzeitig mit dem Buch ist auch das Haus in Gars am Kamp nach umfassender Renovierung fertiggestellt worden. "Es ist ein liebes, schönes Wochenendhaus geworden", sagt Coeln. Alles darin stammt aus dem Nachlass von Hilde und Gretl. "Es ist immer noch ihr Haus, und es schwingen darin total positive Energien", meint er. "Nur der Engelbestand ist von 4,5 auf 0,8 pro Quadratmeter gesunken."

Beim Entrümpeln haben sie den Kern und den Charakter gerettet. Das war das Ziel. "Und einen Tausender kannst du auch noch vom Kaufpreis abziehen", sagt Leitner. Denn unter den Millionen Dingen in diesem Haus haben sie auch ein gut gefülltes Papiercouvert gefunden, ordentlich beschriftet mit dem Wort: "Geld".

© SZ vom 17.02.2018/afis
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