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Buch über Erinnerungen:Das Leben von Hilde und Gretl

Ein Panzerschrank mit Arier-Nachweisen und viel Plastikflora: Ein Mann kauft ein altes Haus in Österreich. Ungesehen, aber mit allem, was zu zwei fremden Leben gehört. Wertloser Kram? Nur auf den ersten Blick.

Von Peter Münch

Beim ersten Mal haben die Türen geknarzt, und Spinnweben zerrissen mit leisem Knistern. Zwei Männer sind eingestiegen in eine versunkene Welt, wo auf dem Klavier unter Staub noch die aufgeschlagenen Noten von "Stille Nacht" zu finden waren und auf den Nachtkästchen die Brillen und die Einschlaflektüre bereit lagen. So hat das Abenteuer angefangen.

Es ist eine dieser Ideen gewesen, die aus dem Bauch heraus kommen. Ein Freund hat von einem Haus im niederösterreichischen Waldviertel erzählt, denkmalgeschützt und voller Gerümpel, leer stehend schon seit geraumer Zeit. Und Peter Coeln, der Wert darauf legt, kein Sammler zu sein, sondern Jäger, beschließt spontan, das Haus zu kaufen. Ungesehen, für 32 000 Euro, mit allem, was dazugehört. Einen Plan hat er nicht, aber als die Nachbarn fragen, was denn nun werden soll aus diesem Haus, da sagt er: "Ein Buch".

Das Buch zum Haus heißt "Hilde & Gretl" (erschienen im Brandstätter-Verlag, Wien). Es spürt dem Leben zweier Cousinen nach, die in diesem Haus zusammen alt geworden und gestorben sind. Doch im Mittelpunkt stehen nicht die beiden Damen, sondern die Dinge, die sie angesammelt oder vielmehr: die sich angesammelt haben. Wertloser Kram auf den ersten Blick. Doch Wert erschließt sich ja oft erst auf den zweiten.

Was lohnt sich aufzuheben? Was kommt weg?

Um dem Wert der Dinge auf den Grund zu gehen, hat Peter Coeln, der Fotograf und Galerist, seinen Freund Tarek Leitner gebeten, beim Sichten des Unübersichtlichen zu helfen. Leitner ist einer der bekanntesten Journalisten Österreichs, Moderator der allabendlichen TV-Sendung "Zeit im Bild", und auch er ist ein Jäger, einer nach Nachrichten, nach dem Spektakulären. Doch nun standen die beiden gemeinsam vor den ganz alltäglichen Ansammlungen aus zwei fremden Leben. Statt den großen Müllcontainer zu bestellen, das "Massaker an den Dingen" auszuführen, schauten sie sich gemeinsam Stück für Stück an. Was lohnt sich aufzuheben? Was kommt weg?

Zwei Jahre haben sie dafür gebraucht. Neben dem Haus haben sie ein Lager angemietet, die leer stehenden Räume einer früheren Schlecker-Filiale. "Die Fläche war drei Mal so groß wie das Haus", sagt Coeln, "und alles war bummvoll. Hilde und Gretl waren Meisterinnen im Schichten." Sie hatten einen Hang zu Plastikflora, dazu einen Engel-in-allen-Formen-Tick, und statt irgendwann mal etwas wegzuwerfen, haben sie alles geordnet. Briefe, Fotos, Rechnungen. Zeitungsausschnitte über die wöchentliche Ziehung der Lottozahlen, chronologisch über Jahrzehnte. Das ganze Leben haben Hilde und Gretl in ein perfektes System der Ordnung gepresst. Doch um diese Ordnung zu erkennen, mussten sich Coeln und Leitner erst einmal durch das Chaos wühlen.

Im Keller zum Beispiel haben sie einen Kühlschrank vorgefunden, voll mit Aktenmappen. Eine davon legt Coeln nun auf den Tisch. "Alte Versicherungen" steht fein säuberlich darauf geschrieben, mit Nylonstrümpfen ist die Mappe umschlungen, zehnfach verschnürt, abgelegt für die Ewigkeit. Tausende solcher Mappen waren im Haus endgelagert, und dazu ein großer Fundus an neuen Strumpfhosen. "Die Archivierungsreserve", sagt Coeln.

Auch auf einen Tresor sind sie gestoßen, und als sie den schon aufbrechen lassen wollten, kam irgendwo der passende Schlüssel zutage. Gefüllt war der Panzerschrank mit Dokumenten aus den Jahren 1938 bis 1945: mit Arier-Nachweisen und Feldpost von Gretls Bruder, dazu das offizielle Schreiben, dass er nach einer Schlacht als vermisst gemeldet wurde. "So haben sie die Nazizeit weggesperrt", sagt Leitner.

"Ich habe es so empfunden, dass sie auf uns gewartet haben"

Bis in den intimsten Bereich sind die beiden Alltagsarchäologen ins Leben der Cousinen vorgedrungen, doch als Eindringlinge haben sie sich dabei nie gefühlt. "Dieses ganze System der Ordnung können die beiden doch nicht für sich allein angelegt haben", meint Leitner. "Ich habe es so empfunden, dass sie auf uns gewartet haben", folgert Coeln.

Ein Indiz für diese These haben sie auch gefunden. Unter den 134 Paar Schuhen, die im Haus gestapelt waren, gab es exakt zwei Paar Herrenschuhe, ungetragen, und sie haben Leitner und Coeln gepasst wie angegossen. Beim Herumstöbern haben die beiden später noch die Mäntel von Hilde und Gretl getragen, sie haben ihre übrig gebliebenen Zigarren geraucht, sind so hineingeschlüpft in diese Lebenswelt und haben sie inhaliert.

Am Ende hat Leitner aus dem Leben dieser beiden Frauen eine Lehre formuliert, frei nach Tschechow: "Es ist der Alltag, der uns fertigmacht." Nicht als niederschmetternde Diagnose ist das gemeint, sondern als "beruhigende Erkenntnis". Wer Hilde und Gretls Leben nachspürt, so sagt er, der sieht "den ganz normalen Wahnsinn". Eben das, womit jeder zu kämpfen hat, der das tägliche Chaos zu zähmen versucht.

Ein "Plädoyer, nicht radikal alles wegzuwerfen"

So sind die beiden in einem fremden Haus den Dingen auf den Grund gegangen. Coeln sieht ihr Sichtungswerk als "Plädoyer, nicht radikal alles wegzuwerfen". Leitner sinniert über die bisweilen "zu große Fetischisierung", die auch er im eigenen Leben zu erkennen vermochte. Es kam ihnen nicht auf eine letztgültige Klärung an, sondern auf eine Reflexion über den Wert der Dinge in Zeiten von Massenkonsum und Wegwerf-Mentalität.

Gleichzeitig mit dem Buch ist auch das Haus in Gars am Kamp nach umfassender Renovierung fertiggestellt worden. "Es ist ein liebes, schönes Wochenendhaus geworden", sagt Coeln. Alles darin stammt aus dem Nachlass von Hilde und Gretl. "Es ist immer noch ihr Haus, und es schwingen darin total positive Energien", meint er. "Nur der Engelbestand ist von 4,5 auf 0,8 pro Quadratmeter gesunken."

Beim Entrümpeln haben sie den Kern und den Charakter gerettet. Das war das Ziel. "Und einen Tausender kannst du auch noch vom Kaufpreis abziehen", sagt Leitner. Denn unter den Millionen Dingen in diesem Haus haben sie auch ein gut gefülltes Papiercouvert gefunden, ordentlich beschriftet mit dem Wort: "Geld".

© SZ vom 17.02.2018/afis
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