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Kletterhallen:180 Wege zum Ziel

Die Kletterwand in Stuttgart ist auch für Profis attraktiv.

(Foto: Simon Hofmann)

Kletterhallen sind beliebt, doch meistens teuer und viel zu weit draußen. Eine junge Architektin will den Sport in die Innenstädte holen.

Wenn Aline Viola Otte mit dem Blick einer Architektin auf Stuttgart schaut, ist sie nicht zufrieden. Das liegt weniger an gleichförmigen Neubauten und baumlosen Pflasterfestspielen, die es hier natürlich auch gibt, als an einer Entwicklung, die viele Großstädte betrifft: "Der öffentliche Raum wird immer mehr für kostenpflichtige Events und Konsum genutzt", kritisiert Otte. "Es fehlen Treffpunkte, und die Bewegung geht verloren." Die 35-Jährige, eine zierliche Person im sportlichen Daunenanorak, will das ändern.

Man trifft sie am Rande der Altstadt an einem eher unwirtlichen Ort, am Platz unter der Paulinenbrücke. Über die Brücke führt eine mehrspurige Bundesstraße, unten haben einige Obdachlose ihr Lager aufgeschlagen. Die Stadt hat den Platz vor einiger Zeit als Experimentierfläche freigegeben und dafür etliche Parkplätze geopfert. Für Otte war das die Chance, ihr Herzensthema anzugehen und ein Projekt gegen die Bewegungslosigkeit zu entwickeln.

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Seit Juli steht ihr Prototyp nun vor Regen geschützt unter der Brücke, ein stabiles Bauwerk aus Holz, mit dem sie den Klettersport mitten in die Stadt bringen will. Genauer gesagt geht es ihr ums Bouldern, also das Klettern in geringer Höhe ohne Seilsicherung. Der Trendsport wird in diesem Jahr olympisch, macht aber auch Anfängern Spaß, die sich dann zu immer größeren Schwierigkeitsgraden vorarbeiten können.

Wen die Leidenschaft dafür einmal gepackt hat, sagt Otte, den lasse sie so schnell nicht mehr los. "Das ist wie eine Sucht." Sie selbst hat vor etwa zehn Jahren mit dem Bouldern angefangen und kann in Stuttgart auf diverse Kletterhallen zugreifen, um dieser Sucht nachzugehen. "Aber die meisten Anlagen sind halt in der Peripherie." Und sie kosten Geld.

Wer bouldert, kann unzählige Male immer wieder den selben Zug ausprobieren

Deshalb hat die Architektin, während sie an der Universität Stuttgart noch an ihrer Dissertation arbeitet, ein Planungsbüro gegründet und sich selbst den Auftrag gegeben, eine Kletteranlage zu entwerfen, die jedem zugänglich ist und die selbst ambitionierte Sportler attraktiv finden - anders als die bunt gefleckten Wände, die man von Spielplätzen kennt. Ein echtes Sportgerät, das aber auch als Katalysator dient, weil es Leute in Kontakt bringt. "Während die einen klettern, bleiben andere stehen, schauen zu, kommen ins Gespräch", erzählt Otte. Im Sommer hat sie das immer wieder beobachten können. Und besonders hat sie sich gefreut, wenn erst die Kinder zur Kletterwand liefen und es dann aber die Eltern waren, die sich so richtig an der Wand festbissen.

Der Clou an Ottes Boulderanlage ist, dass sie mitsamt der umlaufenden Sitzbank nur 50 Quadratmeter Platz in Anspruch nimmt und ohne Fundament und Verankerung auskommt. Man kann sie also ohne großen Aufwand aufbauen und auch auf kleinen Plätzen unterbringen. Wegen der kompakten Form und mit Hinweis auf die schwäbische Herkunft hat Otte ihr Werk "Boulderblöckle" genannt.

Einem Laien erschließt sich die Genialität der Konstruktion nicht auf den ersten Blick. Das wichtigste Bauteil sieht aus wie ein Dachstuhl, der nur auf einer Seite abgedeckt wurde. Geklettert wird auf der Innenseite dieses Dachs, auf einer um 35 Grad geneigten Wand, die mit Plastikgriffen in unzähligen Formen und Farben übersät ist.

Otte hat mit ihrem Projekt auch einen Preis gewonnen

Einige Boulderer, die sich an einem kalten Dezembernachmittag mit Otte an der Anlage treffen, können die Sache erklären: Obwohl die Wand nur zehn Quadratmeter misst, steckt sie aus ihrer Sicht voller Herausforderungen. Das liegt an der 35-Grad-Neigung und den unterschiedlich großen Griffen. Den Sportlern geht es darum, sich "einen spannenden Weg" von unten nach oben zu überlegen und dabei auch mal länger an einem einzigen Schritt herumzutüfteln. Wer bouldert, kann unzählige Male immer wieder denselben Zug ausprobieren, bis er die richtige Position und Körperhaltung gefunden hat - die Hüfte um zwei Grad weiter eingedreht oder das Bein ausgestreckt -, damit der nächste Griff hält. Mehr als 180 mögliche Routen haben die Sportler schon auf der kleinen Anlage identifiziert. Man kann sie sich über eine App anzeigen lassen.

An diesem Tag sind die Boulderer allerdings nicht zum Klettern gekommen, sie haben einen Campingkocher und Glühwein mitgebracht. Es sind gut ein Dutzend Frauen und Männer zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig, alle sportlich gekleidet. Die meisten von ihnen sind Mitglied eines kleinen Vereins, der die Patenschaft für die Boulderanlage übernommen hat. Sie schätzen die Möglichkeit, in der Mittagspause und nach Feierabend einfach mal für eine halbe Stunde klettern zu gehen, und haben sich deshalb bereit erklärt, abwechselnd einmal in der Woche nach dem Rechten zu schauen und Müll wegzuräumen.

Für Otte gibt es am Jahresende einiges zu feiern: Erstens hat die Architektin mit dem Boulderblöckle und ihrem "Büro für Raumsport" einen Preis beim Bundeswettbewerb Kultur- und Kreativpiloten gewonnen, und zweitens hat die Stadt zugesagt, dass das zunächst nur temporär gedachte Projekt bleiben darf. Nun arbeitet die Architektin an der Marktreife ihres Produkts. Wenn es nach ihr geht, soll das Boulderblöckle bald zur gängigen Stadtmöblierung gehören.

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