Süddeutsche Zeitung

Männer:Gestresst von der eigenen Bedeutsamkeit

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"Ich muss das hier nicht machen": Warum erfolgreiche Männer wie Boris Pistorius gerne damit kokettieren, jederzeit loslassen zu können.

Von Christian Mayer

Erfolgreiche Männer, die im Marathon des Lebens schon eine gute Strecke zurückgelegt haben, sollten innerlich gefestigt sein. Sie sollten mentale Stärke ausstrahlen oder zumindest eine Art Stoizismus antäuschen, was kann ihnen schließlich schon passieren, abgesichert, wie sie meist sind. Stattdessen neigt gerade der Erfolgsmann in seinen besten Jahren dazu, mit den Mitmenschen zu hadern, die ihm noch immer zu wenig Anerkennung und Respekt zuteilwerden lassen. Dabei rackert er sich doch unermüdlich ab! Selbstverständlich nicht für seinen eigenen Vorteil, sondern für die Familie, die Firma, den Fußballverein, das ganze Land! Was für eine Schinderei, die man sich selbstlos auferlegt, und nie isses genug. Sollen doch die anderen mal machen - wenn sie es nur könnten!

Genau das denkt sich auch der allseits beliebte Verteidigungsminister Boris Pistorius, den man bisher für einen gehalten hat, der einstecken und ansonsten auch mal die Klappe halten kann. Doch jetzt ist ihm mitten im Koalitionsstreit um Haushaltsdisziplin und die Milliarden, die der Kollege Finanzminister einsparen will, der Geduldsfaden gerissen: "Ich muss das hier nicht machen", hat Pistorius bei einem Frühstück mit Ampelkoalitionären gesagt. Eine Rücktrittsdrohung, falls die Bundeswehr zu wenig Geld kriegt? Aber nein, so weit will Pistorius nicht gehen, eher ein dezenter Hinweis, dass man mit ihm nicht so umspringen kann wie mit den Leichtgewichten in der Berliner Politik.

Auffallend, dass man solche Sätze nie von Frauen hört. Offenbar haben Frauen im Allgemeinen eine andere Einstellung zum Unvermeidlichen: Irgendjemand muss am Ende ja die Wohnung aufräumen, den dringenden Termin beim Kinderarzt ausmachen und im Job das erledigen, was die Typen mit den großen Egos mal wieder liegen gelassen haben. "Ich muss das hier nicht machen": Diesen Refrain hat man schon von etlichen Alphamännern gehört. Von Thomas Gottschalk, der seit zwanzig Jahren mit seinem Abschied als Showmaster kokettiert. Von Gerhard Schröder, der in seinem letzten Kanzlerjahr beim Besuch der Computermesse in Hannover genervt ausrief: "Muss ich mir das alles noch so intensiv antun, dass meine Frau gar nichts mehr von mir hat?" Oder von Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister behaglich seufzte: "Ich bin gottfroh, nicht mehr im politischen Zirkus herumturnen zu müssen."

Ach, die armen Männer. Sie sind so gestresst von der eigenen Bedeutsamkeit, niedergedrückt von der Last großer Aufgaben. Wenn sie mal wieder ihre fünf Minuten Weltschmerz spüren, siehe Pistorius, könnten sie sich aber auch ein Beispiel an Angela Merkel nehmen. Die hat sich nie beschwert, im Gegenteil: "Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein", sagte Merkel mitten im Krisenjahr 2016. Wer Manns genug ist, sollte sich das merken.

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