Bolivien:Ein Glück, dass die Polizei mich nicht fand

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Ausgerechnet am Tag meiner Entführung war ich mit einer Grippe krankgeschrieben. Zudem fiel die Entführung in die Zeit eines Generalstreiks. Weder Telefone noch Telex und Post funktionierten. Obendrein versuchten Linke wie Rechte in diesen Tagen die Regierung zu stürzen. Das gesamte Land fiel für mehrere Tage ins Chaos: Straßensperren wurden errichtet, Bomben explodierten im Stadtzentrum. Es gab Tote und Verletzte.

Die bolivianische Regierung hatte also eigentlich ganz andere Sorgen als das Schicksal eines einzelnen entführten Ausländers. Dennoch suchten 3500 Polizisten nach mir. Wenige Jahre später wurde Jorge Lonsdale, der entführte Chef von Coca-Cola Bolivien, bei einer Polizeiaktion zu seiner Befreiung erschossen, als das Versteck der Gangster von den Sicherheitskräften gestürmt wurde. Ich kann also von Glück reden, dass die Polizei mich nicht fand.

Die elf Tage und Nächte bis zu meiner Freilassung verbrachte ich in einer Lehmhütte auf dem Altiplano in 4100 Metern Höhe, ohne Strom und Wasser. Nachts, wenn die Temperatur unter null fiel, fror ich wie ein Schneider. Meine Toilette war eine Plastikschüssel. Die Zahnbürste teilte ich mit einem der Entführer. Zu essen bekam ich morgens und abends trockenes Weißbrot, mittags ausnahmslos etwas Reis. Und ich habe mir noch nie etwas aus Reis gemacht. Ich verlor fünf Kilo.

Bolivien: Die Hütte, in der Michael Wurche festgehalten wurde. Oben die Hütte, in der Mitte Blick aus der Hütte, unten der Innenraum.

Die Hütte, in der Michael Wurche festgehalten wurde. Oben die Hütte, in der Mitte Blick aus der Hütte, unten der Innenraum.

(Foto: privat)

Zweimal konnte ich meiner Frau auf Geheiß der Entführer als Lebensbeweis einen Brief schreiben: "Ich bitte Euch, alles zu beschleunigen. Es geht mir gut, aber ich möchte so schnell wie möglich zu meiner Familie zurückkehren. Meiner Frau Lucia schicke ich meine Liebe. Sie soll sich keine Sorgen machen. Ich bin gesund und guten Mutes. Michael Wurche, 16. Nov. 1983"

Die Entführer wählten mich nach einem Zeitungsfoto aus

Wenn der Chef meiner Bewacher nicht da war, kamen die anderen drei Männer zu mir ins Zimmer und redeten mit mir. Der umgänglichste meiner Bewacher, Mateo, erzählte mir, dass sie mich anhand eines Zeitungsfotos als Opfer ausgewählt hatten.

Sie verfolgten mich unerkannt vom Büro nach Hause und observierten mich drei Monate lang. Ständig fuhr ein Wagen hinter mir her, lungerten einige Kerle um unser Haus herum und beobachteten jeder Bewegung von mir und meiner Familie.

Bolivien: Nach diesem Pressefoto wurde Michael Wurche als Opfer ausgewählt. Der bolivische Innenminister Dr. Roncal (Mitte) verschwand Wochen später spurlos und tauchte nie wieder auf. Dann wurde bekannt, dass er wohl als Chef eines Drogenrings von der Konkurrenz ermordet wurde. Wurche hatte ihn bei einem Botschaftsdinner kennengelernt.

Nach diesem Pressefoto wurde Michael Wurche als Opfer ausgewählt. Der bolivische Innenminister Dr. Roncal (Mitte) verschwand Wochen später spurlos und tauchte nie wieder auf. Dann wurde bekannt, dass er wohl als Chef eines Drogenrings von der Konkurrenz ermordet wurde. Wurche hatte ihn bei einem Botschaftsdinner kennengelernt.

(Foto: privat)

Anlagetipps für Lösegeldanteile

An einem Abend hörten drei Wächter mit mir im Radio eine satirische Sendung, in der ein fiktiver Reporter den fiktiven Polizeipräsidenten interviewte. "Herr Präsident, welche Neuigkeiten hat denn die von Ihnen so hervorragend geleitete Polizeitruppe über den entführten Deutschen?" "Tja, der meldet sich ja nicht bei uns, wie sollen wir ihn dann finden?" "Aber, Herr Präsident, mit Verlaub, wie soll er sich denn melden?" "Tja, er könnte uns doch anrufen, wenigstens, dieser Deutsche, damit wir wissen, wo er überhaupt ist!" "Aber Herr Präsident, die Telefongesellschaft streikt doch, er kann doch gar nicht telefonieren." "Tja, dann soll er uns gefälligst schreiben, wo wir ihn finden und befreien können!" "Aber Herr Präsident, die Post streikt doch auch." "Tja, dann tut es mir leid, wenn er so gar nichts zu seiner Befreiung beitragen will. Dann können wir zurzeit leider überhaupt nichts für ihn tun!"

Es gelang mir, zu dreien meiner Bewacher ein derart gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen, dass sie mich nach Anlagetipps für ihre Lösegeldanteile fragten. Sie wollten mich nach meiner Freilassung anrufen, um zu erfragen, wie viel die Lufthansa wirklich gezahlt habe. Sie trauten ihren Chefs nicht, und sie hatten allen Grund dazu. Ihre Chefs sagten ihnen, die Lufthansa habe 300 000 US-Dollar gezahlt, nicht 1,5 Millionen.

Bolivien: Tagesschau-Nachricht, von Freunden von Michael Wurche vom Bildschirm abfotografiert.

Tagesschau-Nachricht, von Freunden von Michael Wurche vom Bildschirm abfotografiert.

(Foto: privat)

Am Mittag des 25. November brachten mir meine Bewacher die gute Nachricht: "Miguel, das Geld ist da,- jetzt kommen wir alle nach Hause!" Am Nachmittag dieses Tages durchlebte ich die Augenblicke größter Angst. Als mir die Hände auf den Rücken gefesselt und meine Augen mit einem Tuch verbunden wurden, wusste ich nicht: Wurde ich für meine Erschießung vorbereitet? Sollte ich wirklich freigelassen werden? Am Abend wurde ich nach einer kurzen Autofahrt auf einer Bank abgesetzt und meine Fesseln gelöst. Eine Stunde später fuhr ich ganz unspektakulär mit dem Taxi nach Hause.

Ich wurde während meiner Gefangenschaft weder geschlagen noch physisch gequält. Am schlimmsten war die Ungewissheit, ob ich überleben oder erschossen und auf dem Altiplano verscharrt würde, so dass meine Familie nie von meinem Verbleib erfahren würde.

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