Wenn sich in der Silvesternacht die Leute zusammensetzen und auf dem Weg des Bleigießens die Zukunft zu erforschen suchen, so ist das ein netter Partyspaß und weit entfernt von dem, was Weissagung einst bedeutete. Im Altertum waren dafür die Priester zuständig, ein zwar rentables und mit hohen Ehren verbundenes, dabei aber nicht ungefährliches Geschäft.

Im dritten Buch der Könige erfahren wir exemplarisch, was mit Priestern geschah, denen ihr Gott die Antwort verweigerte. Der Prophet Elias hatte 450 Baalspriester zu einer Art Wettstreit eingeladen, und als deren Gott stumm blieb, führte er sie an den Bach Kison "und schlachtete sie daselbst" - ob allein oder mit Hilfe anderer, ist nicht überliefert.
Notfalls nachgeholfen
Unter den Orakeln ist das Bleigießen, auch Molybdomantie genannt, eines der ältesten, simpelsten und in all seiner Einfachheit auch typischsten. Die Gebilde, zu denen das flüssige Metall im kalten Wasser erstarrt, sind phantastisch genug, um der Neugier Nahrung zu geben, andererseits jedoch so unentschieden in ihrer Ausformung, dass vernünftige Prognosen schlechterdings ausgeschlossen sind.
So zum Beispiel könnte man etwas herausfischen, was von den einen für eine Hose, von den anderen eher für eine Schere gehalten wird. Im ersten Fall bedeutet es, dass man demnächst gedemütigt wird, im zweiten, dass eine wichtige Entscheidung ansteht. Man sollte also die wichtigsten Deutungsschemata im Kopf haben, um einem allzu diffusen Bleiorakel notfalls zu der erwünschten Entschiedenheit zu verhelfen.
Die meisten Menschen haben eine in ihrer Ambivalenz vernünftige Einstellung zur Zukunft: Man wüsste hin und wieder gern, was sie, wie man mit ironisch gebrochenem Respekt sagt, "in ihren Schoße birgt", will es dann aber so genau auch nicht wissen, weil man ahnt, dass man, bei schlechten Auspizien, an diesem Wissen zerbräche. Dessen ungeachtet hat man den Schleier immer wieder wegreißen oder wenigstens leicht lüften wollen, und die Methoden dabei waren oft so hanebüchen, dass es auch für die Zukunft wenig schmeichelhaft war.
Groteske Fülle
Das Sammelsurium der Prozeduren, mit denen man das Unergründliche überlisten wollte, ist von grotesker Fülle. Es umfasst Klassiker der Wahrsagung wie die Deutung des Vogelflugs, die Auslegung der Träume, das Lesen aus der Hand oder die Beschwörung der Toten, es bietet aber auch Verfahren minderer Reputation. So etwa setzte man sich in der Neujahrsnacht auf ein Dach, eine Kuhhaut oder einen Kreuzweg, um von den Geistern, die solche Stellen bevorzugt zu passieren pflegen, Aufschlüsse über die Zukunft zu erhalten.
Jenseits solchen Schnickschnacks hat die Zukunft insofern ein gewaltiges Renommee, als sie für unser Selbstverständnis und Handeln konstitutiv ist. Der Mensch versteht sich, wie es im Brockhaus so schön wie eingängig heißt, "vor dem Hintergrund der Vergangenheit, deren Ereignisse und Erfahrungen in die Konstitution der Gegenwart eingeflossen sind, auf die Zukunft hin", und aus dieser Offenheit der Gegenwart auf eine nur in vagen Umrissen erkennbare Zukunft hin resultiert das dynamische Potential gegenwärtiger Zustände.
Die Theologie krönt das mit der These, dass die Zukunft im freien Zukommen Gottes auf diese Welt gründe, weswegen ihr gegenwärtiger Ort die Hoffnung auf die Einlösung seiner Verheißungen sei. Mit den profanen Mitteln des Bleigießens lässt sich das freilich nicht mehr darstellen.