Bio, regional, klimafreundlich Wie man mit gutem Gewissen einkauft

Ratlos vorm Supermarktregal? Lebensmittelhilfe von Experten

Bio oder regional? Tierschutz oder Klimaschutz? Beim Lebensmittelkauf geht es um weit mehr als darum, was schmeckt. Tipps von Expertinnen für einen Einkauf ohne Gewissensbisse.

Von Sabrina Ebitsch

Gesund soll unser Essen sein und gut schmecken, klar. Aber ganz so einfach ist Ernährung heute nicht mehr. Vor dem Obst- und Gemüseregal oder an der Fleischtheke stellen sich auch Fragen nach der Haltung der Tiere, der Klimabilanz von Lebensmitteln, nach ihrer Herkunft und danach, wie sie produziert wurden. Unsere Autorin Violetta Simon hat sich den Dilemmata des Einkaufens gestellt und sie in diesem Text geschildert - stellvertretend für zahlreiche Leser, die uns geschrieben haben. Hilfe kommt von den Expertinnen Ina Bockholt von der Stiftung Warentest und Britta Klein vom aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e. V.

SZ.de: Beim Einkaufen und Essen sind wir starken Widersprüchen ausgesetzt. Gibt es Leitlinien, an denen sich der Durchschnittsbürger orientieren kann?

Ina Bockholt: Jeder Verbraucher sollte genau hinschauen, wenn er einkaufen geht. Sieht das Fleisch, der Fisch, das Obst und Gemüse frisch aus? Riecht es gut? Was steht auf der Verpackung von verpackten Lebensmitteln? Jeder hat seine Kriterien, die ihm wichtig sind. Der eine lehnt Zusatzstoffe ab, der andere ist allergisch gegen bestimmte Inhaltsstoffe. Manche versuchen auch zu viel Fett und Zucker zu vermeiden. Einigen ist es wichtig, dass die Lebensmittel aus ökologischem Anbau stammen. Viele Menschen achten beim Einkauf auch auf ihr Portemonnaie.

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"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns künftig ernähren?" Diese Frage hat unsere Leser in der vierten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Recherche zu Fressen und Moral finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Welchen Ausweg kann man Verbrauchern empfehlen, wenn sie auch noch mit gutem Gewissen zur Kasse gehen wollen?

Britta Klein: Am besten wählt man sich zunächst einen Leitstern aus - also einen Aspekt, der am wichtigsten ist. Vielen zum Beispiel ist Bio sympathisch, sie haben aber Bedenken, wenn die Produkte in Plastik verpackt sind oder von weit her kommen. Aber man darf da auch mal gnädig mit sich sein. Natürlich ist es ideal, wenn ich beim Bio-Bauern um die Ecke kaufe, was gerade Saison hat - aber das ist nicht für alle machbar. Der Mittelweg ist besser, als wenn die Verbraucher es vor lauter Überforderung ganz lassen. Jeder kleine Schritt zählt.

Gibt es Lebensmittel, von denen man angesichts all dieser Aspekte besser die Finger lassen sollte - zum Beispiel Convenience Food?

Klein: Das kommt auf die Lebenssituation des Einzelnen an. Wenn jemand abends um 19 Uhr nach Hause kommt und ein ordentlich produziertes Fertigprodukt essen will, dann ist dagegen erst mal nichts einzuwenden. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu bevormunden. Vielleicht wäre es in solchen Fällen eine Alternative, bei Gelegenheit mehr zu kochen und die Reste einzufrieren und aufzuwärmen, wenn die Zeit mal wieder knapp ist.

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Die Recherche
Die Recherche: Fressen und Moral

"Die Tiere fühlen sich wohl"

Was ist Massentierhaltung? Geflügelzüchter Michael Häsch hat uns mit Kamera in seinen Stall im bayerischen Dietramszell gelassen. Selbstverständlich ist das nicht. Manche Bauern fürchten, Tierschützer würden ihren Stall niederbrennen. Häsch sagt: "Bei mir muss keiner einbrechen, die Leute müssen nur klingeln."

Wie sinnvoll kann der Kauf von ökologischen Wurst- und Käseprodukten noch sein, wenn sie nur in Verbindung mit Verpackungsmüll zu haben sind?

Bockholt: Ideal wäre es, wenn alle Lebensmittel nur mit so viel Material verpackt wären, wie es für ihre Sicherheit notwendig ist. Das gilt auch für Bio-Lebensmittel. Wenn Verbraucher die Möglichkeit haben, sollten sie Verpackungen links liegen lassen und zum Beispiel an der Theke kaufen. Dort werden Wurst, Käse, Fleisch und Fisch meist weniger aufwändig eingepackt. Allerdings kann Thekenware teurer sein. Frisches Fleisch von dort hält sich aber oft so lange wie das abgepackte aus der Kühltheke, das sich in einer Schutzatmosphäre befindet.

Oft sind Produkte, die ein gutes Gewissen versprechen, teurer - wie bleibt das bezahlbar?

Bockholt: Bei bestimmten Grundnahrungsmitteln bestehen eher geringe Preisunterschiede zwischen konventionellen und Bio-Produkten - etwa bei Nudeln, Kartoffeln, Karotten oder Milch. Wir haben vor einiger Zeit die Preise von Lebensmitteln aus 85 Tests ausgewertet und dabei festgestellt, dass Bio-Lebensmittel im Schnitt 30 bis 50 Prozent teurer waren als die konventionelle Konkurrenz. Vor allem Bio-Fleisch kostete deutlich mehr. Der höhere Preis ist die Folge einer aufwändigeren Produktion. Die Bio-Hersteller verzichten etwa in der Landwirtschaft auf chemisch-synthetisch hergestellte Pestizide und mineralischen Kunststoffdünger. Gentechnik ist tabu und bei der Verarbeitung von Lebensmittel müssen die Produzenten von Bio-Lebensmitteln mit weniger Zusatzstoffen auskommen. Es gibt aber auch Preisunterschiede zwischen Bio-Produkten, die nur das EU-Bio-Siegel tragen, und solchen, auf denen zusätzlich noch das Siegel eines Anbauverbandes wie Demeter oder Bioland ist. Die Hersteller unterliegen dann strengeren Maßstäben, was die Produktion zum Teil teurer macht.

Selbst mit Bio und Fair Trade ist man nicht unbedingt auf der sicheren Seite: Häufig haben diese Produkte einen weiten Weg hinter sich - und damit eine schlechte Klimabilanz.

Klein: Wenn einem Verbraucher das besonders wichtig ist, wage ich zu behaupten, dass er mit der konventionellen Paprika aus Holland tatsächlich besser dran ist als mit der Bio-Paprika aus Israel, die in der Plastikschale nach Deutschland transportiert wird. Zumal die holländischen Gewächshäuser mittlerweile häufig sehr gut sind: keine Pflanzenschutzmittel, geheizt wird mit Abwärme - da steht dann nur nicht bio drauf, weil die Pflanzen in Substraten wachsen. Aber wir importieren mehr und mehr Bio-Produkte, weil der Bedarf da ist und es in Deutschland zu wenig Anbauflächen gibt. Und weil wir nun mal Paprika haben wollen, wenn wir ein tolles Rezept für das Abendessen mit Freunden gefunden haben - da machen wir ja nicht was mit Grünkohl, nur weil es den auch im Winter gibt.

Bockholt: In der Tat muss der Verbraucher sich da die Sinnfrage stellen: Müssen wir wirklich Frühkartoffeln aus Ägypten oder Israel beziehen, wo Wasser rar ist? Kartoffeln wachsen schließlich auch in Deutschland und lassen sich gut und mit wenig Energieaufwand über den Winter lagern. Diese regionalen Produkte stellen aus ökologischer Sicht eine gute Alternative dar, auch wenn sie konventionell angebaut worden sind. Wer als Bio-Käufer auch im Winter Tomaten will statt Kohl, muss sich bewusst machen, dass sie nicht aus der Gegend stammen und einen langen Transport hinter sich haben. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, warum es in Deutschland nicht mehr Bioanbaufläche für stark nachgefragte Produkte wie Kartoffeln oder Möhren gibt. Die klassischen Fairtrade-Produkte sind Kaffee, Schokolade und Orangensaft. Weil die Rohstoffe dafür nicht bei uns wachsen, müssen immer weite Transportwege in Kauf genommen werden.

Wie fällt die Bilanz konkret aus, wenn ich regional gegen bio abwäge - etwa bei einem Apfel?

Klein: Es gibt zahlreiche Studien, die untersucht haben, wann der Bio-Apfel aus Neuseeland wegen Lagerung und Kühlung dann doch wieder klimafreundlicher ist als der vom Bodensee. Der Punkt wäre demnach etwa im April erreicht. Aber das ist von so vielen Faktoren abhängig, so dass man es kaum genau sagen kann. Das Wichtigste ist ohnehin das eigene Einkaufsverhalten: Wenn man mit dem Auto zum Supermarkt fährt, ist die Klimabilanz dahin, auch wenn das Lebensmittel noch so klimafreundlich und ökologisch erzeugt wurde.