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Beziehungs-Serie "Reden wir über Liebe":"Einer hat das Sagen"

Tag und Nacht, im Haus und im Job, zusammen - und immer noch glücklich.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Ein Paar, ein Team, Tag und Nacht: Seit mehr als 30 Jahren leben und arbeiten Heike Kuberg und Frank Eisele unter einem Dach. Wie sie das hinbekommen, erklären sie zum Start unserer neuen Beziehungsserie.

Das erste Date: ging schief. Das erste gemeinsame Erfolgsprojekt: ihre Diplomarbeit, ein Personal Computer mit flexiblem Bildschirmarbeitsplatz, erregte weltweit Aufsehen. Die Symbiose zwische Heike Kuberg und Frank Eisele funktioniert bis heute - privat wie beruflich. Die Industriedesigner sind nicht nur seit bald 40 Jahren ein Paar. Sie führen auch gemeinsam ein Unternehmen und arbeiten seit mehr als 30 Jahren zusammen. In einem Raum, Tisch an Tisch, Tag für Tag. In der neuen Serie "Reden wir über Liebe" erklärt das Paar aus Schwäbisch Gmünd, wie man miteinander lebt und arbeitet - ohne wahnsinnig zu werden.

SZ: Ihre erste Begegnung war nicht gerade vielversprechend. Auch das erste Rendezvous war ein Reinfall. Können Sie den Moment beschreiben, in dem Ihnen klar wurde: Ich bin verliebt?

Heike Kuberg: Als ich ihn 1979 zum ersten Mal sah, das war an der Design-Akademie, fand ich Frank total alphamännchenmäßig. Er erschien mit Karteikärtchen in der Brusttasche zur Aufnahmeprüfung.

Frank Eisele: Heike musterte mich streng, sie wirkte auch nicht gerade überwältigend auf mich. Bei einem gemeinsamen Studienprojekt kamen wir uns dann näher.

Kuberg: Bald darauf besuchte ich Frank in seiner WG, um unser erstes Uni-Projekt zum Abschluss zu bringen. Anschließend lud er mich ein, mit dem Kanu auf der Lein entlangzufahren. Das hat mich überrascht. Ich dachte: Der ist gar nicht so verkehrt.

Eisele: Leider hatte der Bach Niedrigwasser, wir mussten das Kanu immer wieder über die Steine ziehen und schließlich am Ufer entlang in die nächste Ortschaft schleppen. Doch statt sich zu beklagen, packte sie mit an. Das hat mich tief beeindruckt. Mein erster Gedanke war: Mit der kann man Pferde stehlen.

SZ: Das war 1980 - erst sieben Jahre später, als das erste Kind kam, ging es zum Standesamt. Ihren Nachnamen haben Sie behalten, Frau Kuberg. Das war damals noch nicht üblich.

Kuberg: Ich sehe mich als eigenständige Person und muss niemandem beweisen, dass ich verheiratet bin. Wir haben uns noch nie an anderen Beziehungen orientiert. Unser Konzept basierte von Anfang an auf Unabhängigkeit.

SZ: Dennoch sind Sie quasi Tag und Nacht zusammen: Sie leben und arbeiten unter einem Dach, sitzen sich im Atelier gegenüber. Ist es nicht nervtötend, wenn man ständig aufeinanderhockt?

Eisele: Keineswegs. Weil es das ist, was wir wollen. Wir haben früh erkannt, dass wir ähnlich ticken und gemeinsames Potenzial haben. Wir haben uns selbstständig gemacht, damit wir Projekte umsetzen und zusammen leben können. Dass das funktioniert, liegt auch an unserer Konstellation und der klaren Aufteilung. Heike ist introvertiert, redet nicht viel. Sie hängt sich in die Arbeit rein, will lieber in in Ruhe gelassen werden.

Kuberg: Mein Mann ist der dominante im Büro - es muss ja auch einen Chef geben. Seine Welt ist das Technische, Management und Netzwerken habe ich immer ihm überlassen. Ich mache lieber mein Ding, kümmere mich um die visuelle Gestaltung. Auch in der Freizeit machen wir nicht alles zusammen: Ich habe mein Yoga, mein Mann seine Sportgruppe.

Kochen ohne Streit - wie geht das?

SZ: Leben Sie privat eher nebeneinander her als miteinander?

Eisele: Keineswegs. Wir schaffen uns bewusst gemeinsame Ziele. Wir machen aus Plänen Projekte, etwa der Umbau des Hauses oder eine Reise. Wir reisen gern, unternehmen viel mit Freunden. Man sollte immer etwas vorhaben, damit der Alltag nicht langweilig wird.

SZ: Sie kochen sogar gemeinsam, ohne sich zu streiten, wie Zwiebeln geschnitten werden und wieviel Sahne hineindarf. Wie geht das?

Kuberg: Mein Mann ist eher für Fleisch zuständig, ich für Salat und Gemüse. Je nachdem, was es gibt, hat dann einer das Sagen - und der andere mischt sich nicht ein.

SZ: Und wenn es in der Firma mal schlecht läuft - leidet die Ehe mit?

Eisele: Wenn man Sorgen hat, belastet das die Beziehung natürlich. Es sind ja gemeinsame Sorgen, die nicht nur einen betreffen. Andererseits ist das Verständnis füreinander größer, wenn etwa Aufträge wegbrechen. Man trägt die Probleme nicht alleine mit sich herum, kann sich austauschen und sich gegenseitig Sicherheit geben - das schweißt zusammen.

SZ: Entsteht durch die extreme Nähe in Alltag und Beruf nicht auch eine Abhängigkeit, die eine Trennung irgendwann unvorstellbar macht?

Eisele: Wir haben immer versucht, paritätisch zu handeln. Als Freiberufler hätten wir jederzeit separat weitermachen können. Das gibt einem die Stärke und die Gewissheit, dass man es auch alleine schaffen kann. Aber dass wir ohne den anderen auskommen müssen - so würden wir heute gar nicht mehr denken.

SZ: Tochter und Sohn sind inzwischen erwachsen, leben in anderen Teilen Deutschlands. Wie war das, als Sie wieder auf sich als Paar zurückgeworfen wurden?

Kuberg: Wie ein zweiter Frühling. Als die Kinder aus dem Haus waren, haben wir uns neu definiert. Schon als sie kleiner waren, haben wir das immer wieder ausprobiert, etwa indem wir bei Messebesuchen ein paar Tage drangehängt haben. So haben wir gemerkt, dass wir auch als Paar funktionieren.

SZ: Was verstehen Sie unter wahrer Liebe?

Kuberg: Manche Dinge werden wichtiger im Alter, andere treten zurück. Dann ist es schön, wenn der Partner sich neu bewährt, man sich auf ihn verlassen kann. Wenn man den anderen mit Freude betrachtet und durch eine Herausforderung die Rollen neu belebt werden. Es gibt immer etwas, das mich an Frank beglückt - weil er mich in vielen Bereichen überrascht. Für mich war bisher alles dabei, was ich mir wünsche.

Eisele: Eine Ehe ist wie ein Projekt, da entstehen Veränderungen. Man eignet sich andere Sichtweisen an, geht neuen Interessen nach. Nicht immer ist man mit der Entwicklung des anderen einverstanden. Man muss bereit sein, weiter an der Beziehung zu arbeiten. Liebe ist ein Organismus, den muss man leben und beleben. Das ist uns gelungen, denke ich.

© SZ.de/olkl/feko/rus

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