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Bevölkerungswachstum:Ruhig ist es hier auch nicht

Mahmud Nasif Abbas, 83, und Enkelin Nihal, 27: Sie haben die Stadt kommen sehen, beide, wenn auch ein halbes Jahrhundert nacheinander. Sie haben Kairo wachsen sehen, Kairo, die "Siegreiche", die Gefräßige, wie sie Kilometer um Kilometer Land schluckte und dafür Häuser ausspuckte, Stockwerke, Autos, Geschäfte. Sie haben die Wüste unter Asphalt verschwinden sehen und Gärten unter Beton. Verdichtung in Potenz.

Süddeutsche Zeitung

Mahmud Nasif Abbas, 83, und Enkelin Nihal, 27 haben Kairo im Wandel erlebt - im Abstand von Jahrzehnten.

(Foto: David Degner)

Mahmud Nasif Abbas ist Bergbauingenieur, damals war er Anfang dreißig und lebte keine fünf Kilometer vom Tahrir-Platz im Herzen der Hauptstadt: "Ein Stück weiter im Norden war der Stadtteil Heliopolis errichtet worden, mit eleganten Kolonnaden, fast französisch. Allein um zur Straßenbahn nach Heliopolis zu kommen, mussten wir 500 Meter durch Sand stapfen, so fern war alles." Die Luft war sauber damals, sagt er, und die Mangos so süß! In seiner Schule, einer staatlichen Einrichtung, gab es ein Schwimmbad und einen Tennisplatz. Die Studenten der neuen Bergbaufakultät - "Unsere Ingenieure haben einen guten Ruf! Wir haben schließlich die Pyramiden gebaut." - saßen im Büro ihres Professors und tranken Tee. Alle Studenten der Bergbaufakultät: "Wir waren zwölf."

Heiraten war ein Kinderspiel, denn es gab genug Wohnungen. Eine Hochzeitstorte kostete nur wenige Pfennige. Dann kamen die Flüchtlinge nach dem verlorenen Sechstagekrieg 1967 nach Kairo, die arbeitssuchenden Bauern aus Oberägypten, die Angestellten der neuen Fabriken. Und die Bevölkerung wuchs, jedes Jahr drei Prozent. Die Stadt schluckte Heliopolis, sie schluckte die Menschen und blieb doch sie selbst: "Kairo ändert die Menschen, aber die Menschen werden Kairo niemals ändern."

Nihal, seine Enkelin, wuchs auch am Stadtrand auf, in Nasr City, weiter in der Wüste. Als Kind radelte sie mit dem Fahrrad vor ihrer Haustür und in der Straße standen drei Autos oder vier. Nihal ging auf eine Privatschule ohne Schwimmbad, denn Ägyptens Bildungssystem ächzte unter den vielen Menschen. Und dann, in den Neunzigern, wuchs die Stadt weiter, rückte heran mit Häusern und glitzernden Shopping-Malls wie in den Petro-Scheichtümern am Golf. Heute ist Nihal Büroleiterin in einer Beratungsfirma für Ingenieurwesen und steht immer unter Strom.

Die Stadt schläft nie, wie auch bei 16 Millionen? Wenn Nihal sich ausruhen will, geht sie in eine der Kaffeehaus-Ketten: "Aber ruhig ist es da auch nicht." Sie hat überlegt, ob sie weiter hinausziehen soll. Am Wüstenrand entstehen neue Retortenstädte. "Aber die neuen Orte sind auch schon wieder überfüllt." Sie hat sich überlegt, wie viele Kinder sie haben möchte: "Wenn ich mich umsehe: Eins oder zwei - es gibt schon so viele Menschen."

So stehen sie auf der Veranda ihres Hauses in Nasr City, zählen die Häuser, die früher schon da waren, und jene, die später hinzukamen. Zu ihren Füßen verstopfen parkende Autos die Straße wie eine verkalkte Arterie. Immerhin, es ist leise, der Shopping-Wahnsinn beginnt erst um die nächste Ecke. Den ganzen Tag lag leichter Brandgeruch über der Stadt, aber jetzt, bei Nacht, sieht man den Dunst wenigstens nicht. Unten wogen Palmen um einen Flecken Grün, einer von zweien im Viertel. Nasr City ist ein Schachbrettviertel wie Manhattan und eigentlich sollte in jedem Block ein Garten sein. "Aber dann wurden die Bäume abgeholzt, um Häuser zu bauen." Früher hat der Alte eine Dreiviertelstunde zur Arbeit gebraucht - wenn Rushhour war. Heute sagt Nihal: "In Kairo ist immer Rushhour."

Sie überlegen, ob es hilft, die Zahl der zugelassenen Autos zu begrenzen - auf eines pro Familie. Aber wo es so viele Familien gibt in Kairo, wird das kaum helfen. Was wird werden, wenn die Stadt weiterwächst? Der Großvater denkt an die Enkelin: "Eine Katastrophe, Nihal wird sich nicht mehr bewegen können, weil die Autos nicht vom Fleck kommen." Sie könnte ins Internet ausweichen - auf ihrer Facebook-Seite hat Nihal 130 Freunde, die ägyptische Revolution fand hier ihren Ausgang, und kein Ort verkraftet das Überwachstum so leicht wie das Web. Aber was ist das Netz gegen Kairo!

Sonja Zekri

Bevölkerung Ägyptens um 1950: 21,5 Millionen; 2010: 81,1 Millionen; 2050: 123,5 Millionen; 2100: 123,2 Millionen

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