Bertelsmann-Studie Kinderarmut in Deutschland steigt

Nirgendwo in Deutschland leben anteilig gesehen mehr arme Kinder und Jugendliche als in Berlin.

(Foto: imago/Sven Lambert)
  • In Deutschland bleibt Kinderarmut ein Problem: Fast zwei Millionen Kinder sind auf Hartz IV angewiesen. Das zeigt eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung.
  • Das höchste Armutsrisiko hat den Daten zufolge der Nachwuchs von Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien.
  • In Berlin ist fast jedes dritte Kind von Sozialleistungen abhängig. Den traurigen Rekord bundesweit hält Bremerhaven.

In Deutschland wächst die Zahl der Kinder, die in Armut leben. Fast zwei Millionen Jungen und Mädchen wachsen heute in Familien auf, die von staatlicher Grundsicherung leben, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung.

Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind Jungen und Mädchen in Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil oder mit mehr als zwei Kindern. Von allen Kindern in staatlicher Grundsicherung lebte im vergangenen Jahr jedes zweite bei einem alleinerziehenden Elternteil und etwa jedes dritte (36 Prozent) in Familien mit drei und mehr Kindern.

Hier leben die meisten armen Kinder und Jugendlichen

In keiner anderen deutschen Stadt leben mehr arme Kinder und Jugendliche als in Berlin. Fast jeder dritte Unter-18-Jährige lebt hier mit seiner Familie von Sozialleistungen. In den vergangenen vier Jahren ging die Armutsquote zwar leicht zurück - von 33,7 auf 32,2 Prozent. Tatsächlich nahm die Zahl armer Kinder und Jugendlicher aber zu, weil insgesamt mehr Kinder in der Hauptstadt leben.

Auf Länderebene betrachtet, leben im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen auch die meisten Kinder in Armut: 541 572, um genau zu sein. Auf Platz zwei der Negativliste liegt Niedersachsen mit 191 995 Kindern in Armut.

Bezieht man die Zahl der armen Kinder auf die Einwohnerzahl, hält Bremerhaven einen traurigen Rekord. Dort sind 40,5 Prozent der Kinder von Armut betroffen - das ist der höchste Wert bundesweit, vor Gelsenkirchen (38,5 Prozent) und Offenbach (34,5 Prozent).

In Bayern leben im bundesweiten Vergleich die wenigsten Kinder in Armut. Zwar stieg die Zahl der Unter-18-Jährigen, deren Eltern Hartz-IV-Leistungen erhalten, von 2011 bis 2015 um 7200 auf 141 256 an. Der Freistaat liegt aber mit einer Quote von 6,8 Prozent noch immer deutlich unter dem Bundesschnitt von 14,7 Prozent.

In neun von 16 Bundesländern ist der Anteil von Kindern in staatlicher Grundsicherung zwischen 2011 und 2015 gestiegen.

Im Westen stieg die Kinderarmut der Studie zufolge von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015. In Ostdeutschland sei die Quote im gleichen Zeitraum zwar von 24 auf 21,6 Prozent gesunken, bleibe damit aber auf hohem Niveau, hieß es.

Sorgen bereitet den Forschern, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Kinder zwischen sieben und 15 Jahren mehr als drei Jahre auf Grundsicherungsleistungen angewiesen. "Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen", sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann Stiftung. So zeige die Auswertung einer Vielzahl von Studien der vergangenen Jahrzehnte zum Thema, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben.

Die Daten basieren auf eigenen Berechnungen der Bertelsmann Stiftung. Grundlage ist die Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

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