Berliner Nachtleben:Epoche der leicht Untentspannten

Vielleicht wurde die Musik auch etwas proseccohafter in jenen Jahren, und vielleicht passte das alles deswegen so exakt in die Zeit und zu dem anders werdenden Berlin. Der Ort war spektakulär, ein Gründerzeitpalast mit Bombenkrater aus dem Weltkrieg mittendrin, die Einrichtung von brutaler, dunkler Eleganz, die Toiletten ausgebaut als Begegnungsraum für sich, praktisch ein Club im Club. Es gab Leute, für die wurde das Cookies deswegen zu einem Ostgut (Vorläufer des Berghain) für Heterosexuelle, zum Blauen Engel für die Professor Unrats der Berliner Republik.

Der ganz leicht unentspannte Zug derer, die vor allem deshalb Gas gaben, weil sie am anderen Morgen wieder geschniegelt in ihren Büros sitzen mussten, fiel nur auf, wenn man das Cookies mit seinen früheren Inkarnationen verglich, was aber, besonders an so einem Ort, ohnehin die falsche Denkrichtung ist. Es muss ja weitergehen, und es war die Zeit des größten Erfolges. Unten der Club, im ersten Stock die legendäre Galerie Co-op, später das Restaurant Cream, und, besonderes Distinktionsmerkmal in dieser Stadt: das netteste Personal der gesamten Welt.

Besonderes erstaunlich in dieser Stadt: Der Laden hatte das netteste Personal der Welt

Aber der Normalisierung des Ausnahmezustandes Berlin konnte natürlich auch Heinz Gindullis, genannt Cookie, nichts Dauerhaftes entgegensetzen. Die Zeit ist über all seine herrlichen Orte hinweggegangen wie eine Museumsputzkraft über Beuys'sche Fettecken. In die Charlottenstraße zogen erst die Bauarbeiter mit ihren Farbeimerchen, dann kamen und scheiterten ein Ferrari-Showroom, der deutsche Versuch einer Vanity Fair, die deutsche Architectural Digest, und heute ist es ein lebloser Büroklops wie tausend andere in der Stadt.

Als Anfang 2007 noch einmal ein neues, letztes, endgültiges Cookies aufmachte, gleich um die Ecke, im ehemaligen Kino des französischen Kulturinstituts der DDR, da gab das zur Eröffnung eine Party, bei der Euphorie und Nostalgie häufiger gemeinsam auf dem Klo verschwanden, und das ist jetzt auch schon wieder eine ganze Weile her. Das alte Stammpublikum, das damals noch einmal - Watermelon Man! - entfesselt auf dem Tresen getanzt hat, ist jetzt auch schon wieder sieben Jahre weiter. Die Leute gehen in dem Alter lieber essen statt tanzen und reden über ihre Immobilien. Es ist insofern nur konsequent, wenn Cookie seinen Club jetzt schließt und sich auf seine Restaurants konzentriert. Aufhören, bevor man noch zur Touristenfalle wird: Das könnten sich andere auch mal hinter die Ohren schreiben.

Dass der letzte Tanz nun diesen Samstag stattfindet, ist insofern auch ein Statement. Am Großraumdiscotag. Dafür aber mit Ben Klock aus dem Berghain. Vielleicht, wer weiß, wird die Musik nie so gut gewesen sein wie bei diesem letzten Mal. Es ist ein Jammer, aber es ist kein Drama, es ist der Lauf der Dinge. Und wenn Klaus Wowereit wirklich ein Party-Bürgermeister wäre, dann würde er Heinz Gindullis, genannt Cookie, an diesem Tag zum Ehrenbürger machen für diese zwanzig Jahre mit den besten Diens- und Donnerstagen, die Berlin je hatte.

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