Berliner Nachtleben:Cookies bittet zum letzten Tanz

Berliner Nachtleben: Größer, glamouröser: das Cookies im Jahre 2011.

Größer, glamouröser: das Cookies im Jahre 2011.

(Foto: Cookies)

Der berühmte Berliner Club Cookies war in den Neunzigern ein ausgelassener Ort, wie erfunden, um all den Berlin-Ressentiments in den Geberländern ein angemessen hedonistisches Bild zu bieten. Das Stammpublikum von einst geht heute lieber essen statt tanzen. Es ist also nur konsequent, wenn der Club nun schließt.

Von Peter Richter

Man muss auch mal dankbar sein für das, was man hatte. Berlin zum Beispiel hatte ein paar wirklich gute Jahre, und das waren die Neunziger. Die Bundesregierung war noch in Bonn, die halbe Stadt stand leer und zur Verfügung, und als der Kurator Klaus Biesenbach 1999 am New Yorker Ausstellungshaus P.S.1 mit "Children of Berlin" eine erste, bis heute erstaunlich gültige Bilanz dieses goldenen Jahrzehnts zog, da hatte er außer Leuten wie Christoph Schlingensief und Monica Bonvicini oder dem Volksbühnen-Genie Bert Neumann auch einen jungen Gastronomen dabei, der Heinz Gindullis hieß und auf den Namen Cookie hörte.

Die Neunziger waren schließlich auch die hohe Zeit der relationalen Ästhetik. Dabei bewirteten Künstler zum Beispiel ihr Publikum und brachten Menschen "zur sozialen Interaktion", wie das dann in den Katalogen hieß. Es gibt also Gründe, Cookies Bar als Kunstwerk in Erinnerung zu behalten. Es war außerdem so, dass all diese in privaten Kellern improvisierten Montags-, Dienstags-, Mittwochs- (und so weiter) Bars damals wirklich den Spirit von Berlin-Mitte prägten, und "das Cookies", wie man schon bald sagte, war die berühmteste von allen. Als Dienstags- sowie Donnerstags-Bar besetzte sie die zwei entscheidenden Tage der Woche im Berliner Nachtleben: Hier konnte man hingehen, um sich vom Feiern zu erholen (dienstags) oder auf das Feiern vorzubereiten (donnerstags).

Dass exakt das dann die Nächte waren, in denen am allerausgelassensten gefeiert wurde, liegt in der dialektischen Natur solcher Sachen. Die größten Exzesse mitten in die Woche zu legen, war natürlich auch Distinktionsgebaren, am Wochenende kann schließlich jeder, selbst im fleißigen Baden-Württemberg zum Beispiel und sogar in München.

Rätselhafte Ökonomie der Nachtgestalten

Manchmal, wenn die Sonne schon über einem Mittwoch oder einem Freitag aufging, aber die gute Laune immer noch kein Ende nehmen wollte, da wirkte dieser Ort, als wäre er erfunden worden, um all den Berlin-Ressentiments in den Geberstaaten des Länderfinanzausgleichs ein angemessen hedonistisches Bild zu liefern. Die Ökonomie dieser Nachtgestalten blieb so rätselhaft wie die der ganzen Stadt.

Zu den speziellen Mysterien des Cookies gehörte aber auch der Watermelon Man, ein kindergeburtstagssüßer Wodka-Cocktail, den die Leute hier und nur hier in sich hineinkippten wie andere Tomatensaft im Flugzeug. Lag es an diesem dubiosen Drink, dass die Stimmung im Cookies immer noch ein bisschen fröhlicher war als in den anderen Berliner Clubs? Ganz sicher blieb im Cookies, selbst als es nach seinen vielen Umzügen selber eher ein Club war als eine Bar, die Musik weniger wichtig als anderswo, weniger distinkt, aber meistens trotzdem ziemlich gut. Wenn die Erinnerung nicht trügt, hingen die Plattenspieler im letzten von Cookies Neunzigerjahre-Refugien in einer alten Backfabrik in Prenzlauer Berg an dicken Ketten von der Decke, und vollbärtige DJs in Römersandalen tanzten selber ganz verzückt zu dem euphorischen Drum and Bass, den sie da zum Beispiel spielten.

Tja, und dann die frühen Nullerjahre. Bonn war jetzt in Berlin. Und halb München auch. Alles wurde, alles sollte größer und glamouröser werden. Etliche von denen, die damals neu in die Stadt kamen und nach deren Studio 54 suchten (insgeheim aber vielleicht auch nur ihr altes P1 vermissten), halten bis heute das Cookies in der Charlottenstraße, Ecke Unter den Linden, deshalb für das eigentliche, den Rest für Vorgeschichte und sich selbst für das ideale Publikum.

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