Süddeutsche Zeitung

Berliner Edelclub "Soho House":Du kommst hier nicht rein

Lesezeit: 5 min

Vor einem Jahr hat das lässige Soho House in Berlin eröffnet - wer dazugehören will, sollte beeindruckend unbeeindruckt sein. Um es mit den Worten der Insider zu sagen: die richtige "Soho-DNA" haben.

Florian Fuchs

Die Spitze des Fernsehturms verschwindet in einer dunklen Wolke, in der Ferne leuchtet fahl der Potsdamer Platz. Gerade hat es zu tröpfeln begonnen, im achten Stock flüchten die Besucher von der Terrasse an die überdachte Bar. Nur der Mittzwanziger mit dem Dreitagebart geht in die Umkleide, zieht sein weißes Shirt und die Jeans aus, steigt in den Pool - und raucht erst mal eine. "Das ist cool", sagt Heide Prött. Und das wiederum ist bemerkenswert: Es gibt im Soho House tatsächlich noch Mitglieder, die andere Mitglieder beeindrucken.

Denn eigentlich sind sie hier ja alle cool, zumindest aber kreativ, das ist schließlich das Konzept. Ein Stockwerk tiefer etwa spaziert Til Schweiger in die Lounge, und das beeindruckt keinen, jedenfalls lässt es sich keiner anmerken. Schweiger lässt sich in einen Sessel fallen, aber die Gäste unterhalten sich ungerührt weiter. Bei der letzten Berlinale hat Madonna vorbeigeschaut - angeglotzt wurde sie nicht. Glotzen passt hier nicht. Es wäre einfach nicht lässig.

Acht Stockwerke hoch ist das kühle Gebäude im Bauhausstil an der Torstraße Ecke Prenzlauer Allee, in dem in den fünfziger Jahren die SED regierte. Zwei schlichte Messingschilder an den weißen Säulen vor dem Eingang weisen aus, dass heute das Soho House Berlin darin residiert: ein Club nur für Mitglieder. Nein, nicht für Banker, über die schmunzeln sie hier. Auch nicht für Juristen, die sollen Steaks essen im Grill Royal. Das Soho, wie sie hier sagen, ist kein britischer Altherrenclub, in dem der Adel und die Bonzen in burgunderroten Ledersesseln Platz nehmen. Das Soho soll ein exklusiver Spielplatz sein für Musiker, Künstler, Gastronomen und natürlich für alle, die irgendwas mit Medien machen.

So wie Martin. Kurzes Haar, hohe Stirn. Das Durchschnittsalter hier ist 30, Martin ist erst 24. Trotzdem hat er schon eine Saftfirma hochgezogen, die einen Beauty-Nektar vertreibt. Jetzt sitzt er in der Lounge auf einem Sofa mit Blumenmuster. Es sieht ein bisschen retro aus, und ein bisschen nach unfertigem Berlin: Rechts steht die Bar, dahinter ein gelackter Flügel, an den Wänden schaut teils der nackte Beton durch. Im Raum befinden sich 200 Leute und ungefähr halb so viele Macbooks. An Martins Tisch sitzen Frauke, Projektmanagerin von Wolfgang Joop, Nina vom Marketing der Galeries Lafayette und Jutta, die PR-Frau vom Deutschen Symphonie Orchester Berlin. Genau so stellen sie sich das vor im Soho. "Hier vernetzen sich die Meinungsführer der Kreativbranche", sagt Heide Prött, die Sprecherin des Hauses. Martin sagt: "Das Soho ist unser Dorf."

Er hätte auch sagen können: Das Soho ist so etwas wie Facebook, bloß analog, exklusiver und mit Speisekarte. Es gäbe Tartar vom Gelbflossenthunfisch, aber Martin bestellt sich einen Cheeseburger mit Pommes. "Berlin ist so wahnsinnig groß, da verläuft sich alles", sagt er. "Hier sind alle auf einem Haufen." Und das hilft beim Geschäft: Würde er nicht etwa drei Mal die Woche ins Soho gehen, dann hätte vor kurzem bei der Fashion Week garantiert nicht bei einigen Veranstaltungen sein Saft herumgestanden.

Bei der Eröffnung vor gut einem Jahr machten vor allem Berliner Zeitungen das Konzept des Hauses lächerlich. Ein Privatclub für die selbsternannte Elite des Lifestyle, das kann nicht gutgehen, haben sie geschrieben. Nicht in der Partystadt, in der alle demokratisch feiern. Sie haben sich ein bisschen über die britische Einrichtung lustig gemacht, den Plüsch und die Blumenmuster, und darüber, dass man bei manchem Barkeeper nur auf Englisch bestellen kann. Berlin will mal wieder London und New York spielen, haben sie gelästert. Heute, so schwören sie jedenfalls an der Bar, stehen genau diese Journalisten auf der Warteliste, um auch so eine kleine, braune Mitgliedskarte zu bekommen.

Mitglieder mit der richtigen "DNA"

Doch das ist kompliziert: Zunächst einmal braucht es zwei Mitglieder, die bestätigen, dass der Bewerber die richtige "DNA" hat. So nennen sie das hier: die "Soho-DNA". Wer rein will, muss entspannt sein, lässig, und natürlich kreativ. Und weil ja jeder behaupten kann, dass er kreativ ist, schadet es nicht, wenn der eigene Name schon mal im Abspann eines Kinofilms gelaufen ist. Um sicher zu gehen, gibt es einen Fragebogen: Welche Branche? Welche Position? Schließlich tagt alle drei Monate ein Komitee: 40 Freunde des Hauses schauen die Bewerbungen durch. Dann heben sie den Daumen - oder senken ihn.

Die Mitglieder nehmen das alles ziemlich ernst, auch den Dresscode. Krawatten sind verpönt, dafür ist das Soho bekannt. Alex zum Beispiel hat alles richtig gemacht: weites Shirt, lockere Jeans, sehr casual. Und entspannt kommt er auch rüber, wie er da am Pool sitzt, beide Arme auf den Lehnen seines Stuhls. Alex, von Beruf DJ, ist anfangs auch skeptisch gewesen, als ihn seine Freundin hierher geschleppt hat. Jetzt findet er es ganz gemütlich. "Das Soho ist mein zweites Wohnzimmer", sagt er, "ich habe viele Freunde gefunden." Das mit dem Wohnzimmer sagen sie alle, wie sie auch alle eine Erklärung dafür haben, warum der Club nach gut einem Jahr schon mehr als 2000 Mitglieder hat - und warum selbst die Warteliste lang ist. "Weil Berlin langsam erwachsen wird", sagt Martin. "Weil Berlin genug Platz für alle Arten von Clubs hat", sagt Alex. "Weil halt nicht jeder rein darf", sagt Sarah.

Sarah arbeitet bei einer PR-Agentur, und deshalb weiß sie, wie man eine Marke interessant macht. Sprecherin Heide Prött weiß das ebenfalls, deshalb lächelt sie nur auf die Frage, wer denn alles Mitglied ist im Soho. "Kein Kommentar", antwortet sie. Und wer wurde abgewiesen? "Kein Kommentar." Nur so viel: Die Jungs, die unten in der Lobby standen und meinten, sie könnten sich mit einer Kiste Roederer einkaufen, die bleiben auch in Zukunft draußen. Geld zählt nicht, das ist die Botschaft. Die Mitglieder haben es natürlich trotzdem, auch wenn der Beitrag nicht viel teurer ist als zum Beispiel bei einem exklusiveren Fitness-Studio: 900 Euro kostet die Mitgliedschaft pro Jahr, 1200 Euro, wenn man auch Einlass in die Filialen in London, New York, Miami oder Hollywood will.

Die Gäste dürfen dafür nicht nur in den Pool und an die Bar, ins Restaurant und auf die Terrasse. Im Soho House gibt es auch ein Spa, ein Fitnesscenter, mehrere Partyräume, die man mieten kann, Hotelzimmer und ein Privatkino mit 30 Plätzen. Neben dem Kino im Keller liegt außerdem die Bibliothek. In den dunklen Holzregalen stehen ein paar Kunstbände herum, Pierre hat es aber gar nicht auf die Bücher, sondern auf die Leinwand abgesehen: Es läuft Fußball.

Pierre ist Anfang 20 und an diesem Tag zum ersten Mal im Soho, ein Freund hat ihn mitgenommen. Jedes Mitglied darf bis zu drei Gäste pro Tag in den Club bringen, um ihnen mal alles zu zeigen. Pierre hat schon genug gesehen, deshalb fläzt er jetzt in der ruhigen Bibliothek auf einem roten Sessel. "Mir ist das zu anstrengend geworden, das ganze Händeschütteln", sagt er. Die kleine braune Karte wird er wohl nicht beantragen, aber das ist in Ordnung. "Wer nicht will, passt auch nicht rein", sagt Prött. Ein Wiener oben in der Lounge, ebenfalls zum ersten Mal hier, würde scheinbar schon ganz gern dazu gehören. "Recht schwierig, Mitglied zu werden, hm?", sagt er zu einer Blondine. "Das ist das Prinzip", sagt die junge Frau und dreht sich um.

Nur einmal hat das Prinzip nicht so richtig funktioniert, ausgerechnet am Tag der Eröffnung. Da war es fast schwieriger, wieder rauszukommen, als reingelassen zu werden. Mitten in der Nacht sind damals die Aufzüge ausgefallen.

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Quelle:
SZ vom 06.08.2011/dhuf/vs
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