Stadtarchitektur: Litfaßsäulen Die Stützen der Gesellschaft

Das "Klebemedium", wie die Litfaßsäule im Branchenjargon heißt, fiel in die Zeit des aufkommenden Massenkonsums. Hier ein Berliner Exemplar im Jahr 1946.

(Foto: ullstein bild/dpa)

Berlin ist die Stadt der Litfaßsäulen, sie gehören hier zum Kulturgut. Nun aber müssen 2500 Stück abgerissen werden. Dabei klammert man sich in digitalen Zeiten so gern an alles, was analog so herumsteht.

Von Verena Mayer

Neulich auf dem Weg zur S-Bahn in Berlin. Eine Litfaßsäule, die mit knallpinkfarbenem Papier umwickelt ist. Ein paar Meter weiter die nächste Säule, diesmal ganz in Weiß, und dann wieder eine in Pink, eine riesige leere Fläche nach der anderen. Sofort fragt man sich wie einst der Berliner Liedermacher Funny van Dannen in einem seiner Songs: "War es Wirklichkeit oder Traum / war es Kunst im öffentlichen Raum?" Nein, gar nicht, es geht darum, dass die Firma für Außenwerbung, die sich bislang um die Litfaßsäulen gekümmert hat, ein Ausschreibungsverfahren des Berliner Senats verloren hat und deswegen bis Juni ihre Säulen abreißen muss, insgesamt 2500 Stück. Und weil in dieser Phase niemand mehr werben kann oder soll, sind die Litfaßsäulen in der Hauptstadt nun mit einfarbigem Papier umwickelt.

In Görlitz gibt es die Idee, dass man bedrohte Säulen adoptieren kann

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Das könnte ein banales Kapitel Berliner Kommunalpolitik sein, würde es nicht um eine Institution gehen, ein Kulturgut. Denn Berlin ist nun mal die Stadt der Litfaßsäulen. Hier wurden sie erfunden, von Ernst Litfaß, hier gehören sie zum Straßenbild wie in kaum einer anderen Stadt. Es gibt welche mit schmiedeeisernen Verzierungen oder metallenen Aufsätzen, die einen an Türmchen denken lassen. An manchen kann man Lämpchen anmachen, andere sind so speziell, dass sie unter Denkmalschutz stehen. Was bedeutet ihr Verschwinden? Und wozu braucht man im digitalen Zeitalter überhaupt noch Betonklötze mit aufgeklebtem Papier drumherum?

Sich mit Litfaßsäulen zu beschäftigen heißt erst einmal, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen, als Möglichkeit, amtliche Informationen zu verbreiten und schließlich Werbung, das "Klebemedium", wie die Litfaßsäule im Branchenjargon heißt, fiel in die Zeit des aufkommenden Massenkonsums. Und sie war interessanterweise schon damals typisch Berlin, was das Versagen der Verwaltung betrifft. Ernst Litfaß sollte in der Stadt eigentlich öffentliche Toiletten aufstellen, das war der Deal, damit der Buchdrucker das Monopol für seine Reklamesäulen bekam. Am Ende war es mit den Berliner Toiletten dann ungefähr so wie heute mit dem Berliner Flughafen: Sie wurden nicht wirklich gebaut.

Ein Symbol für die Stadt ist die Litfaßsäule trotzdem geworden. Für die Dinge, die man hier kaufen, sehen und erleben konnte. Für das Leben in der Großstadt, die Szenen, die sich hier täglich abspielten. Wie in der berühmten Coverillustration von Erich Kästners Kinderbuch "Emil und die Detektive". Die Berliner Kiezjungs lauern dem Dieb, der Emil bestohlen hat, hinter einer Litfaßsäule auf.

Wenn es um Vergangenheit geht, ist man schnell beim Thema Nostalgie. Und dabei, dass man Dinge, an die man sich gewöhnt hat, nicht einfach aufgeben will. "Erhaltet diese Säule", hat dann in Berlin auch jemand in krakeliger Schrift auf zahlreiche Litfaßsäulen geschrieben. In Görlitz, wo Dutzende Litfaßsäulen abgerissen werden sollen, weil sie nicht mehr wirtschaftlich sind, werden gerade Unterschriften gesammelt, um das zu verhindern. Und es gibt dort die Idee, dass Privatleute die verlassenen Litfaßsäulen adoptieren. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, bis jemand fordert, die klobigen Eternitzylinder als Weltkulturerbe anzuerkennen.

Man kann das ja auch verstehen. In Zeiten von Google, Facebook und Co., in denen man nicht nur von allen Seiten zugetextet wird und Daten zu Werbezwecken gesammelt werden, sondern Algorithmen auch bestimmen, wofür wir uns interessieren sollen und welche Werbung uns gezeigt wird; im digitalen Zeitalter also klammert man sich an alles, was irgendwie analog in der Gegend herumsteht. Und einem das Gefühl gibt, man könne die Techniken der Moderne beherrschen, und wenn man nur an einer Litfaßsäule vorübergeht oder den Hund daran pinkeln lässt.

Es geht um eine Nostalgie der Echtzeit und des Angreifbaren, so wie sie auch beim Verschwinden der Telefonzellen und der Gaslaternen zu beobachten war. Man weint dabei weniger den Objekten selbst nach als den Erinnerungen und den Bildern, die man damit verbindet. Bei der Litfaßsäule sind das vor allem diese Schwarz-Weiß-Fotos von alten Werbeplakaten oder den Leuten, die sich vor den Litfaßsäulen versammeln. Und natürlich die Bilder aus dem Film "Der dritte Mann". Da ist es eine Litfaßsäule, durch die der Schwarzmarkthändler Harry Lime im morbiden Wien der Nachkriegszeit in die Kanalisation hinabsteigt, die Litfaßsäule wird buchstäblich zum Tor zur Unterwelt. "Ich rannte seinem Schatten nach, und plötzlich war er verschwunden", heißt es im Film, ein Satz, der auch perfekt zur Situation der Litfaßsäulen passt.

Früher wurden auf Litfaßsäulen die Zeitungen plakatiert

Die sollen immerhin nicht ganz aus der Welt verschwinden. Eine Stuttgarter Firma für Außenwerbung wird in Berlin dafür sorgen, dass bis zum Herbst neue Litfaßsäulen aufgestellt werden. Die werden dann allerdings alle gleich aussehen, gemacht aus Betonfertigteilen, mit einem Durchmesser von 118 Zentimetern und einem Kunststoffring oben drauf.

Aber ist die Litfaßsäule überhaupt noch zeitgemäß? Und was macht eigentlich den Reiz daran aus? Anruf bei Christian Knappe von der Firma Wall, die in Berlin gerade die alten Litfaßsäulen abtragen lässt, die meisten werden verschrottet. Knappe sagt, Litfaßsäulen seien im Gegensatz zu City-Light-Postern an Bushaltestellen oder digitalen Werbeflächen auf Bahnhöfen ziemlich günstig. Weshalb sie als Medium der Nische genutzt werde, als Infokanal der Nachbarschaft. Auf dem lokale Veranstalter oder Kulturinitiativen werben, wo man erfährt, was das Bezirksmuseum zeigt, wo das Jugendorchester auftritt und wann der nächste Kiezflohmarkt stattfindet. Das sei sie auch schon immer gewesen, früher wurden auf den Litfaßsäulen sogar die Zeitungen plakatiert.

Überhaupt die Geschichte: Die meisten Säulen in Berlin stammen aus der Nachkriegszeit, als die Stadt in Trümmern lag und die Alliierten Informationen verbreiten wollten. Manche Säulen bestehen noch aus Ziegeln, an anderen hat sich mit den Schichten der Plakate auch die Geschichte abgelagert. Gerade hätten sie ein Filmplakat aus den Fünfzigerjahren auf einer Säule entdeckt, sagt Knappe, darauf war Marlon Brando.

Aber wie so oft in Berlin, wenn etwas verschwindet, entdecken Kreative das Thema. Der Winterfeldtplatz, an einem Märznachmittag. Ein idyllischer Kiez mit einer Kirche und einem Wochenmarkt. Eltern holen ihre Kinder von der Schule ab, in den Cafés sitzen die Leute in der Frühlingssonne. Dazwischen eine knallpinkfarbene Litfaßsäule, und der nähern sich nun drei Leute in weißen Maler-Overalls, sie tragen eine Leiter und einen Eimer mit Kleister. Es ist die Künstlerin Tina Zimmermann mit zwei Helfern. Die leeren Säulen seien ihr sofort ins Auge gestochen, sagt sie. Und weil sie in der Nähe eines Friedhofs wohnt, fielen ihr die Grabsprüche ein, die darauf zu lesen sind. Sie ließ sie in bunter Schrift auf Plakate drucken, und die klebt sie nun an die Berliner Litfaßsäulen. An diesem Tag ist der Satz "Gewaltig wie der Tod ist die Liebe" dran.

"Vertikale Objekte, die dastehen wie eine leere Leinwand"

Gedanken an Tod und Verlust würden von der Gesellschaft gerne ausgeblendet, sagt Zimmermann, was liege also näher, als sie auf einem Medium sichtbar zu machen, das selbst vom Aussterben bedroht ist? Allein die Form der Säulen sei ideal für die Kunst, "vertikale Objekte, die dastehen wie eine leere Leinwand". Zimmermann pinselt Kleister über das Papier, hinter ihr liegt der Nollendorfplatz, jener Ort, an dem Emil und die Detektive schließlich den Taschendieb ausfindig machten. Während Zimmermann ein weiteres Plakat ausrollt, bleiben Passanten stehen und gucken. Das erlebe sie oft bei ihren Aktionen, erzählt Zimmermann. Dass Menschen das Gespräch suchen, vor allem ältere, die sagen: Wir sind nicht aus der Generation Handy, auf der Litfaßsäule erfahren wir, was los ist.

Dort prangt jetzt gelb auf schwarz der Satz: "Was vergangen, kehrt nicht wieder. Aber ging es leuchtend nieder, leuchtet's lange noch zurück." Immer mehr Leute lesen die Plakate, fragen, was es damit auf sich hat, beginnen, sich zu unterhalten. Leute, die zusammenfinden und sich informieren wollen - so erreicht die Litfaßsäule ausgerechnet im Moment ihres Verschwindens ihren ursprünglichen Zweck.

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