Belgische Provisorien Auf Brüsseler Art

Der Fotograf David Helbich sammelt mit seiner Kompaktkamera Kurioses aus einer chaotischen, aber liebenswerten Stadt. "Belgian Solutions"nennt er sein Projekt.

Von Thomas Kirchner

Vor mehr als zehn Jahren fing es an. David Helbich wanderte durch Brüssel und wunderte sich: Treppen, die in Mauern endeten; Radwege, die gegen Zäune führten; Ensembles von offenbar sinnlosen Verkehrsschildern; geknickte Poller, lose Leitungen und anderes Kaputtes im öffentlichen Raum, das mit Klebeband "repariert" worden ist. All diese unkonventionellen Lösungen, das Gebastelte, das Dreiviertlige, von dem es wimmelt in dieser Stadt. Helbich fotografierte es mit einer Kompaktkamera und machte 2013 ein Buch daraus: Belgian Solutions.

Wären die Belgier darüber verstimmt, man könnte sie verstehen. Der Spaß geht ja auf ihre Kosten. Aber sie lachen gern, auch über sich selbst. "Das ist genau ihr Humor", sagt Helbich, "die haben das gut angenommen, mit einem Augenzwinkern." Ein Minister soll den Band seinen Kollegen hingelegt haben mit dem Satz: "Hier ist das Programm fürs nächste Jahr." So hat man es Helbich erzählt.

Seit Kurzem gibt es nun ein zweites Buch des Deutschen, mit weiteren 300 Fotografien von manchmal hilflosen, manchmal kreativen, manchmal surrealen Versuchen, den Alltag in diesem eigenartigen Land und seiner Hauptstadt zu meistern. Das ist lustig, extrem lustig sogar. Je mehr Zeit man in dieser chaotischen Metropole verbracht hat, desto größer das Vergnügen beim Betrachten. Denn dann hat man mit Sicherheit selbst schon einige dieser haarsträubenden Hilfskonstruktionen entdeckt. Wenn man so will, ist die ganze Stadt, diese Mischung aus Paris und Kinshasa, ein improvisiertes Ding. Eine belgian solution eben. Der Begriff ist längst in den Sprachgebrauch nicht nur der Ausländer in Brüssel eingegangen.

"So etwas wie Stadtplanung ist unglaublich schwierig hier", sagt der Künstler

Um Häme geht es Helbich keineswegs, es steckt viel Sympathie in diesem Projekt. Was er sieht, kann nur einer sehen, der neben wachen Augen ein Herz hat für das Land. Der erste Band hat eine Auflage von mehr als 10 000 erreicht. "Das ist unser bestverkauftes Kunstbuch", sagt ein Mitarbeiter von Filigranes in Brüssel, einer der größten freien Buchhandlungen Europas. Auch in Souvenirläden liegen die Bücher aus, gleich an der Kasse. Im Grunde ist diese kritische Hommage perfekte Werbung für die belgische Hauptstadt, wirksamer als all die Kampagnen, mit denen Brüssel nach den Terroranschlägen vor knapp einem Jahr die Touristen und seine Einwohner beruhigen wollte.

Wobei Helbich der Irrsinn dieser Stadt nicht entgeht. Etwa der wahnwitzige, aufs Auto fixierte Verkehr. "Als ich vor 15 Jahren hierher kam, grüßten sich Radfahrer wie ich noch auf der Straße, das hatte was von Abenteurertum, von Avantgarde." Die Brüsseler Luft? "Die schlechteste in Europa, aber absurderweise gilt Brüssel als grüne Stadt, wegen des Gartens vom König, den niemand betreten darf." Und überall diese "Machtstrukturen", die flämisch-wallonischen Hakeleien, das Sprachendurcheinander. "So etwas wie Stadtplanung ist unglaublich schwierig hier", sagt Helbich. "Die Architekten bekommen mit 25 graue Haare." Seit mehr als zehn Jahren versuche man zum Beispiel, den desolaten Rogier-Platz am Rande der Innenstadt samt Untergrund neu zu gestalten. Weil hier die Region Brüssel, die Stadt sowie zwei Kommunen betroffen sind, reden drei Regierungen mit, und dann noch zwei mächtige Verkehrsgesellschaften.

Während sich also im Großen nur schwerfällig etwas verändern lässt, geht es umso leichter im Kleinen. Alles scheint flexibel zu sein; gibt's ein Problem, muss man selbst aktiv werden, denn von den Behörden kommt wenig. Helbich, der Künstler, schätzt das, "gerade weil ich aus einem Land komme, wo man denkt, dass alles so ist, wie es im Buche steht".

Es ist eine praktische Ästhetik, der die Belgier anhängen, keine aufgeräumte. Sie beherrschen die Kunst des Stehenlassens. "Wie wenn man zu Hause seinen Abwasch stehen lässt", sagt Helbich. Das passt nicht allen, aber in Brüssel lässt man jeden leben, wie er will. Dahinter stecke eine bestimmte Haltung zur Zeitlichkeit, "ein Bewusstsein, dass die Dinge morgen anders sein können. Wenn ich nicht aufräume, kann ich es leichter noch mal verändern. Ich fahre nicht ins Depot und suche das passende Verkehrsschild, sondern bastle mir eines, das heute taugt, und morgen sehen wir weiter. Ich sage, irgendwann werden wir das richten, und bis dahin sieht es eben aus wie bei Hempels unterm Sofa."

Brüssel ist für ihn wie Europa, es gibt keine eindeutige Identität. Gerade das macht den Reiz aus

Helbich ist Anfang 40. Kurzer, grauer Bart, nach hinten gekämmte Haare, Sneakers. In Bremen wuchs er auf, studierte in Freiburg Komposition und Philosophie, macht jetzt "irgendwelche Kunst, die mir gerade in den Kram passt", unterrichtet Performance. Er wohnt in den Marollen, dem südlichen, schmuddeligen Teil der Innenstadt. Viele Fotos stammen aus dieser Gegend am Fuße des Justizpalasts, dieses misslungenen Kolosses, dessen Erkundung Helbich dringend empfiehlt. "Man muss sich darin verlieren. Da sind immer noch Archive, die keiner kennt." Seit Jahren steht ein Gerüst davor. Weil es keinen TÜV mehr hat, braucht man jetzt ein Gerüst, um das Gerüst abzubauen. "Auch 'ne solution", sagt Helbich.

In Berlin geboren, in Brüssel zu Hause: David Helbich.

(Foto: Helen Maguire/dpa)

Und darauf kommt es ihm an, seit er 2008 die ersten Bilder auf Facebook stellte: Echte Lösungen müssen es sein, oder zumindest Lösungsversuche. Auch ein paar Gastbeiträge hat Helbich in seine Kollektion aufgenommen, seine Fans liefern fleißig. Womit er, nebenbei, ein Problem der modernen Fotografie zu lösen glaubt. "Die Leute haben zu viele Fotos, sie wissen nicht wohin damit. Jetzt können sie sagen: ,Hier, das habe ich für euch gemacht'. Sie nehmen teil an einem großen Projekt."

Als die Bomben in der Metro und am Flughafen explodierten, im März vor einem Jahr, reagierte Helbich wie viele andere Brüsseler. Er war schockiert, er war traurig, er verstand die Menschen, die Blumen am Börsenplatz niederlegten, "das gehört zum Heilungsprozess, da ist eine Wunde". Und er verteidigte die Stadt gegen allzu wohlfeile Urteile, gegen jene, die schon wissen, was sie sehen, bevor sie hingeschaut haben. Brüssel sei wie Europa, sagt er. "Es hat keine eindeutige Identität. Das macht für mich den Reiz aus." Heikel werde es immer dann, wenn eine einzelne Identität zu stark werde. Wie bei den Einwohnern von Molenbeek, dem Stadtteil, aus dem viele Dschihadisten stammen. Dort zeigt sich die Schattenseite der fehlenden Kontrolle. Dafür hat auch Helbich keine Lösung.