Behinderung und Inklusion "Das Fleisch liegt auf sechs Uhr"

Wer sich vorstellt, von einem Tag auf den anderen nicht mehr sehen zu können, hat große Angst und fühlt sich hilflos. Aus dieser Angst heraus glauben Sehende, dass der Alltag von Blinden dunkel und beängstigend ist. Blinde sind aber nicht hilflos. Sie können nicht erst seit gestern nicht mehr sehen und haben längst gelernt, sich im Alltag zurechtzufinden. Klar, es gibt manche, die sich (noch) nicht trauen, allein zur U-Bahn zu gehen. Es gibt solche wie mich, die sehr mobil sind und viel unterwegs sind, und Extremfälle wie einen Bekannten, der allein in der Wildnis in den USA zeltet.

Heiko Kunert

(Foto: Guenther Schwering; BSVH)

Immerhin hat sich in der Wahrnehmung blinder Menschen viel getan. Skurrile Situationen oder überflüssiges Mitleid erlebe ich häufiger mit Älteren, weil sie weniger Berührungspunkte mit Behinderten hatten und eine ganz andere Sicht auf sie. Aber bei den Jüngeren ändert sich das. Inklusion wird in Kindergärten und Schulen immer mehr Realität, das entkrampft das Miteinander schon früh.

Über die Gefahren des U-Bahnsteigs

Man darf nicht unterstellen, dass ein Mensch mit Behinderung per se auf Hilfe angewiesen ist. Sonst müsste ich alle zwei Meter stehen bleiben und mehr oder weniger freundliche Hilfsangebote ablehnen. Ärgerlich ist es auch, wenn mich Leute von der Treppe wegzerren oder in die U-Bahn schieben, wenn ich gar nicht einsteigen will. Sehenden fehlt das Wissen um unsere Lebensrealität: Sie haben Angst, wir könnten aufs Gleis fallen, wenn wir am Rand des U-Bahnsteigs gehen. Das ist kein Versehen, sondern liegt am Taststreifen für Blindenstöcke, der dort verläuft. Wenn ich nicht weiter weiß, spreche ich selbst jemanden an. Umgekehrt sollten Nichtbehinderte Hilfe anbieten, wenn sie wirklich das Gefühl haben, dass jemand Hilfe braucht - zum Beispiel wenn ich vom Weg abgekommen bin oder schräg statt geradeaus über die Straße gehe.

Über Friseurbesuche und Diskriminierung

Als Blinder merkt man oft, dass man nicht für voll genommen wird - oder nicht gesehen wird. Etwa wenn die Begleitperson statt einem selbst angesprochen wird. Wenn ich beim Friseur bin, wird zum Beispiel oft meine Freundin gefragt, wie meine Haare geschnitten werden sollen. Beim Arzt wird über meinen Gesundheitszustand über meinen Kopf hinweg gesprochen.

Über Essen und Wegweiser

Manchmal brauchen Blinde Infos, die Sehende nicht brauchen: Zum Beispiel sollte man Bescheid sagen, wenn man im Gespräch den Raum verlässt, damit der Blinde nicht mit dem leeren Stuhl weiterredet. Manche legen Wert auf Beschreibungen der Umgebung, sie fühlen sich dann etwa beim Essen im Restaurant wohler. Auch Angaben wie "Das Fleisch liegt auf sechs Uhr" können da hilfreich sein, wenn man sich den Teller wie ein Ziffernblatt vorstellt.

Wenn ein Blinder nach dem Weg fragt, muss man beschreiben, was man sonst zeigen würde - nicht "da entlang" sagen, sondern genaue Richtungs- und Entfernungsangaben; wichtige Stellen wie Ampeln oder Orientierungspunkte wie Kopfsteinpflaster oder Zäune erwähnen, die sich ein Blinder über den Stock erschließen kann. Ich finde es nicht herablassend, wenn mir jemand anbietet mich hinzuführen. In unbekannten Gegenden kann mir das den Alltag sehr erleichtern. Aber das gilt nicht für jeden: Ich verstehe, dass Sehende ein Informationsbedürfnis haben, aber Empfehlungen lassen sich nicht auf jeden anwenden.

Über Banalitäten, die nicht mehr banal sind

Sagen Sie um Gottes willen auch zu einem Blinden "Auf Wiedersehen" oder "Wir sehen uns". Solche Redewendungen benutzen wir selbst - ich sage ja auch: "Ich habe den Film xy gesehen." Es ist komisch, wenn solche Formulierungen krampfhaft vermieden werden, das fühlt sich nicht nach Gleichbehandlung an. Nur wenn ein Mensch erst seit kurzem mit einer Sehbehinderung konfrontiert ist und den Schock noch nicht verarbeitet hat, kann es passieren, dass er empfindlich auf Begriffe wie Sehen und Schauen reagiert.

Wenn Ihnen ein Blinder auf dem Bürgersteig entgegenkommt, gehen Sie aus dem Weg, wie Sie jedem anderen aus dem Weg gehen würden - aber rechnen Sie den Blindenstock mit ein, weil ich Ihnen sonst damit gegen die Beine schlage. Stumm stehen bleiben und gucken ist nicht rücksichtsvoll, sondern macht es mir schwerer, weil ich Slalom laufen muss. Am angenehmsten finde ich die, die einfach sagen: "Sorry, ich bin hier im Weg, ich mache mal eben Platz." Und auch einem Blinden schüttelt man zur Begrüßung die Hand, idealerweise hält er seine hin, und der Sehende ergreift sie.

Über Neugier und Indiskretion

Ab wann ich es in Ordnung finde, nach meiner Blindheit gefragt zu werden, hängt - außer bei Kindern - von Situation und Sympathie ab. Wenn eine gewisse Basis da ist, gehe ich recht offen damit um. Wenn mich jemand direkt fragt, antworte ich, aber ich fühle mich unterschiedlich wohl dabei. Klar sollte sein: Es gibt noch andere Themen. Ich verstehe die Neugier, aber ich finde es eigenartig, wenn Leute mit dem verbalen Holzhammer daherkommen und nur darüber mit mir sprechen. Es ist ja nur eine Eigenschaft - eine wichtige, aber eben nur eine von vielen. Versetzen Sie sich in die Situation des anderen und stellen sich vor, ob Sie es angemessen fänden, wenn Sie jemand dafür lobt, wie toll Sie mit Messer und Gabel essen können.

Heiko Kunert, 38, Blogger und Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg e.V.