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Dem Geheimnis auf der Spur:Aus der Welt

Barbara Newhall Follett an ihrer Schreibmaschine.

(Foto: Stefan Cooke)

Die US-Schriftstellerin Barbara Newhall Follett träumte in ihren Romanen von einem Leben abseits der Zivilisation - bis die junge Frau 1939 selbst spurlos verschwand.

Von Titus Arnu

Die Protagonistin der Geschichte hat einen ungewöhnlichen Namen und wohnt in einem gewöhnlichen Haus. Eepersip, so heißt das Mädchen, möchte nicht mehr mit ihren Eltern in einem normalen Gebäude mit Türen, Fenstern und einem Dach leben.

Sie sehnt sich nach der freien Natur, wo es keine Vorhänge, Sofas und Küchen gibt, dafür aber rauschende Blätter, bemooste Steine und Obstbäume. Eines Tages läuft Eepersip davon, um in der Wildnis zu leben - zuerst auf einer Waldwiese, dann am Meer, schließlich in den Bergen. Ihre Eltern suchen die Davongelaufene, bringen sie zurück und sperren sie im Haus ein. Doch Eepersip flieht ein zweites Mal in ihre Welt ohne Fenster - für immer.

"The House Without Windows" ist ein bemerkenswertes Buch, geschrieben von einer bemerkenswerten Autorin. Barbara Newhall Follett, geboren 1914, veröffentlichte ihren ersten Roman im Jahr 1927, da war sie gerade zwölf Jahre alt. Das Buch wurde in den USA ein Bestseller, die Autorin jedoch blieb international relativ unbekannt.

Was nicht daran lag, dass ihr nach dem Debüt nichts mehr einfiel, im Gegenteil. Sondern an einem Rätsel, das bis heute ungelöst ist: Follett verließ im Jahr 1939 eines Tages das Haus, in dem sie wohnte, und verschwand. Ob sie ihren Kindheitstraum vom Leben in der Wildnis in die Wirklichkeit umsetzen wollte?

Fest steht, dass Barbara Newhall Follett ein Wunderkind war. Mit vier Jahren schrieb sie schon eigene Gedichte auf der Schreibmaschine. Ihre Eltern - der Literaturkritiker Wilson Follett und die Kinderbuchautorin Helen Thomas Follett - hatten dem Mädchen früh Lesen und Schreiben beigebracht. Mit sieben erfand Barbara Follett eine Fantasiewelt namens Farksolia und eine komplette Sprache namens Farksoo.

Nach dem Erfolg ihres Debütromans beschloss Barbara, als Nächstes ein Buch über Piraten und Seefahrt zu schreiben. Zu Recherchezwecken heuerte sie für ein paar Monate als Schiffsmädchen auf einem Schoner in Nova Scotia an und schrieb darüber das Buch "The Voyage of the Norman D." Da war sie gerade 13.

Das erste Manuskript verbrannte

Die Lebensgeschichte von Barbara Newhall Follett klingt ähnlich abenteuerlich wie die frühen Geschichten aus ihrer Feder. Als die englische Künstlerin Jackie Morris auf den Roman "The House Without Windows" und dessen erstaunliche Autorin stieß, verliebte sie sich auf Anhieb in die Geschichte.

"Ihrer Seele zu begegnen, in der Figur Eepersip, und mit ihr über die Wiesen zu laufen, im Meer zu schwimmen, unter einer Schneedecke zu schlafen - das ist pure Magie", schreibt sie. Morris zeichnete Illustrationen dazu und regte eine Neuveröffentlichung an. Am 8. März erscheint der Roman im Diana Verlag erstmals auf Deutsch unter dem Titel "Die Welt ohne Fenster".

Vielleicht muss man zurückspringen bis zur Entstehung des Buches, um die Autorin zu verstehen. Sie war erst acht Jahre alt, als sie damit begann, "The Adventures of Eepersip" zu schreiben, wie die Geschichte zunächst hieß. Es sollte ursprünglich ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter werden.

Kurz nach Fertigstellung der Geschichte brannte es bei den Folletts, das Manuskript wurde komplett vernichtet. Barbara fing von vorne an, baute die Erzählung aus, arbeitete drei weitere Jahre am Text. Die Geschichte vom Mädchen, das von zu Hause wegläuft, um im Wald zu leben, mit Tieren als Freunden, verselbständigte sich und wuchs sich irgendwie zum Lebensthema der hochintelligenten Autorin aus.

Barbara Follett kannte sich Zeitzeugen zufolge mit Botanik, Schmetterlingen und Vögeln so gut aus wie eine Wissenschaftlerin, war hochkreativ und abenteuerlustig. 1931 lernte sie Nickerson Rogers kennen, die beiden wanderten auf dem Appalachian Trail, segelten nach Spanien und wanderten in den Alpen.

Das Paar heiratete 1934 und ließ sich in Boston nieder. Doch die Ehe war bald enttäuschend, wie Barbara Follett in Briefen an Freundinnen schrieb; außerdem ließ das Interesse der Verlage an ihren Texten nach.

30 Dollar und ein Notizbuch hatte sie dabei

Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage musste sie Aushilfsjobs als Sekretärin annehmen. Sie war in ein Leben hineingerutscht, das wie das Gegenteil von Eepersips Träumen erschien: Ehemann, Büroarbeit, Haus mit Fenstern.

Follett beschuldigte schließlich ihren Mann, sie zu betrügen und fühlte sich immer öfter depressiv, wie sie in Briefen schrieb. Nach Aussagen ihres Ehemanns verließ sie am 7. Dezember 1939 ihre Wohnung mit 30 Dollar und einem Notizbuch in der Tasche - und wurde danach nie mehr gesehen.

Im Nachhinein wirkt es verdächtig, dass Rogers sich erst zwei Wochen später bei der Polizei meldete. Er habe lange mit ihrer Rückkehr gerechnet, erklärte er laut Protokoll. Ganze vier Monate später gab er dann eine Vermisstenanzeige auf.

Weil ihr Ehename Rogers auf der Anzeige stand und nicht auch der bekannte Autorenname, nahm die Öffentlichkeit lange keine Notiz vom Verschwinden der Schriftstellerin, sie geriet in Vergessenheit.

Erst 1966 entdeckte das Time Magazine die tragische Geschichte und berichtete erstmals über Folletts Verschwinden. Doch bis heute ist unklar, was mit ihr geschah. War es Mord, Selbstmord, Flucht - oder ein guter Trick, um der Wirklichkeit zu entkommen? Hat sie sich im nahen Hafen von Boston unter falschem Namen eingeschifft, um irgendwo anders ein neues Leben zu beginnen?

In Barbara Newhall Folletts Texten geht es stets um Flucht aus dem Alltag. Und eine Zeitlang konnte die Autorin ihre Abenteuer auch leben. Vielleicht verschwand sie ja genauso wie ihre Protagonistin im Debütroman.

Und vielleicht ist sie auch noch auf ähnliche Weise anwesend wie die verschwundene Eepersip in der "Welt ohne Fenster": "Sie würde immer für alle Sterblichen unsichtbar bleiben, außer für jene, die eine Seele hatten zu verstehen, Augen zu sehen. Für sie ist sie stets präsent, ein Geist der Natur, eine Elfe der Wiesen, eine Najade der Seen und eine Nymphe der Wälder."

© SZ/kar/odg
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