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Autoimmunkrankheit:Das Chamäleon in der Medizin

"Das Chamäleon in der Medizin"

Experten rätseln über die Ursachen des Trends. Möglicherweise, so spekuliert Holtmeier, wachsen viele Kinder heute unter so hygienischen Bedingungen auf, dass die Körperabwehr nicht ausreichend trainiert wird. Denkbar sei aber auch, dass die Ernährung eine Rolle spiele. Der Dresdner Experte Jobst Henker verweist auf Studien, denen zufolge die Neigung zu der Krankheit davon abhängt, in welchem Alter Kleinkinder mit Gluten in Kontakt kommen, etwa über Säuglingsnahrung.

Er rät dazu, den kindlichen Organismus frühestens ab dem Alter von fünf Monaten in geringen Mengen mit dem Protein zu konfrontieren. Ähnlich alarmierend wie die Zunahme der Erkrankung ist das zweite Studienergebnis, das Murray im Fachblatt "Gastroenterology" vorstellt. Demnach lag im Lauf der fünf Jahrzehnte die Sterberate bei jenen Betroffenen, die nichts von ihrer Krankheit wussten, vier Mal höher als bei den gesunden Teilnehmern.

Da die Krankheit bei 80 bis 90 Prozent der Betroffenen unentdeckt bleibt, plädiert Murray dafür, Menschen routinemäßig auf die Unverträglichkeit zu untersuchen. Dabei stützt sich der Forscher allerdings auf äußerst magere Daten. Von den 9100 untersuchten Mitarbeitern des Luftwaffenstützpunkts hatten lediglich 14 eine unerkannte Zöliakie. Und nur bei sechs der neun verstorbenen Teilnehmer kannten die Forscher die Todesursache. Drei von ihnen starben an verschiedenen Krebsformen. "Diese dürftigen Daten lassen den Rückschluss der Forscher nicht zu", betont Holtmeier. "Ich sehe keinen Bedarf für Massenscreenings."

Zwar erhöht eine Zöliakie das Risiko für andere Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1. Und das Tumorrisiko steigt um das Vierfache, wenn die Betroffenen ihre Ernährung nicht umstellen. Meiden sie aber Gluten, ist die Krebsgefahr im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung kaum erhöht.

"Man sollte sich nicht verrückt machen lassen", betont Holtmeier. "Wer sich glutenfrei ernährt, ist erst einmal gesund." Sorge bereitet dem Mediziner dennoch, dass die Unverträglichkeit meist unerkannt bleibt. Wenn ein Patient etwa über Müdigkeit oder Bewegungsstörungen klagt, zu wenig Eisen hat oder unter Gelenkproblemen Anfälle leidet, denken die meisten Ärzte nicht unbedingt an eine Gluten-Unverträglichkeit. "Zöliakie ist das Chamäleon in der Medizin", sagt Holtmeier "Es gibt nichts, was nicht vorkommen kann. Deshalb wird die Krankheit oft übersehen."

© AP/sueddeutsche.de/mmk

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