Autoerotische Abenteuer Kaum psychiatrische Studien zur Hypoxyphilie

Es gibt kaum psychiatrische Studien zur Hypoxyphilie. Und die wenigen, die es gibt, sind widersprüchlich. Mal ist von einer masochistischen Störung die Rede, ausgelöst durch körperlichen, psychischen oder sexuellen Missbrauch. Mal von gesunder sexueller Neugierde, die wächst und wächst und irgendwann aus dem Ruder läuft. Und mal heißt es, die Hypoxyphilie sei vordergründig gar kein psychologisches, sondern ein körperliches Phänomen. Doch was dabei im Körper passiert, kann auch Wolfgang Keil nicht belegen: "Man weiß aus uralten Zeiten von Männern, die bei ihrer Hinrichtung durch Erhängen eine Erektion bekamen und einen Orgasmus hatten. Aber ob der Sauerstoffmangel wirklich glücklich macht? Ich weiß es nicht." Man kann Glück eben nicht messen.

Nicht weit entfernt vom Institut für Rechtsmedizin, ein paar Straßen nur, gibt es ein Fetisch-Geschäft. Ein guter Ort, um der Hypoxyphilie doch noch auf die Spur zu kommen? Drinnen ist es schummrig, auf dem Wandfernseher läuft ein Porno. Der Laden ist zugestellt mit Regalen, die Regale vollgestopft mit Sadomaso-Kram. Es sieht aus wie beim Kostümverleih und riecht wie beim Reifenhändler. Das liegt an den Neoprenanzügen, die auf Kleiderständern hängen, und an den Gummimasken, die aus den Regalen glotzen. Frage an den Verkäufer: Warum empfinden Menschen Lust, wenn sie keine Luft mehr kriegen? Gegenfrage des Verkäufers: "Warum bin ich schwul?" Er hat ja recht, woher soll er auch wissen, was nicht mal die Wissenschaft weiß. Sie weiß zwar, dass sexuelle Vorlieben durch Einflüsse vor und Erfahrungen nach der Geburt entstehen - aber die sind ja bei jedem Menschen anders. Vielleicht muss die Frage heißen: Wie verhindert man, dass hypoxyphile Menschen bei ihren Praktiken sterben? Da gebe es nur eine Möglichkeit, sagt der Verkäufer: "Niemals allein sein, wenn man so was macht. Aber dafür braucht man den Mut, zu seinen Vorlieben zu stehen. Und einen Partner, der Verständnis hat."

"Die Kripo sagte: Es war ein autoerotischer Unfall. Ich habe gefragt: Was ist das?" Bis heute versteht Roswitha Pflaum nicht, warum ihr Sohn tot ist.

(Foto: Veronica Laber)

Das hätte sich auch Roswitha Pflaum gewünscht: Eine Partnerin, die Bjoern versteht, ihn beschützt. Als Bjoern starb, hatte er keine Freundin. Seine letzte Liebe lag da schon vier Jahre zurück. Ein griechisches Mädchen, das er auf Kreta kennenlernte. Zehn Jahre hat Roswitha Pflaum dort mit Bjoern und ihrem älteren Sohn gelebt. "Wir hatten ein offenes Verhältnis", sagt sie, "Bjoern hat mir oft von der Sexualität mit seiner Freundin erzählt. Das waren normale Dinge, die die gemacht haben." Als die Familie nach Deutschland zurückkehrte, zerbrach die Liebe zu dem griechischen Mädchen. Zu dieser Zeit war Björn 16. "Er hätte sich hier jemanden suchen sollen, der die gleiche Neigung hat", sagt Roswitha Pflaum, "das hätte das Risiko heruntergesetzt. Ich begreife nicht, warum er das nicht gemacht hat."

In ein paar Wochen wird sie nach Kreta fliegen. Wird dort das griechische Mädchen treffen, Bjoerns letzte Liebe. "Ich will wissen, ob seine Neigung damals schon Thema war zwischen den beiden", sagt Roswitha Pflaum. Sie hat lange überlegt, ob sie diese Reise machen soll: "Weil mich auf Kreta alles an meinen Sohn erinnert. Aber dieses Jahr fahre ich hin. Es muss ja irgendwie weitergehen."

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