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Auswanderer:Hier ist alles deutlich billiger als in Deutschland

Andreas Bielmeier

(Foto: Daniela Gassmann/Cathrin Schmiegel)

Doch nicht jeder Deutsche am Balaton sucht einen Zufluchtsort vor der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. Für manche ist es einfach nur eine Geldfrage. Der Euro ist in Ungarn viel mehr wert, Grundstücke und Lebensmittel sind billiger. Ein Kilo Brot kostet umgerechnet etwa 50 Cent. "In Ungarn lebt man wie in Deutschland vor 20 oder 30 Jahren", sagt Zoltán Kiszelly.

Andreas Bielmeier ist 37 Jahre alt - und damit sehr jung für einen Auswanderer am Balaton. Wäre er nicht gegangen, er würde noch immer in einem Apartment leben und 800 Euro kalt bezahlen - für ein Zimmer, 30 Quadratmeter, und die Lage am Münchner Marienplatz. Als Freiberufler würde er zwölf Stunden am Tag arbeiten, keine Zeit und keinen Platz haben für ein Haustier.

Doch Bielmeier hat sich ein anderes Leben ausgesucht. In einem ungarischen Straßendorf teilt er sich die Ruhe mit seinem Hund: ein Weimaraner, schlank, karamellbraunes Fell. Nicht weit vom Ufer des Plattensees liegt ihr 10 000 Quadratmeter großer Rückzugsort. Mit Hängematte, gemähtem Rasen und, seit Neuestem, einem Pool. Seine Eltern haben ihm Haus und Grundstück geschenkt. "Sie sind nicht sehr begeistert von meinem Einsiedlerdasein in diesem Alter", sagt Bielmeier. "Aber das Leben ist zu kurz." Alles an ihm strahlt: sein Zahnpastalächeln, seine braungebrannte Haut, der Glitzerstein im Ohr. Noch kommt er gut zurecht mit der gelegentlichen Arbeit auf dem benachbarten Weingut und seinem Ersparten.

Der Immobilienmakler hat keinen freien Tag mehr

Das Geld der Deutschen ist in Ungarn willkommen. Sie kaufen Immobilien, sitzen in Cafés und Restaurants, gehen auf die Märkte in Seenähe. "Es gibt keine Probleme", sagt Kiszelly. "Die Leute bekommen überall Hilfe, finden manchmal Freunde. Man passt auf das Haus auf, mäht den Rasen." Die Einheimischen haben die unterschiedlichsten Eindrücke. Die Deutschen seien höflich und zuverlässig, sagen die einen. Die anderen: Sie seien arrogant und gäben kaum Trinkgeld.

In Somogyfajsz teilen sich elf Deutsche und 39 ungarische Familien eine Straße. Wer dort über eine kleine Betonbrücke und durch das Gatter in der Mauer fährt, gelangt in das Heidesche Reich: gemähter Rasen, Teich, holzverkleidetes Haus mit Ziegelsteindach. Auf der Veranda frühstückt das Ehepaar täglich. Für Ottmar Heide Blutdrucktabletten, für beide Kaffee und Zigaretten. In einem Bohnenglas schwimmen Kippenstummel. Normalerweise raucht er zwei Schachteln am Tag. Zurzeit sind es mehr. Auf dem Kalender im Büro gibt es keinen unbeschriebenen Tag, nicht mal am Wochenende.

Die Termine organisiert Claudia Heide, 54, blasse Haut, ungeschminkt. Von ihrem Mann wird sie "ma Fra" oder "Chefin" genannt. Durch die Wohnzimmerfenster der Heides fällt wenig Licht. Fast alle Bilder zeigen die Berner Sennenhunde der Heides und nicht die Kinder aus ihren ersten Ehen. Claudia Heide besucht ihren Sohn alle zwei Jahre in Köln. "Auf dem Weg zum Dom bin ich angemacht worden", sagt sie. "So ein... na so ein Asylant hat mich dumm angesprochen. Da hab' ich mich schon bedroht gefühlt." Ottmar Heide kommt überhaupt nicht mehr nach Deutschland. Heute sei alles noch schlimmer als damals, habe er gehört.

Im Norden des Balaton, wo die Landschaft hügeliger ist als in Somogyfajsz, wohnen Rainer und Andrea Haupt. Auf ihrem Grundstück gibt es ein Haus mit Reetdach, drei Hunde, zwei Schweine und 13 Hühner. Was es nicht gibt, ist Stress. Ganz anders als in ihrem alten Leben im mittelfränkischen Diespeck, wo Rainer Haupt, 55, in der Automobilindustrie arbeitete und sie als Kassiererin. Bald wollen sie sich selbständig machen, sich ihre Zeit endlich frei einteilen können.

In Ungarn trägt die 38-jährige Andrea Haupt pinke Crocs und ein enges Tanktop, ihre Innenarme sind von den Hühnern zerkratzt. Sie und ihr Mann nennen einander "Schatz", auch wenn sie sich uneinig sind.

"Und als Nächstes kracht's in Deutschland"

Eigentlich wollen die beiden miteinander nicht über Flüchtlinge sprechen. In der offenen Glastür ihres Gartenhäuschens beginnt Andrea Haupt doch damit: "Wir nehmen alles, was kommt, hurra die Waldfee. Und als Nächstes kracht's in Deutschland." "Wer sind wir denn?", widerspricht Rainer Haupt. "In Ungarn sind wir die Ausländer." Er sitzt am Tisch, den rechten Fuß aufs linke Knie gelegt, Sportsocken in Sandalen. Wenn es nach ihm geht, soll auf der ganzen Welt jeder dort hingehen können, wo er hin möchte. "Seh' ich genauso", sagt Andrea Haupt. "Aber ich muss mich auch benehmen, und nicht dem Staat auf der Tasche liegen." Am Ende der Diskussion wird sie noch immer stehen, aber versöhnlich werden: "Ich hab' recht. Und du hast dein Recht."

In Marcali, zwischen Plattenbauten und deutschen Supermärkten, liegt an einer befahrenen Straße der beliebteste Platz für viele Deutsche: das Café Mester mit Slush-Maschine und knallgrünen Torten. Fast jeder hier kennt Ottmar Heide: ein Fensterbauer, der im Vorbeifahren hupt, ein Bekannter, dem Heide ein "Servus, Großer" zuruft, und die Kellnerin, die ungefragt die deutsche Karte bringt. Sie weiß, dass Ottmar Heide lieber Deutsch als Ungarisch spricht. Er beherrscht die Wörter, aber nicht die Grammatik.

Petra Görtz wandert aus, weil sie kein Kopftuch tragen will

Auf den Rauchertisch haben Ottmar Heide und Familie Görtz zehn Minuten gewartet. Sie wollen die Details klären. Für Heide ist der Deal längst abgeschlossen. Petra Görtz, die in Deutschland bei einer Reinigungsfirma arbeitet und Schwielen an den Händen hat, bietet er gleich einen Job an. Sie könne Ferienhäuser putzen, sagt er. "Wir renovieren die Dinger." Wieder sein Vertreterlächeln. Wieder knautscht sich die Haut um seine Augen zusammen. Dann bestellt er eine neue Runde.

Friedhelm Görtz sitzt breitbeinig. Um gegen den Motorenlärm anzukommen, muss er laut sprechen. "Mein Gott", sagt er. "Ich bin nicht rassistisch." Heide: "Ich auch nicht." Görtz: "Wirklich nicht." Das Ehepaar Görtz glaubt nicht an Gott. Doch wenn es um die Religion anderer geht, verwenden beide seinen Namen ständig. An diesem Nachmittag zwölf Mal. Den Islam nennt Friedhelm Görtz "ein einziges Problem". Zank und Streit seien da programmiert. "Man muss nur die Nachrichten sehen", sagt er. "Wie gesagt, ich bin nicht rassistisch." Ob er sich in Deutschland trotzdem noch zu Hause fühlt? "Ich bin Deutscher durch und durch. Hier kommen keine Muslime rein. Sonst würde ich von meinem Zuhause nicht flüchten."

Petra Görtz lässt die Griffe ihrer Kunstlederhandtasche nicht einmal jetzt los. Mit durchgestrecktem Rücken erzählt sie, wie unwohl sie sich in ihrer Heimat fühlt: "Ich will kein Kopftuch. Und ich will nicht fünf Meter hinter meinem Mann mit Tüten herrennen." Ottmar Heide zückt seinen Daumen: "Subba."

© SZ vom 10.09.2016/biho
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