Auswahl von Kindernamen:Schuld war ein klebriger Hollywood-Film

Lesezeit: 8 min

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Viele Eltern wählen den Namen nach dem Klang aus - aber nicht alle.

(Foto: knallgrau / photocase.com)

Eine Kino-Schmonzette, das familiäre Bekenntnis zum Hippietum, eine Oper: Eltern haben die absurdesten Inspirationsquellen, wenn es um die Namensgebung ihrer Kinder geht.

Süddeutsche.de-Mitarbeiter erzählen, warum sie heißen, wie sie heißen.

Die meisten Eltern wählen die Namen ihrer Söhne und Töchter nach dem Klang aus, hat eine aktuelle Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache ergeben. Dass manche Kinder ihren Namen anderen Gründen verdanken, hat eine nichtrepräsentative Umfrage in der Redaktion von Süddeutsche.de ergeben. Mitarbeiter erzählen, warum sie heißen, wie sie heißen - und wie es ihnen mit der Namenswahl ihrer Eltern so geht.

Hakan Tanriverdi, Mitarbeiter im Digital-Ressort

Ich bin das Subjekt in dem Satz, den sich meine Eltern überlegt haben. Wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, ob das alles Zufall war oder Strategie. Jedenfalls heiße ich Hakan, übersetzen könnte man das mit "der Herrscher". Das gleiche "kan" steckt übrigens in Dschingis Khan, aber das nur für den Hinterkopf. Meine Geschwister heißen übersetzt "die frohe Kunde" (Büsra) und "der Morgen" (Safak). Wenn uns meine Eltern also vor ein paar Jahren am Frühstückstisch sehen wollten, riefen sie sinngemäß "Am frühen Morgen (bekam) der Herrscher die frohe Kunde" durch die Wohnung. Als Start in den Tag fand ich das immer sehr amüsant.

Charlotte Haunhorst, Mitarbeiterin bei jetzt.de

Meine Eltern haben kurz vor der Geburt meines älteren Bruders einen Deal gemacht: Meine Mutter tauschte ihren bis dahin sehr klangvollen Nachnamen Morré gegen den meines Vaters, Haunhorst. Dafür durfte sie über die Vornamen der Kinder entscheiden. Nun gibt es bei mir in der Familie die Tradition, dass die Kinder immer noch zusätzlich die Namen der Großeltern bekommen. In meinem Fall führte das zu dem Ergebnis, dass ich jetzt Charlotte (nach Königin Sophie-Charlotte, der Namensgeberin von Charlottenburg, wir lebten damals in Berlin) Annemarie Erdmuthe heiße.

Charlotte ist zwar der Rufname, viele Lehrer wussten das allerdings nicht und zelebrierten es deshalb in der Schule, mich mit ganzem Namen aufzurufen. Damals fand ich das furchtbar, mittlerweile mag ich meinen Dreifach-Namen allerdings ganz gerne - Erdmuthe heißt nun wirklich niemand anders!

Jannis Brühl, Mitarbeiter im Wirtschaftsressort

Eigentlich ist es ganz cool, nach einem griechischen Dichter benannt zu sein. Abgesehen davon, dass man als deutsches Wohlstandskind nicht so richtig mit ihm mithalten kann. Jannis Ritsos war Sohn eines spielsüchtigen Weinbergbesitzers, dichtete gegen die Nazi-Besatzer, dann gegen die griechischen Faschisten, wurde mehrfach auf Inseln verbannt, seine Texte verboten und vom Komponisten Mikis Theodorakis vertont. Aber, hey: No pressure.

Auf was für Ideen die Eltern in den frühen Achtzigern halt so kamen, wenn sie nicht gerade demonstrierten oder Bio-Apfelsaft kauften, als der Rest des Landes noch gar nicht wusste, dass es so etwas gibt. Am ersten Tag als Praktikant bei SZ.de fragt ein Kollege skeptisch: "Jannis? Waren deine Eltern Hippies?"

Die fränkischen Verwandten machen aus dem Namen ein langgezogenes "Jaaanes", andere hören auch nach mehrfacher Belehrung noch "Hannes". Amerikanische Verkäuferinnen irritiert die Kreditkarte, weil sie "Janis" nur als Frauennamen kennen. "Dschännis Dschopplin" ist in Deutschland eine der häufigeren Verhunzungen, es gibt auch "Kandis" (?) und ein schnell ausgesprochenes "Jannis kann es". Am schönsten aber ist der Nickname aus dem Tipp-Spiel zur Fußball-WM: Jannistelroy.

Violetta Simon, Redakteurin in den Ressorts Panorama, Leben und Stil

Um zu verstehen, wie ich zu meinem Vornamen komme, muss man zunächst verstehen, wie meine Mutter zu ihrem kam; es ist nämlich derselbe. Meine Großmutter, damals jung, schwanger und kulturinteressiert, saß mit meinem Großvater in der Opernaufführung von "La Traviata", was so viel bedeutet wie "die Verderbte, die vom Wege Abgekommene". Aus irgendeinem Grund - waren es die Hormone, war es Mitleid - entflammte meine Großmutter für das Schicksal der Protagonistin, einer Kurtisane namens Violetta Valéry. Die Namensfrage war damit geklärt, das Töchterchen würde Violetta heißen, das italienische Wort für Veilchen.

21 Jahre später sah sich meine Mutter, damals jung, schwanger und eher pragmatisch veranlagt, ebenfalls der Frage gegenüber, wie ihr Kind nun heißen solle. Schnell kam sie mit meinem Vater überein, dass das Erstgeborene den Namen eines Elternteils bekäme. Ich wurde auf den Namen Violetta getauft. Mal abgesehen davon, dass ich bis heute nicht verstehe, wie man sein Kind nach sich selbst benennen kann: Es ist überhaupt nicht witzig, in den 70er Jahren zu heißen wie ein italienisches Gewächs, wenn man umgeben ist von Claudias, Petras und Susannes. Zumal es im Teenager-Alter am Telefon ständig zu lästigen Verwechslungen kam ("Hallo Violetta, ich bin's, erinnerst du dich? Centro Espanol? Ach, du kennst das Lokal nicht, warst nie dort? Wie bitte, die Mutter? Willst du mich auf den Arm nehmen? Du kannst auch einfach sagen, wenn du dich nicht mit mir treffen willst.")

Also beschloss ich, das Hinterteil meines Namens zu opfern - wie eine Eidechse, die ihren Schwanz abwirft. Aus Violetta wurde Vio, und damit ein neues Problem, wenn ich mich vorstellte: "Hä, wie heißt du - Bio?" Heute habe ich Frieden mit meinem Namen geschlossen, in vollem Umfang. Unter anderem, weil er mich an meine Großmutter erinnert. Violetta - klingt einfach netter.

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