Süddeutsche Zeitung

Ausstellung "Traummänner" in Hamburg:Diese Typen dürfen alles

Beziehungsunfähig, rüpelhaft, griesgrämig - Traummänner verkörpern all das, wofür Frauen den eigenen Mann verlassen würden. Eine Ausstellung im Hamburger Haus der Photographie beschäftigt sich mit der weitverbreiteten Lebenslüge "Traummann".

Ralf Wiegand

Hinter den bodentiefen Fenstern sieht man im Restaurant der Hamburger Deichtorhallen am frühen Nachmittag kaum Männer sitzen, aber viele Frauen. Frauen mit anderen Frauen, Frauen mit Kindern, Frauen allein. Manche fädeln Nudeln auf Gabeln, andere wippen ein Baby auf den Knien, wieder andere schauen gedankenverloren in die Weite vor dem Fenster. Hängen sie ihren Träumen nach? Träumen sie von Männern? Von welchen? Gibt es Traummänner? Und wenn ja, warum sind die nicht hier und essen mit vom Nudelteller?

Hetero-Pärchen, wird die junge Frau an der Kasse gleich amüsiert erzählen, "Hetero-Pärchen schauen oft komisch, wenn man ihnen das Kombi-Ticket anbietet." Sie könnten dann mit Rabatt neben der Halle für aktuelle Kunst auch noch das Haus der Photographie besuchen, mit der Ausstellung "Traummänner", 150 Bilder von 50 Fotografen. Fotos von Männern. Von mächtigen, erfolgreichen, schönen, reichen Männern und von ein paar, die sogar alles auf einmal sind.

Heteros scheinen Angst davor zu haben, Angst und falsche Vorstellungen vom idealisierten Mann. Oder es gibt vielleicht auch noch Frauen, die ihren Männern das nicht antun wollen. Die zu einfühlsam sind, um im Beisein ihres echten Mannes einen anderen, irgendwie virtuellen Mann anzuschmachten, wie die ältere Dame, die gerade vor den "Prague Boys" steht, als ihr Mobiltelefon klingelt: "Klaus, ich betrachte nackte Männer, ich habe keine Zeit." Zu ihr gehört ein grauhaariger Herr, der auf eigenartige Weise durch die Brustwarzenporträts dieser leicht metrosexuell rüberkommenden "Prague Boys" hindurchzuschauen scheint. Wahrscheinlich würde er jetzt lieber mit Klaus Tennis spielen.

Etwas widersprüchlich ist die Sache mit dem Traummann schon. Seit Jahrzehnten arbeitet die selbstbewusste Frau daran, dem Mann die Männlichkeit auszutreiben oder zumindest das, was der Mann für männlich hält. Die Männersachen eben. Nichts, was ein Mann kann, würde eine Frau nicht auch können: Bier aus der Flasche trinken, Skispringen, Steaks grillen, Angestellte feuern. Neben solchen Frauen wirken Männer nur noch wie Kumpel, da hakt frau sich zwar gerne unter, aber fällt nicht über ihn her.

Unter den Traummännern jedoch, die es als Exponate in die Hamburger Ausstellung (bis 22. Mai) geschafft haben, finden sich diese entmännerten Kumpelwesen nicht. Die Männer dort sind überwiegend Sexsymbole, entweder für Frauen oder für solche Pärchen, die nicht hetero sind. Bezeichnenderweise gelten solche Männer oft als Traummänner, die es mit Frauen nicht lange aushalten.

Das Plakat zur Ausstellung ziert dieser unvermeidliche Hollywoodstar, den man aus der Kaffeeautomatenwerbung kennt. Dort spricht er mit Gott. Im wirklichen Leben soll er sich gerade getrennt haben, heißt es im Internet, und wenn es heute nicht stimmt, wird es morgen so sein. Dürfen Männer einfach schön sein, während Frauen auch für ihre inneren Werte bewundert werden wollen?

Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht hinreichend, sie reduziert den Mann aufs Bild von ihm, wobei es nicht allein das Bild ist, das der Fotograf von ihm gemacht hat, sondern das Bild, das er in seinem Leben bisher abgegeben hat. Barack Obama würde nicht in der Ausstellung hängen, wäre er nicht Präsident der USA. Zu sehen ist das Porträt eines schmalen Mannes mit einer kleinen Warze am rechten Nasenflügel und gnädig in Unschärfe getauchten sehr großen Ohren. Macht macht verführerisch - und sie ist oft die einzige Chance für hässliche Männer, an eine Traumfrau zu kommen.

Der gemeine Mann von der Straße kann zum Traummann dieses Typs nicht werden. Er versucht, seine Familie zu ernähren, seinen Job zu behalten, keine weißen Socken anzuziehen, mit der Frau mal ins Theater zu gehen. Oder wenigstens in den Zoo. Und samstags zu Ikea. Und Humor zu haben. Und verlässlich zu sein.

Sind das nicht die Dinge, von denen Frauen zu träumen vorgeben - Verlässlichkeit und Humor? Mit ihm lachen zu können? Und? Lacht Johnny Depp auf dem Foto von Marc Hom etwa? Nein. Er trägt einen verbotenen Schnauzbart, verzieht keine Miene und duckt sich neben einen noch griesgrämigeren Tim Burton.

Die Ausstellung mag ein noch so vielschichtiges Männerbild zu vermitteln versuchen - aber ein Jedermann wird nicht zum Traummann. Da musst du schon etwas bieten können, um als Traummann durchzugehen. Die unbekannten Models sehen aus wie Mädchen ohne Brüste, und man muss nicht einmal ein besonders guter Mensch sein. Zinédine Zidanes Porträt zeigt noch das Pflaster auf der Nase, das über der Wunde klebt, die er sich bei der Kopfnuss für Marco Materazzi zuzog. Ein Normalo würde als Rüpel gelten, bei einem Promi sind solche Ereignisse interessante Brüche in der Biographie.

Sogar Jesus hängt in der Ausstellung, nicht am Kreuz, sondern auf Baryt-Papier gedruckt, und auch nicht der echte, sondern ein Double aus Oberammergau. Traummann seit 2000 Jahren, Respekt. Auch wenn er aussieht wie ein müder Bergsteiger.

Am Ende, wenn ausgeträumt ist, dürfen die Besucher eine Wand mit eigenen Traummännern schmücken. Kleine Fotos kleben da, auch ein asiatischer Geldschein mit einem hochdekorierten Herrscher. Ganz hinten rechts hat jemand mit Bleistift ein kleines Kästchen gemalt für den Traummann und seinen Namen reingeschrieben: "Dietmar!"

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1079651
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.03.2011/vs
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.