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Ausbildung im Strafvollzug:Zarte Schnitte

JVA Plötzensee

"Love is in the Hair" heißt der Frisiersalon in der Berliner JVA Plötzensee.

(Foto: Verena Mayer)

Wo man mal richtig den Kopf gewaschen bekommt: In der Jugendstrafanstalt Berlin lernen Insassen das Friseurhandwerk.

Ein Friseurladen wie so viele. Spiegeltische mit schwarzen Sesseln davor, an einer dunkelrot gestrichenen Wand hängen Schwarz-Weiß-Fotos junger Frauen mit schicken Frisuren. Dazwischen Schränkchen mit Bürsten und Kämmen, auf einem Tisch stehen Frisierpuppen, es duftet nach Shampoo und Haarwachs. Auch das Wortspiel im Namen unterscheidet diesen Friseur nicht von Hunderten anderen in der Hauptstadt: "Love is in the Hair".

Und doch ist nichts hier alltäglich. Denn der Frisiersalon befindet sich an einem Ort, in dem die Fenster vergittert sind und ein Justizwachtmeister in einem Glaskabuff nach dem Rechten sieht. An dem man erst seinen Personalausweis abgeben und dann warten muss, bis einem jemand die schweren Metalltüren aufschließt. Der Frisiersalon liegt mitten im Gefängnis.

Genauer gesagt: in der Jugendstrafanstalt Berlin. Ein Backsteinkomplex in einem Viertel im Nordwesten der Stadt, wo sich ein Klotz an den nächsten reiht, Männergefängnis, offener Vollzug, Haftkrankenhaus. Im Jugendgefängnis sind derzeit 300 Jungs und junge Männer untergebracht, und im Gegensatz zu den erwachsenen Gefangenen sollen sie nicht nur ihre Strafe absitzen, sondern auch eine Perspektive fürs Leben bekommen.

Dafür gibt es eine Schulabteilung und Werkstätten, in denen man sich etwa zum Automechaniker, Gärtner, Schlosser oder Tischler ausbilden lassen kann. Und seit einigen Monaten können die Insassen des Jugendknasts in einen frisch eingerichteten Frisiersalon gehen. Um dort das Handwerk zu lernen, andere zu frisieren. Aber auch, um sich selbst pflegen zu lassen. Was bringt das und wer geht dort überhaupt hin? Und warum sollte man im Knast eine schöne Frisur haben?

Vor zehn Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen

Katja Adolph, Sozialpädagogin und im Jugendgefängnis für die Ausbildung zuständig, betritt das "Love is in the Hair". An einem anderen Tag würde sie nun nach ihren Wünschen gefragt, Adolph gehört hier zu den Stammkundinnen. An diesem Wintertag will sie sich aber nur umgucken. Junge Männer in schwarzen Jacken mit rotem Kragen wuseln hin und her und widmen sich ihren Kunden in den Frisiersesseln. Ein Bart muss in Form gebracht, ein Nacken ausrasiert werden, ein junger Mann wünscht einen Undercut für sein blondes Haar. Und immer wieder wird eine Kopfmassage verlangt.

Noch vor zehn Jahren wäre so etwas in einem Jungsgefängnis undenkbar gewesen, sagt Adolph. Knast - das war auch für Jugendliche der Ort, an dem man seine Männlichkeit beweisen muss, bloß keine Schwäche zeigen darf oder gar eine Vorliebe für so etwas wie die schönen Dinge des Lebens. Doch heute boomen überall im Land die Barbershops, "der männliche Friseur ist ein sehr beliebtes Rollenbild geworden". Wenn sie die Inhaftierten nach ihrem Berufswunsch fragt, hört sie sehr oft: sich als Friseur selbständig machen oder in einem Barbershop arbeiten.

Mahmut, 18, der gerade den Föhn anwirft, kommt selbst aus einer Friseurfamilie. Sein Vater betreibt mehrere Läden, und Mahmut hätte dort auch eines Tages gestanden, wenn er nicht für eineinhalb Jahre in den Knast gekommen wäre. Warum er genau hier ist, will er wie die meisten hier nicht sagen, auch sein Name ist in Wirklichkeit ein anderer. Aber Mahmut kann sagen, was dieser Ort für ihn bedeutet. Es sei wichtig, gut auszusehen, sich zu pflegen, besonders im Knast, wo alles vorgegeben und bestimmt ist. Sich da nicht gehen zu lassen und sogar bewusst etwas an seinem Körper zu verändern - das sei eine der wenigen Freiheiten.

Der Frisiersalon als einziger Ort der Normalität

So sieht das auch Khaled, ein schmaler Junge, der nun im Frisiersessel sitzt. Ein gut gestylter Bart sei wichtig, sagt der Zwanzigjährige, "damit sieht man erwachsener aus". Khaled ist aus Syrien, vor fünf Jahren flüchtete er nach Deutschland. Sein Leben ist eine Aneinanderreihung von zerbrochenen Träumen. Er musste allein nach Berlin, seine Familie lebt in Latakia, er hat wenig Kontakt. Dann versuchte er, in Deutschland eine Ausbildung machen, "aber wegen der Kriminalsachen hab ich das nicht geschafft". Die halbe Stunde im Frisiersalon alle paar Wochen ist für ihn der einzige Ort der Normalität.

"Hier musst du noch nacharbeiten", sagt eine Frau jetzt zu Mahmut und zeigt auf den Nacken von Khaled. Es ist die Friseurmeisterin Jenny Ahlers. Sie ist seit Langem als Friseurin im Geschäft, den Gefängnisalltag kennt sie von ihrem Mann, der ist Justizvollzugsbeamter in einer anderen Anstalt. Von ihm weiß sie, wie schnell ein Leben in die Kriminalität abdriften kann, aber auch, dass es Wege hinaus gibt. Sie kann sich noch gut an den Insassen erinnern, der nach seiner Haft ihrem Mann bei einem Umzug half und sagte: "Ich bin jetzt sauber." Zu sehen, wie der Mann einen Job gefunden hatte und wieder im Leben stand, "das hat mich beeindruckt".

Nun geht sie selbst täglich in den Knast und bringt den jungen Männern bei, wie man Haare wäscht, Spülung aufträgt, Strähnen färbt, den Kopf massiert. Jungs wie Khaled lernen zudem, wie man Frauenfrisuren macht, in Syrien sind Männer und Frauen beim Friseur streng getrennt. Und wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages auch mal eine Maniküre. Das Motto, das seit einigen Jahren als riesiges Plakat auf dem Backsteingebäude des Gefängnisses prangt, kommt einem jedenfalls gar nicht so selbstironisch vor: "Jugend hat Zukunft - wir feilen dran!"

© SZ vom 14.03.2020/vs
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