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Aus für Verhütungsspritze:Die zarten Seiten des Mannes

Zehn Jahre arbeitete Schering an hormonellen Verhütungsmöglichkeiten für den Mann. Nun wurde die Forschung eingestellt: Das Mittel schickte die Testpersonen auf eine Achterbahn der Gefühle.

Kristina Läsker

Fast hätte es so ausgesehen, als könnten Männer künftig mehr Verantwortung für die Verhütung übernehmen, doch diese Idee ist nun gescheitert.

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Die Psyche des Mannes ist auf Hormoneinnahme nicht eingestellt

(Foto: Foto: iStockphoto)

Nach etwa zehn Jahren hat der Berliner Arzneimittelhersteller Schering die Entwicklung einer Anti-Baby-Pille für den Mann eingestellt - und teilte dies am Dienstag bei einem Analystentreffen mit.

Medizinisch gab es für die Entscheidung eigentlich keinen Grund. Das neue Verhütungsmittel für den Mann - eine Kombination aus Spritze und Hormonimplantat - hatte in einer europaweiten Studie an 350 Teilnehmern zuverlässig gewirkt und wurde gut vertragen.

Der Forschungsstopp hat eher andere Gründe - und die sind in der Psyche des Mannes zu suchen: Männer halten die mit der Einnahme von Hormonen verbundenen Stimmungswechsel nicht so gut aus.

Fast alle Teilnehmer der Studie beklagten starke Stimmungsschwankungen sowie emotionale Hochs und Tiefs, sagte Professor Eberhard Nieschlag, Androloge des Instituts für Reproduktionsmedizin des Uni-Klinikums Münster, der Welt.

Auch die Placebo-Patienten wurden launisch

Das Erstaunliche daran: Die durchgeführte Studie war verblindet, einige Tester bekamen nur ein wirkungsloses Präparat, ein Placebo. Aber alle Teilnehmer litten an Stimmungswechseln. "Am meisten erstaunte uns, dass auch jene Männer die Begleiterscheinungen beklagten, die das Placebo bekommen hatten", sagt Nieschlag.

So oder so reagierten die beteiligten Tester also hoch empfindlich und irrational auf Placebo oder Pille - weshalb das Mittel von vornherein wohl zum Scheitern verurteilt war.

Der Pharmakonzern Schering hatte in den neunziger Jahren mit der Erforschung der Pille für den Mann begonnen. Von 2002 bis 2006 kooperierte der Arzneimittelhersteller mit dem niederländischen Pharmakonzern Organon. Gemeinsam führten beide Firmen eine Phase-II-Studie durch, in der das Mittel in der zweiten von drei vorgeschriebenen Testphasen am Menschen ausprobiert wird.

Organon stieg 2006 aus der Entwicklung aus, denn die hormonelle Verhütung für den Mann erwies sich als komplizierter als die Einnahme der normalen Anti-Baby-Pille. "Frauen sind es gewohnt, regelmäßig an ihre Verhütung zu denken", sagt eine Organon-Sprecherin. "Bei Männern war die Bereitschaft zu gering, das Mittel zuverlässig zu verwenden."

Ähnlichkeiten zum prämenstruellen Syndrom

Tatsächlich ist die Männer-Pille eine Kombination aus dem männlichen Sexualhormon Testosteron, das alle drei Monate per Spritze verabreicht wird. Zusätzlich bekommen die Männer ein Implantat oder Pflaster, das das weibliche Hormon Gestagen abgibt und damit die Spermienproduktion und den Testosteronspiegel senkt.

Doch genau dieses Wechselspiel scheint bei Männern einen unerträglichen Gefühlscocktail zu bewirken. "Wenn ich gerade Testosteron gespritzt bekommen hatte, war ich mutig, aggressiv und voll Energie", sagt der britische Journalist Clint Witchalls, der die Pille ein halbes Jahr ausprobiert hat - und die Achterbahn der Gefühle in seinem neuen Buch "Die Pille und ich" beschreibt.

,,In den Phasen vor der neuen Spritze war ich unsicher, anhänglich und introvertiert.'' Wie eine Frau. "Ich würde nie sagen, dass das prämenstruelle Syndrom eingebildet ist", sagt Witchalls. "Jedenfalls jetzt nicht mehr."

Der Pharmakonzern Schering begründet den Stopp der Pille sachlicher: Die Kombination der komplizierten Darreichung, der fehlenden Akzeptanz und dem daher ungenügenden Marktpotential hätten dazu geführt, die Forschung zu beenden, sagt ein Sprecher.

Ein entscheidender Grund war aber auch die Übernahme durch den Wettbewerber Bayer. Im vergangenen Jahr war Schering von Bayer gekauft worden, seither hatte der neue Pharmachef Arthur Higgins penibel die gesamte Forschung durchleuchten lassen.

Insgesamt zwanzig potentielle neue Medikamente fallen der künftigen Fokussierung aus "strategischen Überlegungen oder aufgrund geringer Erfolgsaussichten" zum Opfer, so auch die hormonelle Verhütung für den Mann.

Das Aufspüren zukunftsträchtiger Wirkstoffe will Bayer auf vier Bereiche konzentrieren: Onkologie (Krebs), Kardiologie, diagnostische Bildgebung und Frauengesundheit, womit das Unternehmen auch die Verhütung per Pille meint. Auf diesem Gebiet ist Schering bereits Weltmarktführer. Und der Hersteller will nun wohl weiter auf die - zuverlässigen und robusteren - Frauen setzen.

© SZ vom 20.6.2007
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