Dem Geheimnis auf der Spur:Die Inseln, die es nie gab

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Dem Geheimnis auf der Spur: Manche Experten glauben, dass die nahe gelegenen Shag Rocks mit den Auroras verwechselt wurden.

Manche Experten glauben, dass die nahe gelegenen Shag Rocks mit den Auroras verwechselt wurden.

(Foto: Martin Zwick/Imago images)

Viele Seefahrer wollen den Aurora-Archipel im Südatlantik schon gesehen haben, der reiner Fantasie entsprungen ist. Doch der Wunsch, dass sie existieren, ist noch immer groß.

Von Florian Welle

Inseln können vieles sein: In früheren Epochen Umschlagplätze für den Handel ebenso wie Orte der Verbannung, der Quarantäne, des Exils. Heute hingegen locken sie überwiegend Erholung suchende Touristen oder den einen oder anderen zivilisationsmüden Aussteiger an. Aber auch als literarische Fantasieprodukte haben sie eine jahrhundertelange Geschichte. Beispielsweise als Schauplatz einer idealen Gesellschaft in Thomas Morus' "Utopia" oder als weit abgeschiedener Ort, an dem sich die gesamte Zivilisationsgeschichte noch einmal im Kleinen wiederholen lässt. Das macht bekanntlich Robinson Crusoe, berühmtester Insulaner der Weltliteratur.

Eine besondere Stellung unter den verschiedenen Insel-Typen nehmen Phantominseln ein. Eilande, die es in Wahrheit nie gab, von deren Existenz die Menschen aus den unterschiedlichsten Motiven aber felsenfest überzeugt waren. "Die Fülle sogenannter Phantominseln, die die Seekarten noch bis weit in die Neuzeit bevölkerten (...) ist Beispiel genug, den nahtlosen Übergang zwischen realen und fiktiven Inseln zu illustrieren", schreibt Volkmar Billig in seinem wegweisenden Buch "Inseln. Geschichte einer Faszination".

Zu den zahllosen Phantominseln gehören so schillernde wie die westlich von Nordafrika verorteten Sankt-Brendan-Inseln, die auf ihren angeblichen Entdecker im 6. Jh. n. Chr., den irischen Priester Brendan zurückgehen. Seine unglaubliche Reise wurde später in dem Bericht "Navigatio Sancti Brendani" festgehalten. Weniger bekannt ist die vermeintlich nahe Neufundland gelegene "Insel der Dämonen", vor der sich im 16. Jahrhundert erstmals Seeleute fürchteten. Sowie das in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts im Pazifischen Ozean mutmaßlich gesichtete Maria-Theresia-Riff. Es sollte Jules Vernes zu "Die Kinder des Kapitän Grant" inspirieren.

Ein spanischer Entdecker kartierte die Inselgruppe sogar

Der wohl merkwürdigste Fall unter allen Phantominseln sind jedoch die Auroras. Die Inselgruppe zwischen den Falklandinseln und Südgeorgien wurde nämlich im Gegensatz zu vielen anderen Scheininseln nicht nur einmal gesichtet, sondern von mehreren Seefahrern in rascher Folge - womöglich schon von dem italienischen Entdecker Amerigo Vespucci auf seiner 1501/1502 unternommenen dritten Reise. Der Spanier José de Bustamante y Guerra kartierte die Auroras sogar, als er im Jahr 1794 mit der Korvette Atrevida im Südatlantik kreuzte. Die Position, die er an die Kgl. Hydrografische Gesellschaft mit Sitz in Madrid weiterleitete, gab er mit 53° Süd 48° West an. In seinem Logbuch beschrieb er die drei Inseln. Das markanteste Merkmal der größten sei "ein großer Berg in Form eines zweigeteilten Pavillons (oder Zelts); das östliche Ende weiß und das westliche sehr dunkel; auf welch letzterer Seite ein Band Schnee verlief".

Ihren Namen verdanken die Auroras den Handelsschiff Aurora unter dem Kommando von José de la Llana. Es befand sich 1762 auf dem Weg von Lima nach Cádiz, als es auf den vorgeblichen Archipel stieß. De la Llana ging da noch von zwei Inseln aus. Ihre Existenz bestätigten 1769 die San Miguel, 1774 noch einmal die Aurora, sodann 1779 die Perla und schließlich 1790 die Dolores sowie die Princessa. Es war deren Kapitän Manuel de Oyarvido, der nun auch eine dritte Insel gesehen haben wollte und sie auf den Namen "Isla Nueva" taufte. Danach wurde es still um die Auroras. Bis 1819 der Robbenjäger James Weddell ins Südpolarmeer aufbrach und bei dieser Gelegenheit ebenfalls der Existenz der Inseln nachgehen wollte. Doch der Brite fand weit und breit nichts außer eisigem Ozean und ging davon aus, dass seine Vorgänger "von Sinnestäuschungen irregeführt worden seien", wie Edward Brooke-Hitching in seinem prächtigen "Atlas der erfundenen Orte" berichtet.

Sind die Inseln vielleicht nach einem Seebeben versunken?

Es war Edgar Allan Poe, dem die mysteriöse Geschichte keine Ruhe ließ und der ihr rund zwanzig Jahre später ein Kapitel in seinem Roman "The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket" widmete. In dem denkwürdigen Seeabenteuer heißt es: "Am 15. November segelten wir nach Südwesten, da wir eine Inselgruppe, genannt die Auroras, aufsuchen wollten, über deren Vorhandensein eine große Meinungsverschiedenheit geherrscht hat." Und weiter: "Bis zum Zwanzigsten behielten wir unseren südwestlichen Kurs bei, und nun waren wir an der fraglichen Stelle angekommen, nämlich in 53° 15' südlicher Breite und 47° 58' westlicher Länge, wo ungefähr die südlichste der drei Inseln liegen soll. Wir sahen von Land nicht die Spur und setzten unsere Reise (...) fort."

Während für Poe die Sache klar war, waren die Auroras noch jahrzehntelang auf offiziellen See- und Landkarten verzeichnet, ehe sie nach und nach entfernt wurden. Zurück aber bleibt bis heute die Frage, wie es sein konnte, dass der Archipel überhaupt hatte gefunden werden können. Die "eine vernünftige Erklärung" gibt es laut Edward Brooke-Hitching nicht. Dafür gleich mehrere Hypothesen. Manche Experten weisen auf die Ungenauigkeit der damaligen Instrumente hin, andere machen die schlechte Sicht in dieser unwirtlichen Gegend verantwortlich. Die Sehnsucht, hier auf Land zu stoßen, könnte groß gewesen sein. Oder sind die Auroras vielleicht nach einem Seebeben versunken? Ebenso denkbar wäre, dass es lediglich verschmutzte Eisberge waren. Schließlich gibt es die Vermutung, es handele sich bei ihnen in Wahrheit um die Shag Rocks. Allerdings ragen diese Inseln wie mächtige Haifischflossen aus dem Meer und ähneln überhaupt nicht den Beschreibungen der Auroras.

So oder so: Der Wunsch, dass sie existieren, ist noch immer groß. Zumindest in der Fantasie. Weshalb Barbara Hodgson sie in ihrem illustrierten Roman "Hippolyte's Island" von 2001 wiederentdecken ließ und Samuel Herzog 2020 für die NZZ eine Reise im Kopf zu der Inselgruppe antrat: "Wirklich saukalt hier."

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