Zum Tod von "Dr. Sommer" Martin Goldstein "Geschlechtsreife berechtigt nicht zur Inbetriebnahme"

Zweimal stand die Bravo 1972 wegen "Dr. Sommer" auf dem Index, weil er darin die Selbstbefriedigung thematisierte - und enttabuisierte. Goldstein erklärte, dass Masturbation kein Phänomen der Jugend sei, sondern dass es Erwachsene ebenso täten. "Das hat mir Vater Staat übel genommen und mir die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Hals gehetzt", wird Goldmann in dem Interview zitiert. In ihrer unnachahmlichen Art argumentierten die staatlichen Jugendschützer damals: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

Nach Ansicht Goldsteins hat sich daran bis heute wenig geändert: Nach wie vor gebe es keine Ermutigung zum Erleben der Sexualität, sondern allenfalls eine Duldung. Die Jugendlichen von heute wüssten vielleicht mehr, aber sie seien noch genauso unsicher, sagte Goldstein einmal. "Kann ich schwanger werden, wenn ich Sperma schlucke?", hätten Mädchen damals, in seinen ersten Berufsjahren, gefragt. Heute heiße es eher: "Wie viele Kalorien hat Sperma? Werde ich davon dick?"

Der Junge, der später als "Dr. Sommer" die Jugend beraten sollte, hatte selbst keine richtige Jugend. Wegen seines jüdischen Vaters wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt, in einem Waldversteck bei Bielefeld überlebte er das Dritte Reich. "Ich hatte Angst vor der Gestapo, nicht vor dem Geschlechtsverkehr", sagte Goldstein 50 Jahre später.

Der Aufklärer der Jugend war selbst nie aufgeklärt worden: "Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau", erzählte er - im Präparierkurs an der Universität. "Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge." Goldstein studierte damals Medizin. Danach wurde Goldstein aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Die Tabus, die seine eigene Pubertät zur Qual gemacht hatten, waren dort allgegenwärtig. Goldstein hatte das Thema seines Lebens gefunden.

Über das Verhältnis der Jugend zum Sex sagte Goldstein einmal: "Früher ist man mit dem Zwang aufgewachsen, alles Sexuelle wegzulassen. Und die jungen Menschen heute wachsen mit dem Zwang auf, alles Sexuelle auszuprobieren und das möglichst sofort." Dass immer mehr Jugendliche sich mittlerweile für die Ehe aufheben wollen, davon hielt Goldstein jedoch nichts. "Ich kann die Sexualität ja nicht wie einen Apparat abschalten und dann einfach, wenn ich verheiratet bin, schalt ich ihn an", sagte er. Das sei keine vernünftige Einstellung.