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Asylbewerber in Warstein:"Sonst macht es niemand"

Nach dem Essen beginnt Akberet die Kaffeezeremonie. Auf einer Gasflamme werden rohe Kaffeebohnen geröstet, dann trägt Akberet den dampfenden Topf von Gast zu Gast und fächert jedem den Rauch zu - eine Geste des Respekts. Die Runde kommt auf das Leben in Deutschland zu sprechen, auf die Dinge, die den Flüchtlingen Schwierigkeiten bereiten. Daniel erzählt von Begegnungen im Alltag: "Die Leute haben Angst vor uns. In Eritrea sind wir immer um Gastfreundlichkeit bemüht, laden Fremde ein, bieten ihnen einen Platz im Bus an, aber hier erleben wir das Gegenteil. Und das bricht uns das Herz."

Robel lebt in einem Asylbewerberheim mitten im Wald, ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Er erzählt. "Das Leben im Asylheim ist nicht leicht. Wir haben nichts zu tun und bekommen keinerlei Informationen. Es gibt nur drei Leute, die sich für uns interessieren: Mother, Father und Uncle, ein Freund der Spiekermanns. Sie kommen zu uns, wir besuchen sie - dadurch sind wir integriert und nicht so allein gelassen."

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Beim zweiten Becher klingelt das Notfallhandy

Der Kaffee wird in winzigen Bechern gereicht. Mehr als drei Tassen sollte man trotzdem nicht trinken, warnt Karl Spiekermann, wenn man nicht die ganze Nacht im Bett sitzen möchte. Als er gerade am zweiten Becher nippt, klingelt sein Notfallhandy. Eine albanische Asylbewerberin ist am Telefon, es gibt wieder Probleme mit ihrem Mann, vor dessen Gewaltausbrüchen sie geflohen war. Karl Spiekermann steht auf und geht vor die Tür - solche Anrufe gehören zum Alltag.

Das Notfallhandy ist immer angeschaltet. Es klingelt, wenn es Stress gibt unter den Bewohnern der Flüchtlingsheime oder wenn eines der Kinder plötzlich krank wird und niemand weiß, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert. Mit einem freiwilligen Helfer kümmert sich Familie Spiekermann um 130 Flüchtlinge im Kreis Warstein - ohne von offizieller Seite beauftragt zu sein oder bezahlt zu werden. "Sonst macht es niemand", sagt Karl Spiekermann. So einfach ist das.

Angefangen hat es mit einem Klopfen

In Deutschland gibt es von Bundesland zu Bundesland, teilweise sogar von Kommune zu Kommune, unterschiedliche Regelungen zur Unterbringung von Flüchtlingen. In Bayern herrscht beispielsweise eine rigide Lagerpflicht für alle Flüchtlinge, deren Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. In Nordrhein-Westfalen, wo Familie Spiekermann wohnt, ist es vergleichsweise einfach, mit dem zuständigen Sozialamt eine Vereinbarung über die private Unterbringung von Flüchtlingen zu treffen.

Angefangen hat es mit einem Klopfen, erinnert sich Karen Spiekermann am nächsten Tag. Sie sitzt am Tisch im großen Wohn- und Esszimmer. Ihr Mann, der eigentlich auch dabei sein wollte, musste plötzlich weg, Flüchtlingsangelegenheiten, ein Termin beim Bürgermeister. Dafür ist Dominic da, das zweitjüngste ihrer sechs Kinder, der in Wien Theologie studiert. Es war im Jahr 1996, als das Ehepaar das erste Mal an die Tür eines im Nachbarort abgestellten Containers mit Flüchtlingen klopfte, um sich vorzustellen. "Eine Familie aus dem Kosovo mit zwei kleinen Kindern hat aufgemacht und uns gleich zu einer Tasse Tee eingeladen. Wir haben uns unterhalten - und sind bis heute mit ihnen befreundet." Schon bald beschloss Familie Spiekermann, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen.

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Ernste Konflikte mit den Mitbewohnern gab es über all die Jahre aber nur einen: Ein Kosovo-Albaner fühlte sich in seiner Ehre verletzt, als Karl Spiekermann dessen Freund eines Übergriffs beschuldigte. Von da an sprach er nie wieder mit der Familie. "Er hat dann immer um sechs Uhr morgens direkt vor unserem Fenster das Auto sehr laut angelassen. Das war sehr schwierig." Die Familie lebte noch einige Jahre bei ihnen, bis sie ein eigenes Haus fand, nur wenige Kilometer entfernt.

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