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Artenschutz:Der Waldrapp lernt, nach Hause zu fliegen

Seit 400 Jahren ist die Vogelart "Waldrapp" in Europa ausgestorben. Ein mutiger Forscher will das ändern.

SZ: Herr Fritz, wie würde ein Waldrapp dieses Gespräch beginnen?

Johannes Fritz: "Grupp, grupp", sagt er. Dazu bewegt er ganz oft den Schnabel auf und ab. So wie immer.

Und was antworten Sie ihm?

"Grupp, grupp", natürlich. Dazu hebe ich meine Faust und strecke und beuge ein paar Mal den Zeigefinger wie einen Schnabel. Waldrapp-Gruß eben.

Mal fliegt er voraus, mal hinterher. Es geht schließlich vor allem um die grobe Richtung. Johannes Fritz im Fluggerät bei einer seiner Alpenüberquerungen mit Vögeln.

(Foto: waldrapp.eu)

Der Waldrapp ist fast ausgestorben, hat nur im Zoo überlebt. Vor 15 Jahren haben Sie begonnen, einige Tiere aus dem Zoo zu befreien. Wie macht man den Waldrapp wieder wild?

Der Waldrapp hat kein Problem damit, selbst Fressen zu finden. Das Problem ist, dass er ein Zugvogel ist. Das heißt, dass er im Winter in den Süden fliegen muss. Über die Alpen. Die Zoovögel, die das ganze Jahr in Gehegen leben, haben das verlernt.

Und Sie bringen es ihnen wieder bei?

Genau. Dazu musste ich es erst mal selbst lernen. Ich habe extra für den Waldrapp einen Pilotenschein gemacht. Mein Ziel war, ihnen voraus über die Alpen zu fliegen. Sie fliegen hinterher - und kennen dann den Weg. Zurück nach Deutschland müssen sie im Frühjahr allein finden. Im folgenden Herbst fliegen sie dann wieder über die Alpen nach Süden, ohne mich dann zwar, aber mit neuen Jungvögeln im Schlepptau.

Ihr Fluggerät sieht aus wie ein Fallschirm mit Motor. Merken die Vögel nicht, dass da was verkehrt ist?

Natürlich fliegt der Waldrapp nicht jedem hinterher. Wir tun so, als wären wir die Eltern: Wir nehmen Vögel als Küken aus dem Nest und ziehen sie von Hand auf. Wir wohnen mit ihnen in einem großen Käfig, füttern und streicheln sie, schmusen und spielen mit ihnen. Ein paar Mal am Tag spielen wir den Küken auch Motorengeräusche vor. Dann kommt bald das Fluggerät ins Spiel. Erst wird es neben das Gehege gestellt, und irgendwann gibt es erste Flüge. Eigentlich fliegen die Vögel ja nicht dem Fluggerät nach, sondern einer Kollegin von mir, der Ziehmutter.

Zehn Zentimeter lang und gut durchblutet: Waldrappe fühlen mit dem Schnabel.

(Foto: waldrapp.eu)

Und klappt das?

Ziemlich gut. Ich fliege das Fluggerät, hinten sitzt die Ziehmutter. Mit einem Megafon ruft sie die Vögel.

Mit "Grupp, grupp"?

Nein, mit: "Komm, Waldi, komm!" Ein Satz, den die Vögel von klein auf lernen.

Was ist das Schwierigste daran, es über die Alpen zu schaffen?

Der Waldrapp ist ein guter Flieger. Aber auch ein gemütlicher. Er braucht Aufwinde. Die nutzt er wie einen Lift, um in die Höhe zu kommen. Das Schwierige ist, den richtigen Wind für die Vögel zu finden. Der Waldrapp ist ein großer Vogel. Er braucht Aufwinde, um über die Berge zu kommen. Seit Neuestem haben wir auch immer wieder Probleme mit Steinadlerattacken.

Können Sie den nicht vertreiben, mit dem Motor oder "Hau ab"-Rufen?

Dafür sind wir viel zu langsam. Da sehen wir höchstens einen braunen Strich im Augenwinkel, der enorm schnell in Richtung Vogelfamilie stürzt. Unsere Vögel haben da schon längst reagiert. Die fliehen in alle Richtungen. Bisher haben wir erst ein Tier an einen Adler verloren. Das Problem ist, die verschreckten Tiere wieder einzusammeln. Bei so einer Attacke verlieren wir auch enorm an Höhe. Und das heißt: neue Aufwinde suchen.

Wie lange brauchen Sie für den Flug?

Hinunter in die Toskana sind wir rund zwei Wochen unterwegs, manchmal auch über einen Monat. Erfahrene Vögel sind da viel schneller. Waldrappzugführer Camillo etwa hat seine Jungvögel in nur vier Tagen runtergebracht. Ein Teufelskerl. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat.

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