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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Gentleman- Einbrecher

ARSENE LUPIN, DER MILLIONENDIEB

Der Fortsetzungsroman von Maurice Leblanc inspiriert viele Filmemacher. Im Jahr 1956 spielt Robert Lamoureux den Meisterdetektiv Lupin.

(Foto: dpa)

War der Anarchist Alexandre Marius Jacob das Vorbild für den fiktiven Meisterdetektiv Arsène Lupin? Sein Schöpfer Maurice Leblanc bestreitet das. Aber ist das nicht nur eine geschickte Finte?

Von Josef Schnelle

Aschermittwoch 1905. Der Prozess vor dem Schwurgericht Somme gegen die "Bande von Abbeville" beginnt. Ihr werden 150 einfallsreiche, aber überaus dreiste Überfälle vorgeworfen, bei denen eine Gesamtsumme von fünf Millionen Francs erbeutet wurde. Unruhige Zeiten herrschen in Frankreich: Die Dreyfus-Affäre ist noch nicht ganz ausgestanden; eine Regierungskrise löst gerade die andere ab. Große Angst herrscht gegen Ende der Belle Epoque auch vor "illegalistischen Anarchisten", zu denen man die 18 Angeklagten zählt. Eine große Menschenmenge, auch von Sympathisanten, hat sich vor dem Justizpalast von Amiens versammelt. Nur mit Passierschein kommt man in den Sitzungssaal. Den kriegen aber nur Beamte, Offiziere und ehrbare Geschäftsleute. Und natürlich die Korrespondenten von den großen Zeitungen Le Figaro, Le Temps und Le Petit Parisien bis zu kleinen Regionalblättern wie L'Echo du Nord oder eigenwilligen literarischen Gazetten wie Gil Blas.

Ein Fluchtversuch des Bandenchefs Alexandre Marius Jacob wird nicht ausgeschlossen. Der zieht nicht einmal vor Gericht seine Melone. Mit "hohlen Wangen und feurigem Blick", so schreibt Le Petit Parisien, verkündet der junge Mann das Credo seiner anarchistischen Diebsgesinnung. "Pourquois j'ai volé" wird später sein Manifest heißen: Er bestehle die reichen Richter, Finanziers und Prälaten, weil sie es nicht besser verdienen, und er gebe die Beute nach Robin-Hood-Art an die Armen weiter, die sie brauchen. Er vergaß nie seinen Humor, mit fantasievollen Verkleidungen und ironischen Scherzen am jeweiligen Tatort, zuletzt beim Raub der Asservatenkammer der Marseiller Polizei, bei dem er unter Vortäuschung von Wahnsinnsspasmen im letzten Moment noch entkommen war. Schon seine Werkzeugtasche mit 80 gedoppelten Einbruchsschlüsseln, einer zusammenfaltbaren Lampe und einer Leiter mit festen Haken aus Seide regte die Fantasie der Beobachter an.

Seine Freunde unter den Anarchisten hatten eine Zeitschrift gegründet mit dem alleinigen Ziel, seine Freiheit zu fordern. Sie hieß Germinal nach dem Frühlingsmonat der französischen Revolution und wies auch auf Émile Zolas Roman gleichen Titels über die menschenunwürdigen Zustände in französischen Bergwerken hin. Sie kündigte während des Prozesses an, er werde bald fliehen, denn Freunde habe er überall - auch unter den Ordnungskräften. Schließlich feierten auch die anderen Zeitungen Jacob im wohlgesetzten Anglizismus als "Gentleman Cambrioleur" - als sympathischen Gentleman-Einbrecher.

Der erfolglose Schriftsteller Leblanc war bei dem Prozess gegen Jacob. Ließ er sich da inspirieren?

Für Gil Blas war der bis dahin erfolglose Möchtegern-Schriftsteller Maurice Leblanc aus Rouen beim Prozess und merkte sich offenbar jedes Detail. Er spürte, dass er den Schlüssel für sein künftiges literarisches Schaffen gefunden hatte. Drei Monate später erschien als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Je sais tout die erste Geschichte von "Arsène Lupin". Einer Serie mit einem eleganten Meisterdieb als Hauptfigur, die offensichtlich viele Züge von Alexandre Jacob trug. Lupin ist Verkleidungskünstler, bestiehlt nur die Reichen und löst wie nebenbei verzwickteste Kriminalfälle, obwohl er auf der anderen Seite des Gesetzes steht. 21 Krimis erschienen bis 1935 und machten Arsène Lupin zu einer der beliebtesten Figuren der Krimiliteratur, die zumindest in Frankreich Kultcharakter besitzt. Leblanc verpasste seinem Helden Zylinder und ein schwarzes Cape und verortete ihn in Étretat in der Normandie am Atlantik mit der spektakulären Felsformation der Porte d'Aval und der Felsnadel Aiguille davor. In deren Inneren befindet sich Lupins Schatzkammer und Hauptquartier mit all seinen Bärten und Masken.

In Étretat gibt es heute im ehemaligen Haus von Maurice Leblanc "Le Clos Arsène Lupin", ein kleines Museum mit Kleidung, Manuskripten und anderen Devotionalien des fiktiven Meisterdiebs, den Jean-Paul Sartre in seiner Autobiografie "Die Wörter" als "Cyrano der Unterwelt" einordnete. Mit dem Anarchisten Alexandre Jacob wollte Maurice Leblanc aber partout nicht in Verbindung gebracht werden, er hat zu Lebzeiten immer wieder geleugnet, dass dieser ihn bei aller Ähnlichkeit zu Lupin inspiriert habe. Doch erst kürzlich nach dem Erfolg der neuen französischen TV-Serie mit Omar Sy aus "Ziemlich beste Freunde" in der Titelrolle des "Lupin" tauchte im Blog "Alexandre Jacob - l'honnête cambrioleur" wieder die These auf, dass hinter dem Mythos Arsène Lupin bestimmt der "illegalistische Anarchist" Jacob stecke.

Während Maurice Leblanc zum Bestsellerautor aufstieg und sich schließlich traute, Lupin in einen Zweikampf mit dem Vorbild Sherlock Holmes - aus Urheberrechtsgründen "Herlock Sholmes" genannt - zu schicken, wurde Alexandre Jacob trotz der Beliebtheit nach 15 Prozesstagen zu lebenslanger Haft auf den Gefängnisinseln Îles du Salut in Französisch-Guayana verurteilt. 17 Fluchtversuche schlugen fehl. Gnadengesuche wurden abgelehnt. Nachdem Jacob fast 20 Jahre in der Strafkolonie verbracht hatte, wurde diese mit der Teufelsinsel, auf der man Alfred Dreyfus in Einzelhaft gehalten hatte, nach Zeitungsberichten über die Zustände dort, vorübergehend aufgelöst.

So konnte Jacob die letzten Haftjahre wieder in Frankreich verbringen. Danach schrieb er für anarchistische Zeitungen, beherbergte Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs und beendete sein Leben 1954 mit einer Überdosis Morphium: "Ich habe keine Lust mehr. Entschuldigt. Ihr findet zwei Liter Rosé neben dem Brotkorb. Zum Wohl." So heißt es im Abschiedsbrief. Den Nachruf im Satiremagazin Canard enchaîné unterzeichnete ein gewisser "Arsène Ex-Lupin". Eine letzte ironische Begegnung von Romanfigur und Vorbild.

Für das Nachleben des Meisterdiebs und Anarchisten sorgt ein ständig aktualisierter Blog: "Alexandre Jacob - honnête cambrioleur" - das elektronische Denkmal eines ehrenwerten Einbrechers, aus dem Arsène Lupin wurde.

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