Süddeutsche Zeitung

Angeln und Moral:Vom Töten und Genießen

Die Fische kriegen den Kopf ab, ich meinen Kopf frei: Unser Autor entspannt gerne beim Angeln. Doch das bedeutet, dass er die Fische tötet - oder zumindest verletzt. Ein Dilemma.

Von Jakob Schulz

Der erste Schlag reißt ein Auge aus der Höhle. Es ist ein kleines Auge an einem kleinen Kopf, der an einem kleinen Fisch sitzt. Ich bin sieben Jahre alt und habe ein Problem. Die Rotfeder, die am Ende meiner Angelschnur zappelt, hat Wurm und Haken weit hinuntergeschluckt. Ohne Zange habe ich keine Chance, den Haken zu lösen. Der Fisch ist dem Tode geweiht. Was tun? Schnur kappen und den Fisch schwimmen lassen? Oder den Fisch töten, um den Haken zu retten? Ich entscheide mich für den Haken. Und greife zu einem Stock, um die Rotfeder damit totzuschlagen.

Angeln bereichert mein Leben, die Fische bezahlen dafür mit ihrem

Seit mehr als 20 Jahren gehe ich gerne angeln. Wenig fühlt sich so gut an. Der Wind bläst durch die Kleidung, die Vögel singen, das Wasser glitzert. Angeln ist eine gute Entschuldigung, um einfach stundenlang am Wasser zu sitzen. Oder den ganzen Tag an Ufern entlangzustreifen. Nächtelang im Zelt an der Ostseeküste zu frieren. Tagelang fluchend durch mückenverseuchte finnische Sumpfgebiete zu streifen.

Tiere töten: ein 360°-Schwerpunkt

Das Schnitzel war einmal ein Kälbchen. So viel ist uns meist bewusst. Aber wie ist es eigentlich gestorben? Damit beschäftigen sich viele Menschen nicht, obwohl sie das Produkt Tier sehr schätzen: Ein Deutscher isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - die Industrie verdient hierzulande Milliarden Euro. Die Süddeutsche Zeitung hat sich dem Thema "Tiere töten" aus verschiedenen Blickwinkeln genähert: vom unüberschaubaren System der Produktion über moralische Bauern bis hin zur Frage, warum so viele Menschen kein Problem mit dem Verzehr eines Tieres - wohl aber mit seinem Tod haben.

Mein bester Freund aus der ersten Klasse wäre längst nur noch Erinnerung, würden wir nicht noch immer zusammen fischen gehen. Angeln ist für mich Entspannung, für die Fische Stress oder Tod. Ich kriege den Kopf frei, die Fische den Kopf ab. Ist das in Ordnung?

Ein Leben für zwei Stunden Sattmachen

Wenn der Fisch nass und schnappend im Gras liegt und ich mich mit dem Knüppel über ihn beuge, frage ich mich oft: Wie alt mag dieses Tier sein? Drei Jahre? Vier? Oder schon zehn? Ein Jahrzehnt Leben, das ich mit einem Schlag auf den Kopf und einem Stich ins Herz beende. Das Tier landet im Ofen, die Runde am Mittagstisch wird davon satt, zumindest für ein paar Stunden. Ist es dieses Sattsein wert, dass ich einem Tier das Leben genommen habe?

Diese Frage stelle ich Peter Singer. Der 68-jährige Australier publiziert seit den 1970ern zu Fragen der Ethik, er gilt als einer der Begründer der Tierrechte. Es komme darauf an, was man statt des Fisches essen würde, antwortet mir Singer. "Der Mensch muss essen. Es gibt Essen, für das man keine Tiere töten muss. Aus dieser Perspektive wäre es besser, den Fisch nicht zu essen, ihn nicht zu töten."

Und doch, sagt der Philosoph, gebe es durchaus Szenarien, in denen er das Töten des Fisches befürworten würde. "Wenn man die Wahl hat, einen Fisch zu fangen und sofort zu töten oder andererseits ein Huhn aus Massentierhaltung zu kaufen, dann ist es vermutlich besser, den Fisch zu essen", sagt Singer.

Faszination Fischen

Angeln kann ungeheuer faszinierend sein. Was mag den Schwimmer da draußen auf dem Wasser zum Zittern bringen? Ein Riesenfisch? Oder nur ein Windhauch? Die Schnur strafft sich, der Ruck in der Angelrute überträgt sich ins Handgelenk, in den Arm, ins Gehirn. Kein Zweifel, das ist ein Großer! Und während das Anglerhirn Endorphine feuert, bohrt sich am anderen Ende der Schnur ein gehärteter Angelhaken mit Vehemenz ins Fleisch.

Fische könnten keine Schmerzen empfinden, wird mir als kleiner Junge eingetrichtert. Ihnen fehlten dafür die Sinneszellen, höre ich von älteren Anglern am See, lese ich in Zeitschriften, höre ich sogar bei der Fischerprüfung. Ganz überzeugt bin ich nie. Zu eindrücklich ist es, das Zittern, Schnappen und Verkrampfen eines sterbenden Fisches zu spüren, nachdem man ihm selbst den Schädel eingeschlagen hat.

Können Fische Schmerzen empfinden?

Streit ums Schmerzempfinden

Können Fische Schmerzen empfinden? Diese Frage stelle ich Robert Arlinghaus, er ist Professor am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und an der Humboldt-Universität in Berlin. "Streng genommen können wir zum Schmerzerleben von Fischen wenig Belastbares sagen. Es gibt keine Erhebungsmethodik, die zweifelsfrei zwischen Schmerz und unbewusster Reizverarbeitung unterscheidet", erklärt er. Sicher wisse die Fachwelt jedoch, dass Fischen der Neokortex fehlt, also die für das bewusste Schmerzempfinden bei Säugetieren nötigen Hirnstrukturen. "Ob andere Hirnregionen bei Fischen die Funktion des Neokortex übernommen haben, ist pure Spekulation", sagt er.

Aber Fische wehren sich doch nach Kräften dagegen, wenn sie an der Angel hängen, wende ich ein. "Verhaltensreaktionen sagen nichts über emotionale Zustände und das Erleben von Schmerz aus", antwortet Arlinghaus. "Hier wird gefühlsbasierter Schmerz mit unbewusst verarbeiteter Nozizeption verwechselt." Nozizeption steht für die Fähigkeit zur Schadenswahrnehmung, erst im Gehirn entsteht das Schmerzerleben. Belegt sei lediglich, dass Knochenfische wie etwa Forellen zur einfachen Nozizeption befähigt sind, dass sie also auf manche schädliche Reize reagieren. Knorpelfischen wie Haien und Rochen fehlten die Nozizeptoren dagegen ganz. Und trotzdem wehren sie sich, wenn sie an der Angel hängen, sagt der Fischwissenschaftler. "An Dorschen ist erst jüngst gezeigt worden, dass sie auf das Einstechen eines Hakens im Maulbereich ohne Zug durch die Angel überhaupt nicht reagierten. Es gab auch keine Stressreaktion. Man sollte sich grundsätzlich hüten, aus Verhaltensreaktionen auf Gefühlszustände zu schließen." Naturwissenschaftlich gebe es ernste Zweifel an der Schmerzfähigkeit, sagt Arlinghaus. Mindestens müsse konstatiert werden, dass die Schmerzfrage ungeklärt ist.

Es gibt also Argumente, dass Fische Schmerzen nicht wie Menschen fühlen können. Doch es gibt keine Gewissheit. Sollte ich deshalb lieber ganz aufs Angeln verzichten?

Hilft das Tierschutzgesetz?

Vielleicht lässt sich mein Zwiespalt mit einer anderen Frage lösen: Ist es für einen Fisch eher gut, neutral oder eher schlecht, wenn er mit zerrissenem Maul wieder schwimmen gelassen wird? "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen", heißt es in Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes. Doch was ist ein vernünftiger Grund? Dass wir am Abend satt vom Esstisch aufstehen? Dass ich einen entspannten Tag am See verbringe?

Oft ertappe ich mich dabei, dass ich meinen Fang gar nicht töten und essen will. Gottlob, denke ich mir oft, bin ich ein bemerkenswert schlechter Angler. Die meisten Angeltage sind Schneidertage - ein Ausdruck dafür, dass kein Fisch angebissen hat. Mich stört das wenig. Ein schöner Tag am Wasser ist mir gut genug. Doch natürlich beißt ein ums andere Mal doch ein Fisch in den Wurm. Statt den Hecht, Barsch oder die Forelle zu töten, lasse ich die Fische, so es denn erlaubt ist, wieder schwimmen. Ist der Fisch besonders stattlich, mache ich davor gerne mal ein Foto - so wie zahllose andere Angler auch. Dabei heißt es im Tierschutzgesetz in § 3, Absatz 6: "Es ist verboten, ein Tier zu einer Filmaufnahme, Schaustellung, Werbung oder ähnlichen Veranstaltung heranzuziehen, sofern damit Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind".

Ich stecke in einem Dilemma. Angenommen, es ist Fischen tatsächlich nicht möglich, wie Menschen ein Gefühl ähnlich des menschlichen Schmerzes zu empfinden, trotzdem steht fest: Sobald sie an meinem Haken hängen, erleiden sie rein physisch einen Schaden. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, auf meine Gewissensfrage eine Antwort zu finden.

"Sie sollten sich eine andere Beschäftigung suchen"

Philosoph Peter Singer muss nicht lange nachdenken, bis er mir antwortet. "Ich denke, die meisten Leute wollen einen Sinn im Leben haben. Manche Leute finden einen Sinn darin, eine Angelschnur ins Wasser zu halten und vielleicht einen Fisch zu fangen. Wenn sie den ganzen Nachmittag dort säßen, ohne zu angeln, würde das für sie keinen Sinn ergeben. Andererseits gibt es viele andere Dinge, die man tun könnte. Vögel beobachten zum Beispiel. Andere finden Sinn im Wandern. Wenn sich der Tag nicht daran entscheidet, ob man als Angler etwas fängt oder nicht, dann sucht man beim Angeln offensichtlich etwas anderes."

Ich fühle mich ertappt. Was erwarte ich vom Angeln? Sicher nicht einen Korb voller blutiger Fische, die ich am Abend in den Ofen schiebe. Stattdessen schätze ich die ungestörte Zeit in der Natur. Für Peter Singer ist das ein Kritikpunkt: "Wenn Sie einen Fisch fangen und dann wieder zurückwerfen, dann stressen Sie den Fisch. Ich denke nicht, dass es akzeptabel ist, einen Fisch ernsthaft zu stressen, nur weil das Ihren Nachmittag befriedigender gestaltet. Von einem moralischen Standpunkt aus sollten Sie eine andere Beschäftigung suchen, mit der Sie ihren Nachmittag genießen können."

Die Gespräche mit Philosoph Peter Singer und Fischwissenschaftler Robert Arlinghaus lassen mich nachdenklich zurück. Was suche ich eigentlich beim Angeln? Und muss ich für dieses Ziel wirklich Fische aus dem Wasser ziehen? In meinem Kopf formt sich eine Antwort auf diese Fragen. Ich will nur noch dann Angeln, wenn ich Fische essen möchte. Wenn ich eigentlich nur in der Natur sein will, werde ich in Zukunft genau das tun. Sonne, Wind und Regen genießen, ohne dabei Tiere zu gefährden. Auch wenn das bedeuten könnte, unter die Vogelbeobachter zu gehen.

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