Angeln und Moral Können Fische Schmerzen empfinden?

Streit ums Schmerzempfinden

Können Fische Schmerzen empfinden? Diese Frage stelle ich Robert Arlinghaus, er ist Professor am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und an der Humboldt-Universität in Berlin. "Streng genommen können wir zum Schmerzerleben von Fischen wenig Belastbares sagen. Es gibt keine Erhebungsmethodik, die zweifelsfrei zwischen Schmerz und unbewusster Reizverarbeitung unterscheidet", erklärt er. Sicher wisse die Fachwelt jedoch, dass Fischen der Neokortex fehlt, also die für das bewusste Schmerzempfinden bei Säugetieren nötigen Hirnstrukturen. "Ob andere Hirnregionen bei Fischen die Funktion des Neokortex übernommen haben, ist pure Spekulation", sagt er.

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Aber Fische wehren sich doch nach Kräften dagegen, wenn sie an der Angel hängen, wende ich ein. "Verhaltensreaktionen sagen nichts über emotionale Zustände und das Erleben von Schmerz aus", antwortet Arlinghaus. "Hier wird gefühlsbasierter Schmerz mit unbewusst verarbeiteter Nozizeption verwechselt." Nozizeption steht für die Fähigkeit zur Schadenswahrnehmung, erst im Gehirn entsteht das Schmerzerleben. Belegt sei lediglich, dass Knochenfische wie etwa Forellen zur einfachen Nozizeption befähigt sind, dass sie also auf manche schädliche Reize reagieren. Knorpelfischen wie Haien und Rochen fehlten die Nozizeptoren dagegen ganz. Und trotzdem wehren sie sich, wenn sie an der Angel hängen, sagt der Fischwissenschaftler. "An Dorschen ist erst jüngst gezeigt worden, dass sie auf das Einstechen eines Hakens im Maulbereich ohne Zug durch die Angel überhaupt nicht reagierten. Es gab auch keine Stressreaktion. Man sollte sich grundsätzlich hüten, aus Verhaltensreaktionen auf Gefühlszustände zu schließen." Naturwissenschaftlich gebe es ernste Zweifel an der Schmerzfähigkeit, sagt Arlinghaus. Mindestens müsse konstatiert werden, dass die Schmerzfrage ungeklärt ist.

Es gibt also Argumente, dass Fische Schmerzen nicht wie Menschen fühlen können. Doch es gibt keine Gewissheit. Sollte ich deshalb lieber ganz aufs Angeln verzichten?

Hilft das Tierschutzgesetz?

Vielleicht lässt sich mein Zwiespalt mit einer anderen Frage lösen: Ist es für einen Fisch eher gut, neutral oder eher schlecht, wenn er mit zerrissenem Maul wieder schwimmen gelassen wird? "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen", heißt es in Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes. Doch was ist ein vernünftiger Grund? Dass wir am Abend satt vom Esstisch aufstehen? Dass ich einen entspannten Tag am See verbringe?

Oft ertappe ich mich dabei, dass ich meinen Fang gar nicht töten und essen will. Gottlob, denke ich mir oft, bin ich ein bemerkenswert schlechter Angler. Die meisten Angeltage sind Schneidertage - ein Ausdruck dafür, dass kein Fisch angebissen hat. Mich stört das wenig. Ein schöner Tag am Wasser ist mir gut genug. Doch natürlich beißt ein ums andere Mal doch ein Fisch in den Wurm. Statt den Hecht, Barsch oder die Forelle zu töten, lasse ich die Fische, so es denn erlaubt ist, wieder schwimmen. Ist der Fisch besonders stattlich, mache ich davor gerne mal ein Foto - so wie zahllose andere Angler auch. Dabei heißt es im Tierschutzgesetz in § 3, Absatz 6: "Es ist verboten, ein Tier zu einer Filmaufnahme, Schaustellung, Werbung oder ähnlichen Veranstaltung heranzuziehen, sofern damit Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind".

Ich stecke in einem Dilemma. Angenommen, es ist Fischen tatsächlich nicht möglich, wie Menschen ein Gefühl ähnlich des menschlichen Schmerzes zu empfinden, trotzdem steht fest: Sobald sie an meinem Haken hängen, erleiden sie rein physisch einen Schaden. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, auf meine Gewissensfrage eine Antwort zu finden.

"Sie sollten sich eine andere Beschäftigung suchen"

Philosoph Peter Singer muss nicht lange nachdenken, bis er mir antwortet. "Ich denke, die meisten Leute wollen einen Sinn im Leben haben. Manche Leute finden einen Sinn darin, eine Angelschnur ins Wasser zu halten und vielleicht einen Fisch zu fangen. Wenn sie den ganzen Nachmittag dort säßen, ohne zu angeln, würde das für sie keinen Sinn ergeben. Andererseits gibt es viele andere Dinge, die man tun könnte. Vögel beobachten zum Beispiel. Andere finden Sinn im Wandern. Wenn sich der Tag nicht daran entscheidet, ob man als Angler etwas fängt oder nicht, dann sucht man beim Angeln offensichtlich etwas anderes."

Ich fühle mich ertappt. Was erwarte ich vom Angeln? Sicher nicht einen Korb voller blutiger Fische, die ich am Abend in den Ofen schiebe. Stattdessen schätze ich die ungestörte Zeit in der Natur. Für Peter Singer ist das ein Kritikpunkt: "Wenn Sie einen Fisch fangen und dann wieder zurückwerfen, dann stressen Sie den Fisch. Ich denke nicht, dass es akzeptabel ist, einen Fisch ernsthaft zu stressen, nur weil das Ihren Nachmittag befriedigender gestaltet. Von einem moralischen Standpunkt aus sollten Sie eine andere Beschäftigung suchen, mit der Sie ihren Nachmittag genießen können."

Die Gespräche mit Philosoph Peter Singer und Fischwissenschaftler Robert Arlinghaus lassen mich nachdenklich zurück. Was suche ich eigentlich beim Angeln? Und muss ich für dieses Ziel wirklich Fische aus dem Wasser ziehen? In meinem Kopf formt sich eine Antwort auf diese Fragen. Ich will nur noch dann Angeln, wenn ich Fische essen möchte. Wenn ich eigentlich nur in der Natur sein will, werde ich in Zukunft genau das tun. Sonne, Wind und Regen genießen, ohne dabei Tiere zu gefährden. Auch wenn das bedeuten könnte, unter die Vogelbeobachter zu gehen.