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Angeln in der Krise:Wo ist der Haken?

Von der Krise gezwungen, besinnen wir uns wie verrückt auf alte Werte - und entdecken den neuen Sommertrend: das Angeln.

Julia Werner

Eines ist klar: Auch im Sommer der Krise werden wieder jede Menge Oligarchen Sardinien mit glänzend-weißen Mega-Yachten umschippern, sich vom Bootskoch kredenztes Sushi in den Mund fallen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Leuten mit ein bisschen Stilgefühl hingegen scheint dies so unangebracht wie Bernie Madoffs Gattin beim Starfriseur: Sie fangen ihr Sushi in diesem Sommer lieber selbst. Angeln scheint plötzlich das neue Golfen zu sein.

Angeln, Fischen, Getty Images

Gerade während der Krise sehnen sich viele nach meditativer Ruhe - und finden sie beim Angeln.

(Foto: Foto: Getty Images)

Im italienischen Marettimo zum Beispiel bieten die ansässigen Fischer Angeltouren für Touristen an. Und auf der Edelinsel Ponza schläft man ganz traditionell für ein paar Euro in Fischerhütten am Hafen. Die Nachfragen nach Touren auf echten Fischerbooten war nie größer unter Männern, die ihre Zeit sonst in maßgeschneiderten Anzügen in Kanzleien und Banken verbringen.

Angeln, das ist vor allem: stundenlang aufs Wasser starren und nichts passiert, sozusagen: meditative Besinnung. Und weil wir uns ja gerade, von der Krise gezwungen, wie verrückt auf alte Werte besinnen, scheint die Chanel-Angel, die schon im letzten Sommer pünktlich zum Börsencrash Verzückung in der Modewelt auslöste - und längst ausverkauft ist -, wie ein Beweis für Karl Lagerfelds immer noch perfekt funktionierenden Trend-Seismographen.

Himmlische Inspiration

Für die Inspiration aber sorgte Coco Chanel selber. Die erste große Welle des Fliegenfischens als anerkanntes Hobby der High Society kam in den zwanziger Jahren auf, zu Zeiten der Großen Depression. So ging die Modemacherin damals mit ihrem aktuellen Begleiter, dem Duke of Westminster, regelmäßig fischen. Charles Ritz, Besitzer des gleichnamigen Pariser Hotels, in dem Chanel 35 Jahre lang lebte, erinnert sich in seiner Biographie an ein Gespräch, in dem sie ihm ihre Nervosität vor der ersten Reise nach Norwegen gestand: "Ich hatte doch noch niemals gefischt!" Ein berühmter Fliegenfischer und guter Freund des Dukes habe sie jedoch in die Geheimnisse des Fliegenfischens eingeweiht. Er erklärte ihr: "Lass dich vom Himmel inspirieren. Ist er klar und blau, nimm einen Silver Doctor als Köder. Ist er dunkel und wolkenverhangen, nimm einen Black Doctor."

Coco Chanel zog danach regelmäßig mehr Lachse aus dem Fluss als der Duke of Westminster selbst. Offensichtlich hatte sie, einer der Fixsterne der durch und durch urbanisierten Pariser Gesellschaft, ihren Draht zur Natur wiedergefunden. Angeln, das half eben damals schon beim Zurückfinden zum Leben im Einklang mit dem Universum.

Raus aus der Stadt, in die Natur, das scheint gerade auch ein Trend in der Mode zu sein. Der Londoner Designer Giles Deacon ist auf dem englischen Land, in Cumbria, aufgewachsen, und ein mit Fliegenfischködern bedrucktes Seidenkleid ist Ausdruck seiner Sehnsucht nach diesen Wurzeln. Miuccia Prada erklärte ihre Kollektion für den kommenden Winter ganz einfach damit, sie habe Lust auf Outdoor-Looks gehabt. In ihrer Kollektion omnipräsent waren oberschenkelhohe Boots im Gummi-Look, kurz: Watstiefel. Die Modejournalistin Sarah Mower kommentierte das auf style.com so: "Die Prada-Kollektion scheint für Frauen gemacht zu sein, die zum Überleben aufs Land zurückgehen."

Kampf zwischen Mann und Natur

Genauer gesagt: zum Überleben der globalen Niederlage. Und so ist es auch kein Zufall, dass Männer, die stets virtuell über virtuelle Zahlen gesiegt haben, jetzt vor einem gar nicht virtuellen Scherbenhaufen stehen, sich plötzlich Bärte wachsen lassen und wie kleine Jungs freuen, selbst wenn sie nach zehn Tagen immer noch keinen Thunfisch aus ibizenkischen Gewässern gezogen haben. Angeln, das ist nämlich: ein ganz realer Kampf zwischen Mann und Natur, die Lehre der Niederlage. Ernest Hemingway, passionierter Angler, verbrachte viele Monate seines Lebens auf Bimini, einer Insel der Bahamas, auf der man, ebenfalls in den zwanziger Jahren, den Sport Hochseefischen erfand, nachdem ein 500 Pfund schwerer Marlin gefangen worden war. Die Familie Duncombe baute, sich des Trends todessicher, 1933 das legendäre Hotel Compleat Angler, das zum internationalen Treffpunkt der Sportangler und Refugium Hemingways wurde. Er erzählt in seiner Novelle "Der alte Mann und das Meer" die Geschichte eines Fischers, bei dem nach 85 Tagen ein Fisch anbeißt, den er doch nicht bezwingen kann. Nach tagelangem Kampf sind die Haie die Gewinner: Sie lassen dem alten Mann nur das Skelett des Fisches an der Angel. Trotz dieser Enttäuschung beschließt der Fischer einen Tag später, wieder aufs Meer zu fahren: Nicht die Niederlage selbst prägt eben den Menschen, sondern nur, wie er mit ihr umgeht.

Hemingway war wichtigster literarischer Vertreter der Generation, die, geprägt von Ziellosigkeit, zwischen den Kriegen lebte und die Gertrude Stein "Lost Generation" taufte. Um es mit dem alten Mann zu sagen: "Aber der Mensch darf nicht aufgeben. Man kann bezwungen werden, aber man darf nicht aufgeben." Angeln: Das scheint zur Zeit einfach die stilvollste Therapie für die neue Lost Generation zu sein, die vor lauter Gewinnen und weißen Motoryachten das Verlieren fast verlernt hätte.

© SZ vom 11.07.2009/aro/bre
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