Alzheimer in unserer Gesellschaft:Heilung ausgeschlossen

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Alzheimer ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der die Nervenzellen und die Kontakte zwischen den Nervenzellen Schritt für Schritt untergehen. Normalerweise dauert die Erkrankung von der Erstdiagnose bis zum Tod zehn bis elf Jahre. Alzheimer selbst ist nicht tödlich, doch in einem bestimmten Stadium sterben die Betroffenen an Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Sturzfolgen. Eine wirksame Behandlung gibt es für Alzheimer nicht. Medikamente können höchstens den Zustand für eine kurze Zeit - wenige Monate, maximal ein Jahr - erhalten. "Dann schreitet der Abbauprozess fort", erklärt Heneka.

Allerdings bekommt nur jeder dritte bis vierte Patient diese Medikamente, weil die Diagnose aufwendig ist und so mancher Arzt die oft hochbetagten Patienten vorzeitig aufgibt. Während bei den 65- bis 69-Jährigen weniger als zwei Prozent der Bevölkerung von einer Demenzerkrankung betroffen sind, sind es bei den über 90-Jährigen rund 40 Prozent. Pro Jahr sei in Deutschland mit knapp 300.000 Neuerkrankungen zu rechnen, fasst Horst Bickel von der Technischen Universität München den Forschungsstand zusammen. "Das kann noch zunehmen, wenn die Lebenserwartung weiter steigt."

Rund zwei Drittel aller Demenzkranken leiden an Alzheimer. Die Krankheit trifft auch die Familien hart. "Viele Angehörige sind schockiert, ihre schlimmsten Befürchtungen werden wahr", berichtet Juraj Kukolja, Leiter der Memory Clinic der Uniklinik Köln. Die Betreuung eines Dementen ist ein 24-Stunden-Job und belastend - zumal Alzheimer häufig mit großer Unruhe und ständigem Umherlaufen einhergeht, sich aber auch in Aggressivität entladen kann. Beides macht auch dann große Schwierigkeiten, wenn Betroffene wegen einer anderen Erkrankung in eine Klinik müssen - sie sind dort störende Fremdkörper in einem immer effizienter werdenden Hochleistungsbetrieb.

Doch gerade die fremde Umgebung, die Menschen in den weißen Kitteln, die ungewohnten Geräusche und die teils unangenehmen Untersuchungen machen ihnen Angst. Im Klinikum Nürnberg sind deshalb ebenso wie in einigen anderen Städten auf Anregung der Selbsthilfeorganisation Deutsche Alzheimer Gesellschaft ehrenamtliche Demenzbegleiter im Einsatz. Eine von ihnen ist Barbara Dubrau, die bis vor wenigen Jahren als Krankenschwester in der Geriatrie arbeitete. Sie freut sich, dass sie den Patienten jetzt geben kann, wovon sie als Profi oft zu wenig hatte: Zeit. Dafür bekommt sie viel zurück: "Die meisten sind sehr dankbar, bedanken sich x-mal für ein Gespräch, einen Besuch, eine Handreichung."

Wenn die Worte bereits fehlen, ist es oft ein Lächeln oder Händedruck. "Was bei Demenzerkrankten erhalten bleibt, ist die Emotionalität: Man kann genauso gut mit ihnen lachen wie mit anderen Patienten, sie sind sehr empfänglich für Musik, auch wenn die Sprache nicht mehr funktioniert", schildert Johanna Myllymäki, die als Koordinatorin des Zentrums für Altersmedizin im Klinikum Nürnberg die Ehrenamtlichen betreut. "Demenzerkrankte sind auch sehr sozial. Die haben wenig Berührungsängste, weil sie die Konventionen ja nicht mehr kennen."

Trotzdem gebe es sehr viele Vorbehalte. "Niemand will sich damit auseinandersetzen, dabei wird jeder vierte von uns eines Tages Demenz haben", sagt Myllymäki. In der gesellschaftlichen Diskussion spiele dieses Thema aber kaum eine Rolle. Der als Rückenarzt bekannte Professor Dietrich Grönemeyer, der in seiner Familie mit Alzheimer konfrontiert wurde, ist überzeugt: "Das hat ganz viel mit Angst zu tun, mit Stigmatisierung, dass wir alle nicht damit umgehen können, dass wir unseren Kern, unser innerstes Denken und Fühlen, verlieren." Außerdem sei unsere Kultur viel zu sehr auf Funktionieren ausgerichtet, Anderssein werde nicht akzeptiert. "Einen gehandicapten Menschen sehen Sie in unserer Gesellschaft nicht, weil er sich versteckt, weil ihn seine Familie versteckt."

Grönemeyer plädiert deshalb ebenso wie Myllymäki für mehr Akzeptanz und Toleranz gegenüber dem Älterwerden an sich und der Demenz im Besonderen. "Was es braucht, ist mehr Geduld, mehr Zeit, ein Sich-Einlassen auf den Menschen, der sich verändert."

Was das bewirkt, kann man im Fürther Fritz-Rupprecht-Heim beobachten. Dort schaut ein Mann zufällig zu, wie eine Mitbewohnerin mit Buchstabenkärtchen übt. Er schnappt sich einen Stift und fängt an zu schreiben - in normaler Schrift und in Sütterlin. Noch bevor sich die Pflegerin von ihrer Überraschung über die korrekte Buchstabenfolge erholt hat, kommt eine weitere Heimbewohnerin hinzu. Ihr fehlen bereits sämtliche Worte, doch ihre Kommunikation ist nicht misszuverstehen: Verschmitzt zwinkert sie ihrem Gegenüber zu - um dann mit einem schelmischen Lachen die Zunge herauszustrecken. Und die Pflegerin? Antwortet mit derselben Geste.

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