Dem Geheimnis auf der Spur:Der Philosoph als Mörder

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Gefühl der eigenen Nichtigkeit: Louis Althusser Mitte der Siebzigerjahre.

(Foto: Mario Dondero/picture-alliance / Leemage)

Warum brachte der französische Intellektuelle Louis Althusser seine Frau um?

Von Fritz Göttler

"The Paris Strangler", nannte der streitbare Publizist Tony Judt geringschätzig den französischen Philosophen Louis Althusser - das klingt wie der Titel eines bösen Serienmörder-Films der Sechziger- oder Siebzigerjahre. Althusser hatte die intellektuelle Welt aufgeschreckt, als er 1980 seine Frau in einem Moment der Geistesabwesenheit erwürgte. Natürlich war Tony Judt der Marxismus, den der Philosoph propagierte, sowieso ausgesprochen suspekt.

Es war der Morgen des 16. November 1980, ein Sonntag, in der Dienstwohnung von Louis Althusser in der berühmten Pariser École normale supérieure, wo er lehrte. Der Philosoph erwacht und massiert den Hals seiner Frau Hélène, wie er es öfters tat. Plötzlich sieht er, dass ihre Zunge aus dem Mund ragt - er hat sie, ohne dass er es gemerkt hatte, getötet. Tage später wird er von den Behörden für schuldunfähig erklärt und in eine Anstalt eingewiesen, das geht, dank des Paragraphen 64 des französischen Strafgesetzbuchs. Althusser wird so vor einem Prozess bewahrt, aber auch jeder Möglichkeit beraubt, sich zu dieser unerklärlichen Tat zu äußern und sich zu verteidigen. Die Anstalt wird er nicht mehr verlassen, 1990 stirbt er nach einer Herzattacke. Im Jahr 1985 hatte er einen autobiografischen Bericht vorbereitet, über sein Leben und seine Versuche zu lieben, der nach dem Tod veröffentlicht werden sollte: "L'avenir dure longtemps" (deutsch unter dem Titel "Die Zukunft hat Zeit").

Louis ist ein Ersatz, seine Mutter sieht durch ihn immer nur den toten Geliebten

Melancholische Depression war der Befund angesichts seiner Tat gewesen, verstärkt durch den Einfluss von Medikamenten. Der Mann hatte keine Kontrolle mehr über das, was er fühlte, dachte, tat - ein schauriger Befund, eine tragische Ironie für einen Philosophen, der sich beschäftigt mit Bewusstsein und Identität, dem freien Willen, dem Cogito ergo sum. Ein Philosoph, der aus dem schützenden Gehäuse der vita contemplativa so radikal in eine vita activa rutscht, das machte auf verstörende Weise deutlich, dass Philosophie mit dem Leben zu tun hat, einen physischen und psychischen Unterbau hat. Der sehr komplex und traumatisch war im Fall Althusser.

Geboren wurde Louis Althusser am 16. Oktober 1918 in Algerien, in seinem Buch erzählt er vom Aufwachsen in einer bourgeoisen, streng katholischen Familie, von den Konflikten der Franzosen mit der einheimischen Bevölkerung (von denen auch Albert Camus, ebenfalls in Algerien geboren, berichtete). Der Vater, Charles Althusser, war Bankier, die Mutter hatte etwas Besitzergreifendes. Sie hatte den Bruder des Vaters geliebt, aber der musste in den Krieg und fiel bei Verdun. Die Mutter heiratete den Bruder, Louis trägt einen Namen ihres Geliebten. In den Dreißigern zog die Familie nach Lyon. Louis Althusser geht zur Kommunistischen Partei Frankreichs, wendet sich aber später vehement gegen sie.

Die Beziehung zum toten Vater hat sein Leben bestimmt. Louis ist ein "Ersatz", die Mutter sieht durch ihn immer nur den toten Geliebten. Der Name wird zum Trauma, Althusser sieht sich als nichtexistent und nicht authentisch, unwahr und unwirklich, ein Gebilde aus Künstlichkeit und Täuschung. Im Vornamen Louis schwingt ihm allzuoft ein oui mit - ein Jasagen. Und wenn die Mutter den Namen ausspricht, klingt das wie lui - französisch für "er" - und damit ist der tote Geliebte gemeint.

Althusser sieht sich als Null und, wissenschaftlich, als Scharlatan

Schon in jungen Jahren war Althusser in psychiatrischer Behandlung, musste Elektroschocks und andere krude Methoden erdulden. Er ist Ende zwanzig, als er zum ersten Mal mit einer Frau schläft, Hélène Rytmann, seiner späteren Ehefrau, acht Jahre älter als er. Sie ist überzeugte Kommunistin, war in der Résistance, aber auch sie wird aus der Partei ausgeschlossen, wegen trotzkistischer Tendenzen. Nach dem ersten Beischlaf lässt sie heimlich das Kind abtreiben, das dabei gezeugt wurde. Hélène ist elegant, scharfzüngig, hat in den Dreißigern mal mit dem Filmemacher Jean Renoir gearbeitet. Sie befindet sich ebenfalls in psychiatrischer Behandlung, zuletzt beim selben Psychiater wie ihr Mann.

Die Freiheit des Denkens ist für den Marxisten Althusser eine Schimäre, er geht in jedem seiner Texte an dessen Basis zurück, mit einer manischen, manchmal monotonen Besessenheit - die Konsequenz dieser Texte wirkt wie die Klammern eines Schraubstocks. Er nimmt Marx sehr viel ernster als viele andere Marxisten, treibt ihm aber auch das Spielerische aus, das dessen Texte lebendig und lustvoll hält. Marxismus ist bei ihm wie eine Obsession, es gibt nichts Progressives in diesen Denkspiralen, kein Fortkommen. Und seine Radikalität ist teuer erkauft, mit sexuellen pathologischen Turbulenzen.

Als Antihumanismus hatte man Althussers Philosophie deklariert, und das ist diesem durchaus bewusst. "Der theoretische Anti-Humanismus von Marx beseitigt also keineswegs die historische Existenz des Humanismus", schreibt er in dem Buch "Für Marx". "Besser noch: der theoretische Anti-Humanismus von Marx spricht dem Humanismus eine Notwendigkeit als Ideologie, eine bedingte Notwendigkeit zu, indem er ihn in Beziehung setzt zu seinen Existenzbedingungen."

Die Aufenthalte in der Psychiatrie haben den Philosophen seiner Identität beraubt. Er sieht sich als Null und wissenschaftlich als Scharlatan. Es muss ein schrecklicher Sommer gewesen sein im Jahr 1980, mit dem Gefühl der eigenen Nichtigkeit, dem Verlangen, sich selber auszulöschen. Hélène konnte als eine Ersatzmutter, ihn bewahren vor der Selbstzerstörung, allerdings zu einem schrecklichen Preis.

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