Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“Ich will meine Freundinnen zurück

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Unsere Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff.
Unsere Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff.
Lorenz Mehrlich

Drei Uraltfreundinnen, fünf Kinder, Hunderte Kilometer Abstand. Irgendwann fängt man an nachzurechnen, wie oft man sich in diesem Leben wohl noch sehen wird.

Von Friederike Zoe Grasshoff

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Wollen sich drei Uraltfreundinnen treffen, die in Summe fünf Kinder haben und jeweils 400 bis 600 Kilometer voneinander entfernt wohnen, läuft die Terminfindung so: Freundin Nummer eins schreibt irgendwann im November in den Gruppenchat, dass man sich unbedingt bald wieder sehen müsse, „das Jahr ist schon wieder vorbei, die Zeit rast so!“ Traurige Tatsache. Es folgen diverse Herzen, Freundin Nummer zwei postet fünf Fotos, auf denen nicht sie, sondern ihre Kinder zu sehen sind, was nun einen ganzen Reigen aus Herzen in Gang setzt. Dann tagelanges Whatsapp-Schweigen, wahrscheinlich auf allen Seiten gut gefüllt mit Arbeit, Kindern, Wäsche, Kochen, Läusen, Deadlines, Arztterminen, Glücksmomenten, punktueller Verzweiflung und anderen interessanten Chatgruppen.

Ein alles verheißendes Pling! Freundin Nummer drei schreibt in den Chat: „Wollen wir jetzt nicht fix was ausmachen für 2026? Im Sommer?“ Daraufhin Freundin Nummer eins: „Also der Sommer ist bei uns schon komplett dicht, sorry.“ Dicht, das klingt, als ob eine Firma gemanagt werden müsste, was ja auch den Tatsachen entspricht. Keine Herzchen, keine Kinderfotos, dafür nimmt sich Freundin Nummer drei ein Herz und fragt: „Im April? Sonst sehen wir uns ja zwei Jahre nicht.“ Die Absprache mit Partnern und Großeltern dauert eine weitere Woche, und wie durch ein Vereinbarkeitswunder, an das niemand in dieser Chatgruppe noch geglaubt hatte, steht plötzlich ein fester Termin.

Ein Angang vom Ausmaß einer Weltklimakonferenz, von dem man sich erst mal erholen muss, aber immerhin ein Angang mit klarem Ergebnis: In ein paar Wochen sehe ich meine besten Freundinnen, mit denen ich zu Schulzeiten 20 Stunden am Tag verbracht habe, weil wir meistens nicht schliefen.

Es ist irrelevant, ob ich Freundin Nummer eins, Nummer zwei oder Nummer drei in diesem wilden Gruppenchat bin. Relevant aber war der Moment, als ich mich neulich dabei ertappte, wie ich nachrechnete, wie oft ich meine Uraltfreundinnen wohl noch sehen werde, ich meine jetzt in diesem Leben. 40-mal? 25-mal, falls die Keime aus dem Kindergarten weiter so zuschlagen, wie sie zuschlagen? Großer Widerstand in mir: Ich will keinen wilden Gruppenchat, ich will wilde Gespräche.

Und wenn der britische Evolutionspsychologe Robin Dunbar davon ausgeht, dass ein durchschnittlicher Mensch in der Lage dazu ist, drei bis fünf enge Freundschaften gleichzeitig zu pflegen: Gilt das auch in der Rushhour des Lebens, wenn die Tage lang sind, die Nächte kurz und die Neurosen blühen? Oder wird man erst wieder so elementar wichtig wie in der Jugend füreinander, wenn man alt ist? Viel zu düster, stoppte ich mein Gedankeninferno, wissend, dass jede von uns sofort in einen ICE springen und sonst wohin rasen würde, wenn wir uns wirklich einmal dringend brauchen würden, und sei es nur für ein paar Stunden.

Vorerst ist allerdings niemand in einen ICE gesprungen und irgendwohin gerast, geht ja auch gar nicht mit Buggy. Unser Treffen wurde kurzfristig abgesagt. Ein kranker Erwachsener, ein krankes Kind: Das ist höhere Gewalt in dieser Lebensphase. Ein neuer Termin wurde bereits gefunden. Kein Witz jetzt.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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