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Lisa Friederich, 24 Jahre. Schauspielerin.

Im Rainer Kaufmann-Film "Ein fliehendes Pferd" hatte Lisa Friederich ihre erste kleine Filmrolle, neben Katja Riemann und Ulrich Noethen.

(Foto: Foto: FelixBroede)

"Für fünfzig Euro kann ich dir auch einen blasen", sagt sie, studiert aufmerksam den Geldschein in ihrer Hand und sieht Helmut dann direkt in die Augen. Sie ist klein, zierlich, wirkt graziös und zugleich provokativ. Mit ihren zu Schnecken gedrehten Haaren, dem grellen Lippenstift, dem kurzen Kleid sieht sie jung aus, sehr jung. Lisa Friederich ist Schauspielerin. In der Martin-Walser-Verfilmung "Ein fliehendes Pferd" verkauft sie Ulrich Noethen Drogen. Als "Freakiges Mädchen" wird ihre Rolle im Abspann bezeichnet, ihr Nachname als Friedrich aufgeführt. Ihre Szene ist kurz - der Satz prototypisch für ein junges Talent am Anfang der Karriere. Doch Friederich verleiht ihrer Rolle Präsenz, Charakter, trotz der knapp bemessenen Zeit.

Ihr Weg auf die Bühne und vor die Kamera begann langsam und entwickelte sich rasant. Mit vierzehn Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Theater, zu den Brettern, die für sie, wie für so viele andere, die Welt bedeuten. "Ich habe mich damals ziemlich einsam gefühlt - und im Theater das gefunden, was ich gesucht habe", sagt Friederich über diese Zeit, die gefüllt war von abendlichen Theaterbesuchen, Kontakten zu Schauspielern, Phantasien, Sehnsüchten, Träumen. Trotz ihrer immer größer werdenden Leidenschaft für die Theaterwelt stellte sie damals ihre eigene Begabung kein einziges Mal auf die Probe. "Irgendwie hat es sich nie ergeben."

Katja Riemann mit Muskelkater

Eine Woche nach dem Abitur aber nahm sie an den Aufnahmeprüfungen zweier Schauspielschulen teil, erhielt von beiden eine Zusage und entschied sich, nach Stuttgart zu gehen. Andere bereiten sich monatelang auf diesen Moment vor, studieren Pflichtrollen ein, nehmen Unterricht und werden dennoch immer wieder abgewiesen. Friederich übte alleine im stillen Kämmerlein, genauer, auf dem Dachboden im Haus ihrer Eltern. Sie ist ein Mensch, der das Insichgekehrtsein braucht, damit ihr Innerstes nach außen strahlt. "Wenn ich mich vorher auf mich selbst konzentriere, mit keinem Menschen rede, mir nur ein Buch oder eine Zeitung vor die Nase halte - dann komme ich in einen Zustand, der interessant ist", sagt sie.

Auf die acht Plätze der Stuttgarter Schauspielschule bewerben sich jährlich rund 600 Kandidaten. Nicht allen aber, meint Friederich, sei klar, worum es beim Schauspiel wirklich ginge. "Viele haben diesen komischen, traumhaften Wunsch, der nichts mit dem Beruf zu tun hat." Vier Jahre dauert die Schule, eine harte Zeit mit einem Stundenplan, der von morgens um acht bis teils nachts um zehn prall gefüllt ist. Von wegen lustiges Künstlerleben.

Im letzten Jahr dann kamen die Zweifel: Was ist der bessere Weg - das Theater oder der Film? Eines Tages saß bei einer Prüfung Regisseur Rainer Kaufmann im Publikum. Und bot im Anschluss Lisa Friederich eine Rolle für seinen neuen Film an: "Ein fliehendes Pferd". "Auf einmal saß ich im Zug zum Bodensee, habe zwei Nächte lang auf einem Schiff gedreht." Eigentlich hätte sie Theaterproben gehabt, stattdessen übte sie Joints drehen, lief einer von Muskelkater geplagten Katja Riemann über den Weg und stand mit Ulrich Noethen vor der Kamera. Vielleicht war ihr Auftritt in diesem Film ein Meilenstein ihrer Karriere. Für Friederich selbst zählen andere Dinge: "Mich interessiert die Arbeit, mich interessiert es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die dasselbe wollen wie ich." Doch Leistung wird am Erfolg gemessen, das weiß sie. "Und nur weil da ein, zwei schöne Namen im Lebenslauf stehen, hat man noch lange nicht seine Brötchen verdient."

Zwischen Bühnenglanz und Einsamkeit

Seit ein paar Monaten nun ist sie bei einer Berliner Agentur unter Vertrag. "Meine Agentin unterstützt mich vorbehaltlos, ich bin sehr froh, gerade hier gelandet zu sein. Es hat einfach von der ersten Sekunde an zwischen uns gestimmt", meint Friederich. Rollen in einem "Tatort", in Kurzfilmen, Engagements in Stuttgart, Heidelberg, Düsseldorf, Linz, Nachwuchsförderpreis der Schauspielbühnen Stuttgart - in ihrem Lebenslauf stehen weit mehr als nur ein, zwei schöne Namen. Angekommen fühlt sie sich dennoch nirgendwo. Ihr Alltag ist ein Auf und Ab zwischen Bühnenglanz und Einsamkeit.

In hektischen Zeiten, in denen sie Drehs, Proben, Vorbereitungen für Castings unter einen Hut zu bekommen versucht, verwildert die Wohnung, die Wäsche stapelt sich. "Dann auf einmal ist alles vorbei und man fällt in ein tiefes Loch." Dann sind da wieder die Wochen, in denen die Agentur nichts von sich hören lässt, in denen sie sehnsüchtig auf das Klingeln des Telefons wartet und so manches Mal denkt: "Es ruft mich nie wieder jemand an."

Und doch sei es die Mühe wert: "Wenn man weiß, worauf man hinaus will, alle Kraft dafür aufwendet, wenn man nicht genug von der Arbeit haben kann, und wenn es dann auch noch gut wird - das ist ein großes Glück." Dafür, so sagt sie, lohnten sich auch die schwarzen Tage.

Lisa Friederich ist eine Alleskönnerin - sie ist hochintelligent, beherrscht mehrere Sprachen fließend, ist musikalisch und sportlich. Sie ist eine der Menschen, denen nach der Schule die Zukunft offen steht, die jeden Beruf ergreifen können, den sie nur wollen. Warum hat sie sich gerade für diesen Beruf entschieden, für ein Leben der Ungewissheit, der Unberechenbarkeit? "Platt gesagt war es diese riesige Liebe zum Theater, die Liebe zum Film", antwortet sie.

"Vielleicht kann man es einfacher haben. Es ist irrational, ja - aber die großen Entscheidungen im Leben sind meistens irrational", meint Friederich, seufzt ein wenig und lacht.

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