Alltag im Altersheim Die Tochter

Zwei- bis dreimal die Woche besucht Hannelore Stoltze ihre Eltern im Heim. 20 Minuten Fußweg sind es bis zur Flemmingstraße. Manchmal kauft sie unterwegs Blumen, diesmal ein Pfund Erdbeeren. Der Rollator steht nicht vor der Tür. Hannelore Stoltze klopft trotzdem an. Die Betten sind noch nicht gemacht. Es riecht nach Obst, das jemand vergessen hat zu essen. Hannelore Stoltze wischt die Wachstischdecke ab, untersucht die Pfirsiche nach Druckstellen, schneidet die Nelken neu an und wirft die Servietten weg, die ihr Vater gern in die Sofaecken stopft. "Ich räume hier eigentlich immer auf", sagt sie und es klingt nicht wie ein Vorwurf, sondern nach einem Menschen, der froh ist, dass er etwas tun kann.

Was tun, wenn die Eltern pflegebedürftig werden? (Archivbild von 2007)

(Foto: dpa)

Hannelore Stoltze ist 74 Jahre alt, groß und schlank. Wenn sie lacht, sieht sie kaum älter als 60 aus. "Die Gene", sagt sie im Tonfall einer Frau, die sich nur wenig aus Komplimenten macht. Während Freunde und Bekannte schon vor Jahren begannen, Vorkehrungen für das Alter zu treffen, war das Thema Pflegeheim für Hannelore Stoltze lange keines, über das es nachzudenken lohnte. "Ich dachte, meine Eltern sind einfach immer da."

An der Wand des Heimzimmers hängt ein Foto, aufgenommen in dem Sommer, als die Eltern ihren 80. Geburtstag feierten. Es zeigt die Göhlers umringt von ihren Liebsten: zwei Kinder, fünf Enkel, fünf Urenkel, zwei Ururenkel. Auf dem Bild ist Walter Göhlers Lächeln das eines Mannes, der seine Frau ohne Zwischenstopp bis an die Ostsee fährt. Nach dem Krieg arbeitete er jahrelang als Kraftfahrer. Wenn es etwas gab, das wichtiger war als die Werkbank, dann das Auto.

Hannelore Stoltze saß im roten Golf ihres Vaters, als sie der Gedanke traf: "Er ist ein alter Mann." Walter Göhler verfuhr sich auf den Straßen des Erzgebirges. Nach einer Umleitung fand er den Weg in seine Heimatstadt nicht mehr. "Er fuhr ganz in der Mitte, um nicht von der Straße abzukommen. Da sagte ich: Vati, jetzt ist Schluss." Hannelore Stoltze organisierte ihren Eltern zunächst einen Platz im betreuten Wohnen für Senioren, nur wenige Meter von ihrer eigenen Wohnung entfernt. Die Mutter hat grauen und grünen Star - Pflegestufe 1. Bei ihrem Vater wurde Altersdemenz diagnostiziert - Pflegestufe 2. Eine Schwester sah regelmäßig nach dem Rechten. Dann stürzte ihre Mutter und brach sich den Oberschenkelhals. Der Vater vergaß die Tabletten, ein anderes Mal nahm er alle auf einmal.

Hannelore Stoltze begann mitten in der Nacht aus dem Fenster zu schauen, ob drüben das Licht brannte, bekam Angst, wenn sie die Sirene des Krankenwagens hörte. Treppe runter, über den Hof, Treppe rauf - zwei Minuten und sie war bei den Eltern. Ihr Leben erstarrte zwischen zwei Wohnblocks. Am Ende überzeugten sie und ihr Bruder die Eltern, in ein Pflegeheim zu ziehen. "Ich habe mich schlecht gefühlt, hundeelend, nächtelang habe ich geweint", sagt Hannelore Stoltze und blickt auf ihre Hände, so als sei ihr nicht wohl bei dem Gedanken, dass jetzt auch andere ihre Eltern berühren. 1600 Euro Eigenanteil fallen für die zwei Plätze in vollstationärer Pflege monatlich an.

"Was wollt ihr mitnehmen?", fragte Hannelore Stoltze, als der Tag gekommen war. Das Sofa, die Vitrine, den Couchtisch. Ihre Eltern sitzen draußen bei der Eiche. Ihre Mutter trägt ein blaues Halstuch und eine schwere Strickjacke, so als würde sie dem Sommer nicht recht trauen. Ihr Vater nimmt eine Erdbeere aus der Pappschale, schaut sie an wie einen seltenen Stein, und legt sie behutsam in den Schoß. "Wie war euer Tag?", fragt Hannelore Stoltze. "Gut. Wir ham..." Walter Göhler kneift die Augen zusammen und senkt den Kopf, als hätte er zu lange in die Sonne geschaut. Er verstummt.

Hannelore Stoltze weiß, dass es nicht besser werden wird. Wer ins Heim einzieht, zieht nicht wieder aus. Irgendwann wird ihr Vater auch ihr Gesicht vergessen haben. Er erzählt jetzt viel vom Krieg, von Kiew und den russischen Partisanen, die ihn mit einem geheimen Handzeichen warnten, wenn ein Anschlag bevorstand. Es ist, als würde die Vergangenheit noch einmal angreifen, während das Hier und Jetzt fahnenflüchtig wird.

"Ich sehe, dass die Pfleger sich viel Mühe geben, aber ich sehe auch, dass sie oft nicht genug Zeit haben, sich intensiv mit den alten Menschen zu beschäftigen", sagt Hannelore Stoltze. Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass sie Kritik übt. Als ihre Mutter während eines Spazierganges fragt: "Gehen wir bald nach Hause?", sagt sie Ja und hofft, dass Hildegart Göhler irgendwann das Eckzimmer im zweiten Stock Zuhause nennen wird.