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Alleinerziehende damals und heute:Alleinerziehende Frauen galten als "gefallene Unschuld"

Die Gefahr für Alleinerziehende, in die Armut abzurutschen, ist groß.

(Foto: EBE)

Bürgerliche Frauen, die im 19. Jahrhundert schwanger wurden, aber nicht verheiratet waren, galten in der damaligen Gesellschaft als "verführte und gefallene Unschuld". Noch schlimmer war das Image unverheirateter Mütter aus der Unterschicht: Sie wurden als liederliche Frauenzimmer abgestempelt, mit einem zügellosen Sexualleben assoziiert. Fast jede ledige Mutter galt als unnatürlich, unsittlich - und sogar als unfähig, ihre Kinder zu erziehen. Oft gaben diese Frauen ihr Kind deshalb zur Adoption frei; manche brachten ihr Neugeborenes sogar um, weil sie Angst hatten, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Das ist heute nicht mehr so: "Die Akzeptanz alleinerziehender Frauen ist inzwischen deutlich besser", sagt Soziologe Bahle. Im Laufe der Jahrhunderte habe diese Stigmatisierung abgenommen. Dafür fände sie seit Jahrzehnten auf anderer Ebene statt - der beruflichen und finanziellen.

200 Mark im Monat, so viel verdiente Irmgard Tietje damals in den sechziger Jahren. Sie arbeitete als Bürofachangestellte, erst in einer Werbeagentur, dann in einer Brauerei. Wohnen konnte sie bei der Mutter. "Ich nehme die Kleine und du gehst arbeiten", so lautete die Abmachung. In den ersten drei Jahren zahlte der Vater ihrer Tochter im Monat 90 Mark Unterhalt, dann hörte er damit auf. 86 Mark kostete damals allein der Kindergarten. Neue Kleider konnte sie sich nicht leisten. "Ich habe immer selbst genäht und gestrickt, oft bis zwölf Uhr nachts", erzählt sie. Urlaub kam für die kleine Familie ohnehin nie in Frage.

Manar Aid bekommt jetzt Unterstützung von der Stadt

1500 Euro im Monat hat Manar Aid für sich und ihre beiden Töchter zur Verfügung. Ihr Mann zahlt keinen Unterhalt. Sie bekommt Unterstützung aus der Unterhaltsvorschusskasse der Stadt, außerdem Kindergeld - und dann ist da noch ihr Verdienst aus der Bäckerei. Es sei schwierig, sagt sie.

"Der Arbeitsmarkt ist speziell für alleinerziehende Frauen ein Problem", sagt Soziologe Thomas Bahle. Natürlich, es gibt auch die Vorstandsvorsitzende, die so gut verdient, dass sie sich eine private Ganztragsbetreuung leisten kann. Doch nur ein Drittel der alleinerziehenden Frauen könne sich mit ihrem Job ohne weitere Hilfe über Wasser halten oder gar gut finanzieren, sagt Bahle. "Das sind wirklich nur die, die einen sehr guten Hochschulabschluss im richtigen Fach haben." Die anderen Zahlen, die der Soziologe nennt, zeichnen ein düsteres Bild - das einer Mehrheit in prekären Verhältnissen: Etwa ein Drittel der Frauen empfange Hartz VI, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe, ein weiteres Drittel sei zwar beschäftigt, doch reiche das Einkommen nicht für den Lebensunterhalt.

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