Alkoholismus Für einen Rückfall braucht es nicht viel

Doch für einen Rückfall braucht es oft viel weniger als eine ausweglose Situation an Weihnachten. Oft reicht schon ein Satz, eine Bemerkung, ein Anruf, der nicht kommt - egal welche Jahreszeit gerade ist. Melanie Poppner ist Diplompsychologin und arbeitet beim Suchthilfeverein "Club 29" in München. "Ob und wann jemand rückfällig wird, hat mit seiner persönlichen Geschichte zu tun", sagt sie. Für einige sei Weihnachten eine kritische Zeit, andere drohten beispielsweise am Todestag ihres Partners wieder zur Flasche zu greifen.

"Wichtig ist, dass die Menschen ihre eigene Strategie entwickeln - und alte Rituale durch neue ersetzen", sagt die Suchtberaterin.

Gisela hat genau das getan. Früher scharte die 63-Jährige, die eigentlich anders heißt, an Heiligabend ihre ganze Familie um sich. "Bei mir stand der große Baum, ich hatte den Platz dafür", sagt sie. Ihr Mann, ein ausgesprochener Weinkenner, zelebrierte das Öffnen jeder einzelnen Flasche wie eine Zeremonie. Manchmal war Gisela über Weihnachten so betrunken, dass sie die Geschenke im Schrank vergaß. Nicht, dass sie den Rest des Jahres nüchterner gewesen wäre, aber ausgerechnet über die Feiertage solche Aussetzer zu haben, machte sie wütend und traurig.

"Gisela" hat an einem Heiligabend bei den Anonymen Alkoholikern Halt gefunden.

(Foto: Juri Auel/SZ.de)

Am ersten Weihnachtsfest, nachdem sie ihrem Mann und dem Alkohol "Lebewohl" gesagt hatte, stand die Münchnerin vor einem Problem: Die vertrauten Rituale fehlten ihr. Um sich selbst zu schützen, wie sie sagt, ging sie zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker. An Heiligabend. Die Selbsthilfegruppe, die nicht an Konfessionen gebunden ist, kennt keine Feiertage. Irgendwo findet immer ein Treffen statt. "Das hat mir geholfen. Da waren Menschen, denen ist es genau so gegangen wie mir."

Inzwischen geht Gisela zwar noch zu den Treffen, aber nicht mehr an Weihnachten. Mit einem neuen Partner kamen auch neue Traditionen für die Feiertage. An Heiligabend, so ist es jetzt Brauch, geht die 63-Jährige tanzen. Keine Chance für einen Rückfall, denn: "Tänzer trinken Wasser. Mit Alkohol kann man nicht tanzen", sagt sie.

Auch Wolfgang verbringt die Feiertage inzwischen anders als früher. Der Computerexperte ist einer der Administratoren eines Selbsthilfeforums für Alkoholiker. An Weihnachten und um Silvester betreut er mit anderen Freiwilligen einen Chat, in dem Betroffene Halt und Ablenkung finden können, wenn sie, wie Wolfgang es nennt, der "Saufdruck" plagt.

Am ersten Feiertag hat Wolfgang allerdings etwas anderes vor. Da trifft er sich mit seinen drei Schwestern zum gemeinsamen Essen. Aus Rücksicht auf ihn trinkt niemand am Tisch Alkohol. "Heute lebe ich so, wie die Menschen, die ich in meiner Zeit auf der Straße immer beneidet habe", sagt er.

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