Aktuell :Tagebuch aus der Ukraine

Lesezeit: 3 min

Albina

Albina mit einer ihrer Katzen im Keller ihres Hauses in der Ostukraine. Seit dieser Woche ist sie mit ihrer Mutter und Oma auf der Flucht.

(Foto: privat)

Was bedeutet Krieg für Kinder und Jugendliche im Alltag? Albina ist 14. Sie wohnt mit ihrer Mama, ihrer Oma und zwei Katzen in einem kleinen Ort in der Ostukraine. Auch in Woche fünf seit dem russischen Überfall schreibt sie Tagebuch.

Übersetzung: Katja Garmasch

24. März, Tag 29

Es ist verdächtig still in Mykolajiwka. Die Sonne scheint, es wird warm. Die Umstände machen den Alltag zu einer Qual. Wenn die Qual mit ruhigen Tagen verdünnt wird, macht sie das noch schrecklicher. Also hofft man entweder auf ewigen Lärm oder auf ewige Stille.

25. März, Tag 30

Mein Schlafrhythmus ist immer noch völlig durcheinander. Ich habe fast den ganzen Tag verschlafen, dabei wollte ich mit meiner Mutter einkaufen gehen. Aber die Läden sind ohnehin leer. Am wichtigsten ist es jetzt, solche Sachen wie Eier oder Fleisch zu finden. Daraus kann man vieles machen, zum Beispiel Mayonnaise und Wurst.

Bei vielen Menschen scheint sich irgendwas gedreht zu haben. Wenn eine Sirene ertönt, sind sie ruhig, und an ruhigen Tagen brechen sie in Panik aus. Seltsam, oder? Aber ich verstehe sie. Mama hat lange mit dem Gedanken gespielt wegzugehen. Mein Bruder und Papa wollten das noch mehr als sie selbst. Aber wir wollten unser Haus nicht verlassen - und ich nicht meine beiden Katzen. Gefühle sind manchmal stärker als logische Argumente, Tränen überzeugender als gute Ratschläge. Und so beschlossen wir zu bleiben.

26. März, Tag 31

Ich habe Freunde aus Russland in den sozialen Medien blockiert. Sie sagten, dass das alles nur eine Spezialoperation sei. Sie wissen nicht, dass hier Krieg ist. Es tut weh, dass solche Menschen dich nie verstehen werden und alles abwerten, was du gerade erlebst. Es tut weh, dass sie friedlich einschlafen, wir aber nicht. Gerade wurde ich wieder von Schüssen geweckt.

27. März, Tag 32

Das ist der schlimmste Tag meines Lebens. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Nachdem ich es geschafft hatte, ungefähr zwei Stunden zu schlafen, weckte mich meine Mutter und sagte das, was ich nie hören wollte: Wir müssen gehen. Wahrscheinlich sind sie schon in der Nähe. Erst mal habe ich nichts verstanden, ähnlich wie am ersten Kriegstag. Erst als ich unsere Sachen auf dem Bett sah, von Oma ordentlich gefaltet, habe ich es begriffen. Wir haben dann alles in einen Koffer, eine Sporttasche und einen Rucksack gepackt. Ich muss mein Zuhause verlassen, Haustiere, Freunde. Alle meine Verwandten! Ich kann nicht atmen, weil ich so viel weinen muss. Ich habe versucht, meine Mutter davon zu überzeugen, nach Kiew zu gehen und nicht in ein anderes Land. Aber Mama will weg. Erst nach Polen, dann nach Deutschland. Die Sorge um meine Katzen macht mich fertig. Meine Lieben! Meine Mutter sagt, wir können sie nicht mitnehmen, weil sie keine Papiere haben. Aber wer soll sie dann füttern? Wir haben alle unsere Bekannten gefragt, ob sie zu uns kommen könnten, aber viele von ihnen sind auch auf der Flucht. Am Ende wurde meine Tante Jaroslawa zur Retterin meiner Nerven und meiner flauschigen Schätze. Meine liebe Tante: Danke dir!

28. März, Tag 33

Ich habe keine Minute geschlafen, aber das hat auch einen Vorteil: Ich habe es geschafft, mich zu beruhigen. Ich habe mich selbst überzeugt, dass alles gut wird. Auch wenn ich jetzt gehe, auch wenn für lange. Heute Morgen haben wir alle Lebensmittel aus dem Kühlschrank geholt, das Gas abgedreht, die Heizung und alle Geräte abgeschaltet. Unsere Sachen fertig gepackt. Mama hat Essen gekocht aus dem, was in der Küche übrig war. Aber an Essen kann ich jetzt nicht denken.

Das Taxi ist da. Wieder Tränen, aber diesmal nicht meine. Am schwierigsten ist es für meine Oma: Sie hat länger in diesem Haus gelebt als meine Mutter und ich zusammen. Hier hat sie ihre Verwandten, Freunde, ihren geliebten Garten. Wie schwierig es ist, jemanden zu beruhigen, wenn man kaum mit sich selbst fertigwird. Aber es gibt jetzt kein Zurück mehr. Wir haben die Großstadt Slowjansk bereits passiert. Das Auto wird nicht umkehren.

29. März, Tag 34

Ein eigenes Land zu haben, das von allen als eigenständig akzeptiert wird, ist nicht selbstverständlich. Darüber haben wir mit unserem Taxifahrer gesprochen, während er um die Panzerigel herumfuhr. Wir sind jetzt am Bahnhof. Keine Ahnung, wann und ob unser Zug Richtung Westen kommt. Es sind nicht viele Leute hier. Die sind wohl schon lange weg. Auch für uns geht es bald los, wir müssen unser Land verlassen - hoffentlich nicht für immer.

31. März, Tag 36

Gestern habe ich lange geweint. Ich wollte nach Hause. Ich will zwar auch jetzt nach Hause, ich werde immer nach Hause wollen, jede Minute. Aber ich bin etwas ruhiger. Ich bin in Deutschland. Ich bin in Sicherheit. Ich muss mir immer wieder klarmachen, dass wir keine Wahl hatten, dass das nicht meine Entscheidung war.

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